"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 2. Ginas Großvater

Wolkeninsel

Gegen Morgen wurde Gina durch eine laute Stimme in ihrem Schlaf gestört. Die Nachbarin im ersten Stock telefonierte furchtbar laut bei offenem Fenster. Gina spähte auf ihren Wecker. Es war 3:70 Uhr.
Wie seltsam, dachte sie, doch ihr Gehirn war augenblicklich noch zu schlaftrunken, um klar zu erfassen, was daran so merkwürdig war.
Drei Uhr siebzig.
Trotz ihrer geistigen Erschöpfung kam sie mit schlafwandlerischer Sicherheit auf die Beine; sie vermochte sich nicht einmal zu erinnern, wie sie überhaupt aufgestanden war. Jedenfalls stand sie plötzlich bei ihrem Fenster und schaute hinaus. Es war ebenfalls offen und die erste Morgenröte zog sich über den Horizont. Morgendlicher Nebel waberte über ihre Fensterbank in das Innere ihres Zimmers und kroch über den Teppich und unter dem Bett entlang.
„Drei Uhr siebzig“, dachte Gina und schüttelte energisch ihren Kopf, um ihre Gedanken zu klären, „so was kann es nicht geben! Ganz sicher träume ich nur, dass ich aufgewacht bin!“
Langsam schaute sie sich in dem Zimmer um und erwartete halb, dass es sich auflösen würde, dass sie in eine traumlose Dunkelheit eintauchen und auf deren anderer Seite erwacht in ihrem realen Zimmer auftauchen würde. Doch es geschah nicht. Das Zimmer, der kriechende Nebel, der gerötete Himmel in ihrem Rücken blieben völlig unverändert. Irgendeiner Eingebung folgend verließ sie ihr Zimmer, ging den Flur entlang und an der geschlossenen Badezimmertür vorbei ins Wohnzimmer. Die Anrichte mit dem Fernseher darauf, das Sofa, der Tisch mit einer leeren Bierflasche und dem Rest einer Chipstüte, der TV-Sessel; alles in diesem Traumwohnzimmer sah haargenau so aus, wie sie es auch in der Realität hätte aussehen können. Nur die Zuckerdose, so aufdringlich mitten auf der Fensterbank des großen Panoramafensters drapiert, dass man sie unmöglich übersehen konnte, war fremd und neu in diesem Raum. Und Gina erinnerte sich überdeutlich, sie selbst nicht hier, sondern eben auf der Fensterbank ihres eigenen Zimmers abgestellt zu haben!
„Diesmal schicken SIE“ – das Wort war scharf wie in tatsächlichen Großbuchstaben betont – „also eine Zuckerdose!“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Gina wirbelte herum. Und obwohl sie sich absolut sicher war, dass es vor Sekundenbruchteilen noch nicht der Fall war, saß da ihr Großvater Alfred in dem bequemen TV-Sessel, der nun dem Fernseher abgewandt und der Fensterseite und Gina zugewandt war. Die Finger seiner Hände ineinander geschränkt saß er da; an den Füßen dieselben ausgetretenen Pantoffeln, die er bei sich zuhause immer trug; dieselben grauen Stoffhosen und ein weißes Unterhemd.
Vor Erstaunen wusste Gina nichts außer ein knappes „Opa?!“ hervorzubringen, während sie ihr Großvater ohne jede Verwunderung mit seinen eindringlichen blauen Augen aus dem grauen, neunundachtzigjährigen Gesicht ansah.
„Ja“, sagte er betrübt, „Gina, nun bist du wohl dran; die Zeit der Kindheit geht auch bei dir vorbei!“
„Was meinst du damit?“, fragte Gina verwirrt.
„Ich kann mich nicht erinnern, was ich damit meine“, antwortete er. „Bei mir waren SIE sehr gründlich mit ihrem Werk, sodass mir nicht viel geblieben ist.“
Mit einem Anflug von Schmerz blickte er auf die Zuckerdose und Gina konnte nicht anders, als seinem Blick zu folgen und die schäbige Porzellandose zu fixieren.
„Wie auch immer! Eines weiß ich noch mit Sicherheit: Am Abend des Mittsommertages musst du bereit sein!“, hörte sie die Stimme ihres Opas, die voll trauriger, fast gänzlich verblasster Erinnerungen war.
Wie gebannt betrachtete Gina die rätselhafte Dose. Mit einem gehörigen Kraftaufwand riss sie sich von deren Anblick los und wollte ihren Opa fragen, was das alles bedeuten solle.
„Was …“, sagte sie noch, doch der Großvater war verschwunden.
„Opa?“, rief sie, erst leise, dann laut, und wandte sich im Raum hin und her. Aber der Großvater blieb verschwunden.
Stattdessen hörte sie ein Geräusch aus der Küche. War er dort? Sie stürmte hinüber. Ihr Vater war an der kleinen Küchenzeile zugange und bereitete sich ungewöhnlich früh für die Frühschicht vor. Er war schon angezogen mit seiner grauen Handwerkerkluft und trug den Bauhelm auf den Kopf. Mit starren Augen schaute er Gina an; sein Gesicht war seltsam weiß und ohne jede Regung. Die entsetzlichen Augen durchbohrten sie kalt. Doch schien er dreimal hinschauen zu müssen, um Gina überhaupt zu erkennen.
„Gina“, sagte er leise und gedehnt und seine Stimme klang, als dränge sie aus einem Grab.
„Warum bist du noch nicht für die Schule fertig?“, fragte er vernehmlicher und ohne jede Freundlichkeit. „Was lungerst du nutzlos herum?“
Die Stimme und der Anblick waren so erschreckend, dass Gina dankbar war, als die schwarzen, leidenschaftslos starrenden Augen in noch tiefere Schwärze fielen, und sie durch eine brummende und vibrierende Dunkelheit glitt und in ihrem Bett erwachte. Für einen Moment blieb sie regungslos liegen und hörte die Geräusche aus der Küche, wo tatsächlich ihr Vater an der Spüle rumorte und dabei irgendeine Melodie im Radio nachsummte. Der Wecker zeigte 6 Uhr früh, eine realistische und normale Zeit für ihren Vater. Dennoch musste sich Gina überwinden, aufzustehen und hinüber in die Küche zu gehen. Ein wenig fürchtete sich vor einem Vater mit weißem Gesicht und leeren Augen. Dass dem nicht so sein würde, war ihr eigentlich schon klar, ehe sie den Raum betrat.
„Gina, Schatz, heute schon so früh wach?“, fragte ihr Vater.
„Ja“, antwortete sie, „hab´ schlecht geträumt!“
„Träume sind Schäume!“, sagte ihr Vater und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

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