"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 1. Der Schatzfund

Wolkeninsel

Gina war auf dem Heimweg von der Schule, als sie den Schatz entdeckte. Eigentlich war es nur eine gewöhnliche Zuckerdose aus Porzellan mit verblasstem blauem Blumenzierrat, wie man sie im Haushalt von Großmüttern findet. Sie war alt und angeschlagen. Am Deckel fehlte eine Ecke und der Griff zum Abheben war abgebrochen. Die Dose stand mitten auf dem asphaltierten Weg, so aufdringlich platziert, dass sie unmöglich zu übersehen war. Kurz schaute Gina sich um und vergewisserte sich, allein zu sein. Der Weg durch das Industriegebiet in der Rosslaufstraße war ihr Schleichweg nach Hause und wurde von anderen selten genutzt. Und in der Tat: Niemand war zu sehen. Sie ging in die Hocke und fummelte vorsichtig den grifflosen Deckel ab. Am Grund der Dose glitzerten die winzigen Kristalle feinen Sandes, Vogelsand nicht unähnlich. Dazwischen lagen alte abgegriffene Münzen, zumindest sahen die metallischen Scheibchen wie Geldstücke aus. Die abgewetzten Stücke waren an den Rändern eingekerbt und stellenweise waren ganze Stücke herausgesägt. Eine nach der anderen nahm Gina sie heraus und legte sie in einer Reihe auf dem Boden neben der Zuckerdose ab. Einige bestanden aus angelaufenem Silber; andere aus geschwärzter Bronze. Symbole und Schriftzeichen waren darauf zu erkennen, von denen Gina meinte, sie in einem Münzkabinett auf mittelalterlichen Münzen gesehen zu haben. Einzelne Schlagwörter der Inschriften konnte sie entziffern: „Ernsthaftigkeit“, „Produktivität“, „Ordnung“ las sie da und wunderte sich. Nichts dergleichen erwartete sie auf jahrhundertealten Geldstücken. Gina wusste genug über Archäologie, um zu wissen, dass der „Fundzusammenhang“ wichtig war; sie legte die Münzen behutsam zurück in die Dose und prägte sich das Umfeld und den Standort genau ein. Rechts die grasbewachsene Böschung, dahinter die schmuddelige Ziegelwand des Gasflaschenhandels; linkerhand an einer Wand mit abblätternder Farbe das Metallschild mit dem Hinweis auf die Schlosserei zwanzig Meter weiter. Auf die Bestandsaufnahme konzentriert nahm sie ihre Büchertasche ab und stellte die Dose auf ihre Bücher und Hefte, schloss den Ranzen und schultere ihn. Dabei überkam sie das Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben.
„Schätze muss man melden“, dachte sie, „und darf sie nicht einfach an sich nehmen.“
Mit schlechtem Gewissen schlich sie sich nach Hause. Daheim erwartete sie ihr Vater mit Spaghetti und einer Bolognesesoße aus dem Glas. Sein Schutzhelm lag auf dem Tisch, als sie aßen. Zum Glück stellte er ihr keine Fragen, denn er erkannte an ihrem Gesicht, wenn er nur einsilbige Antworten erwarten durfte. Nach dem Essen verschwand er auf die Baustelle gerade einmal zwei Häuserblocks weiter, die er in diesen Wochen als Bauleiter betreute. Gina stellte die Zuckerdose in ihrem Zimmer auf die Fensterbank. Dann erledigte sie ihre Hausaufgaben. Später rief eine Freundin an, um sich mit ihr zum Inlinerfahren zu verabreden. Das vertrieb die Dose vorerst aus ihrem Sinn. Und als sie sich an jenem Abend schlafen legte, beachtete Gina sie gar nicht. Nachts begann die Dose zu glühen, eine seltsame Spiegelung des Mondlichts, das durch das Fenster fiel, auf dem matten Porzellan – so schien es. Aber Gina schlief bereits tief und fest und bemerkte es nicht.

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