Unterlassene Hilfeleistung

Mit einem seltsamen Gefährt, in einem Sitz vor dem Lenker sitzend, fahre ich mit K. durch die blaue Abenddämmerung eine enge Dorfstraße entlang. Einwärts ist die Straße belebt und Ladengeschäfte mit Straßenverkauf haben geöffnet.
Am Ende der Straße jenseits der Siedlung findet eine Art Flohmarkt statt. K. schaut sich die Auslagen an. Und ich verbringe meine Zeit mit Flugübungen mit dem Nebenziel, vielleicht eine der jungen Verkäuferinnen beeindrucken zu können.
Meine Flugrunden führen mich jeweils bis zu einer hoch in den dunklen Abendhimmel aufragenden Begrenzung, einem Zaun, eher einer sehr hohen und unendlich breiten Glasscheibe mitten im Raum.
Wie eine Kugel im Flipperautomat schieße ich schließlich in eleganten Wellenmustern und Schwüngen mit dem Rücken zu der glatten Fläche entlang. Das Umfeld der Scheibe scheint nun sehr hell von weißem Neonlicht erleuchtet. Hinter der Scheibe in meinem Rücken und in der Szenerie vor mir herrscht Nachtdunkelheit.
Schließlich taucht D., eine ehemalige Schulkameradin auf, und beteiligt sich an den Flugübungen. In einem kaum merklichen Szenenwechsel mit einem neonhell erleuchteten Sportplatzrasen als Zwischenstadium spielen wir schließlich in kreisenden Schwüngen in der Luft einer hell erleuchteten Sporthalle von quadratischer Grundfläche umher. Draußen vor den Oberlichtern ist es nächtlich dunkel.
Wir fachsimpeln dabei über den Kunstflug ohne technische Hilfsmittel. Auch sie habe das wohl im luziden Traum erlernt und trainiert, stelle ich fest, und sie bestätigt diesen Eindruck.
Auf- und absteigend genieße ich einfach den Flug im Duett und fühle die Luft der Halle um mich streichen. Das genügt vollauf. Und das Spiel hält lang an bis zum Traumende kurz nach 6 Uhr.

Nach dem Erwachen spüre ich deutlich, dass eine weitere Runde problemlos möglich wäre und vertiefe mich in einen neuen Traumzustand.
Nun bin ich in der Stadt auf einem weitläufigen Marktplatz. Ich weiß, dass ich heute um halb eins zum Essengehen abgeholt werde und hoffe daher, von hier aus zeitgerecht wieder daheim anzukommen.
In der offenen Werkstatt eines Kunsthandwerkers am Rand des Platzes hängt seitlich eine weiße Plastikuhr, die halb elf anzeigt. Zwei Stunden, stelle ich erleichtert fest, müssten völlig genügen.
Über den gepflasterten Marktplatz hinweg mache ich mich auf den Heimweg Richtung Diedesfeld. Fliegend werde ich freilich schneller sein. Meine hellgelbe Daunenjacke und mein Rucksack behindern mich dabei zwar leicht; es scheint aber vorerst kein Problem zu geben.
Östlich der Stadt habe ich einen herrlichen Ausblick über die Wingerte in die Rheinebene. Es ist ein unglaublicher, ein makelloser Paradiesgarten, der sich hier in saftigen und lebendigen Grüntönen in einem gedämpften Morgenlicht bis zum blauen Horizont ausbreitet! Herrlicher, weitläufiger als die Realität!
Unter mir in der herrlichen Landschaft erblicke ich jenseits einer Baumreihe, die ich soeben überflog, akkurate Haus- und Gartenparzellen einer Ferienanlage; alle Häuser und Gärten gleichen einander exakt; nur auf einem Platz am nördlichen Rand der Anlage herrscht ein Durcheinander an Latten- und weiß gestrichenen Bretterresten. Auch hier ist nicht alles perfekt, registriere ich fast ein wenig befriedigt. Der Eindruck der sterilen Perfektion in dieser Anlage wird so etwas abgemildert.
Nun fliege ich, etwas tiefer, über eine von Büschen und Bäumen gerahmte Wiesenlandschaft. Ich versuche, wie dieser Tage schon einmal, mit ausgestreckten Armen rasant zu gleiten, doch es funktioniert diesmal nicht. Auch die Imagination eines Raketenantriebs in meinen Füßen hilft mir nicht weiter.
Zudem stören mich jetzt doch die Trageriemen meines Rucksacks. Im Flug streife ich sie ab und lasse den Rucksack einfach so auf meinem Rücken liegen; ich werde ihn auch so nicht verlieren, dessen bin ich mir sicher.
Rechts durch die Bäume sehe ich Verkehrswege mit den üblichen blauen Hinweisschildern. Ich habe das Gefühl, zu sehr nach Osten zu fliegen. Ich muss mehr nach Südwesten korrigieren, um in meine Richtung zu kommen.
In einem Feld von morgendlichem Bodennebel westlich vermute ich irgendwo meine Wohngegend. Mein Flug in die richtige Richtung erscheint mir jetzt aber unerklärlich erschwert und verlangsamt.
So senke ich mich zu einem Kreisel ab, um auf den Schildern zu erkunden, wo es nach Diedesfeld geht.
Mit Erstaunen stelle ich jedoch fest, dass die Schilder am Kreisel italienisch wirkende Ortsnamen wie „Servelio“ oder „Duro“ aufweisen, die in dünner weißer Schrift auf blauem Grund zu lesen sind.
Ich will auch die Schilder weiter hinten im Kreisel entziffern, muss dazu aber die Straße überqueren.
Von links kommt ein weißer Mercedes-Brummi mit weißem Anhänger angeschossen und ist schneller bei mir, als ich vermutet habe. Ich weiß, dass ich zu langsam bin, um dem Zusammenstoß mit dem LKW zu vermeiden, bin mir allerdings sicher, dass ich unverwundbar bin und mir bei dem Crash nichts geschehen kann.
Ich winkle nur meinen linken Arm ab und wappne mich in der Luft etwas einrollend gegen den Aufprall.
Mit seiner linken Seite kracht der LKW frontal in mich hinein, schlenkert nebst Anhänger schwerzfrei um mich herum und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Tatsächlich ist mir gar nichts geschehen. Und ich schwebe weiter den nächsten Schildern zu, die aber auch nur mir unbekannte italienische Orte ausweisen.
In diesem Augenblick kracht links neben mir und scheinbar völlig grundlos ein weißer Transporter mit verdunkelten Scheiben frontal in einen seitlich auf dem Kreisel stehenden Mast. Der Wagen weist keine großen Schäden auf und die Scheiben sind intakt. Eigentlich will ich weiter. Dennoch überlege ich, ob ich nicht nach dem Unfallopfer sehen soll. Hinter den dunklen Scheiben scheint eine bewegungslose Person leicht nach vorne gesackt zu sitzen.
Allerdings habe ich das Gefühl, dass es sich hier nicht um ein echtes Gegenüber, eine eigenständige Person handelt. Da sich auch in den anderen Wagen – alles steht jetzt still – niemand bewegt, meine ich, es hier mit einer Art Puppenszene mit jenen geist- und seelenlosen Traummarionetten zu tun zu haben, von denen meine luziden Träume gelegentlich bevölkert sind. Ehe ich weiter kann, erwache ich im Zuge dieser Überlegungen.
Ich denke, ich wäre womöglich nicht „weggezogen“ worden, wenn ich mich dazu entschieden hätte, ethisch korrekt zu handeln, also ohne viele Überlegungen hinzugehen, die Wagentür zu öffnen und zu schauen, ob ich etwas tun kann. So muss ich mich als mein eigener Richter des Fehlers der zögerlichen oder „unterlassenen Hilfeleistung“ bezichtigen. Die ethischen Verpflichtungen gelten wohl auch im Traumzustand.
Es ist 8:00 Uhr.

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