"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 3. Traum und Wirklichkeit

Wolkeninsel

Gina hatte den Entschluss gefasst, als sie an diesem Morgen beim Frühstück gesessen und über den komischen Traum nachgedacht hatte. Sie hatte die Zuckerdose erneut obenauf in ihre Schultasche gestellt und den Vormittag über sorgsam darauf geachtet, dass keinem ihrer Mitschüler oder Lehrer auffiel, was sie da Seltsames in ihrer Tasche transportierte. Nach Schulschluss setzte sie sich ganz hinten im Pausenhof auf eine der verlassenen Tischtennisplatten und beobachtete für eine Weile den lärmenden Zug der Mitschüler, die durch das Gittertor aus dem Schulgelände strömten. Schließlich griff sie nach dem Smartphone, das ihre Eltern ihr vor zwei Monaten zu ihrem 12. Geburtstag geschenkt hatten.
„Zur Sicherheit“, hatten sie gesagt, „dass du jederzeit anrufen kannst, wenn du unterwegs bist.“
Gina schaltete das Gerät ein (es während der Schulzeit eingeschaltet zu haben, war offiziell verboten, obgleich sich viele Schüler und auch so mancher Lehrer nicht an diese Regelung hielten) und wählte aus der Liste die Nummer ihrer Mutter aus.
„Zur Sicherheit“, erinnerte sich Gina und hoffte, ihre Mutter nicht in Alarmstimmung zu versetzen, wenn sie jetzt diese Nummer antippte. Nach wenigen Sekunden hatte sie ihre Mutter auf der anderen Seite.
„Mama“, sagte Gina, „kannst du das Mittagessen warmstellen? Ich möchte heute Opa besuchen!“
Gina war sich bewusst, dass ihre Mutter dieses Vorhaben als eine ziemlich seltsame Anwandlung empfinden würde. Nicht dass Gina den alten Mann nicht gemocht hätte, dennoch zählten die gelegentlichen sonntäglichen Besuche bei ihm doch eher zum etwas lästigen Pflichtprogramm.
„Du willst heute deinen Opa besuchen?“, sagte sie und an ihrer Stimme erkannte sie genau diese bemessene Portion Verwunderung, die sie erwartet hatte. „Dir entgeht dann aber das selbstgemachte Ratatouille, nachdem du gestern mit der Gourmetsoße aus dem Glas auskommen musstest!“
„Das entgeht mir ja nicht“, wich Gina aus. „In einer oder zwei Stunden ist es schließlich immer noch da.“ Und sie hatte Glück. Ihre Mutter fragte Gina nicht weiter über die Beweggründe aus und unternahm auch keinen Versuch, ihr die Idee auszureden.
Gina nahm die Buslinie 3 und stieg zehn Minuten später am Bayernplatz aus, wo der Opa in einem der betongrauen Wohnblöcke in einem kleinen Appartement wohnte. Dorthin war er vor über zehn Jahren nach Omas Tod gezogen. Und er war noch rüstig genug, sich selbst zu versorgen.
Die Haustür stand offen und eine Mutter mit Kind machte sich im Eingangsbereich an einem Kinderwagen zu schaffen. So gelangte Gina, ohne zu klingeln in das Wohnhaus. Das tat sie erst im zweiten Stock an dem schwarzen Plastikknopf neben der weiß gestrichenen Tür der großväterlichen Wohnung. Der Geruch von Pellkartoffeln drang hervor, als der alte Mann mit dem dichten grauen Schnauzbart und der kartoffeldicken Nase die Tür öffnete. Ginas Mutter sagte immer, man sehe ihm nicht an, dass er beinahe neunzig war, doch Gina konnte das nicht recht beurteilen.
„Gina, Kleine! Das ist ja ein ganz unerwarteter Besuch!“, sagte er und seine großen blauen Augen betrachteten sie genauso eindringlich, wie sie es in Ginas Traum getan hatten. Gina beschloss, gleich zur Sache zu kommen und die Wahrheit zu sagen.
„Ich habe heute Nacht von dir geträumt, Opa“, sagte sie. „Ich möchte dich deshalb etwas fragen und dir etwas zeigen.“
„Träume sind Schäume!“, sagte der Großvater und Gina wunderte sich, hatte sie doch genau denselben Satz heute schon einmal gehört. „Aber nichtsdestotrotz, komm ruhig herein. Geh schon mal vor ins Wohnzimmer. Leider kann ich dir nichts zu essen anbieten“, fuhr er beiläufig fort. „Im Alter will und braucht man nicht so viel. Ich habe mir heute nur ein paar Pellkartoffeln mit etwas Kräuterquark gemacht und bin schon längst mit Essen fertig!“ Das mache nichts, antwortete Gina, denn ihre Mutter halte ihr heute was Gutes warm.
Wie es ihr gesagt worden war, ging sie hinüber in den Wohnraum. Aus der kleinen Küche klang es, als habe der Opa den Pellkartoffeltopf in die Spüle gestellt. Dann hörte sie ein Glas, das hart auf der Anrichte landete, und das Klappen der Kühlschranktür. Gina setzte sich auf das altertümliche Sofa (Opa hatte es ganz sicher noch aus dem Haus, in dem er mit seiner Frau viele Jahrzehnte gelebt hatte) gegenüber dem Tisch und dem Sessel ihres Opas und platzierte ihren Ranzen vor ihren Füßen. Als der Opa kam, stellte er ihr ein Glas Cola mit einem großen Eiswürfel darin auf den Tisch und setzte sich seinerseits ihr gegenüber in den schon etwas abgewetzten Sessel (wahrscheinlich mochten alte Leute keine neuen Sachen mehr um sich haben, weil sie sich dann vielleicht noch älter fühlten).
„Na dann schieß mal los“, ermunterte sie der alte Mann.
„Vielleicht“, meinte Gina und öffnete den Deckel des Ranzens zu ihren Füßen. „Vielleicht kannst du mir damit helfen. In meinem Traum konntest du mir etwas zu dieser Dose sagen.“
Sie holte die geheimnisvolle Zuckerdose hervor. Zwischen den Augen ihres Großvaters bildete sich eine kleine Falte, als er sie wortlos ansah. Er sah tatsächlich so aus, als erkenne er irgendetwas wieder oder als rege sich bei dem alten Mann irgendetwas Unbestimmtes ganz am Rande der Erinnerung. Gina folgte diesem Anstoß und reichte ihm die Dose. Er nahm sie mit beiden Händen in Empfang und setzte sie auf seinen Schoß. Mit zweifelnden Augen schaute er sie an.
„Wo hast du das her?“, fragte er und einige gespannte Sekunden vergingen, in denen Gina hoffte, er würde ihr verraten, dass er mehr über diesen Gegenstand und seine Bewandtnis wusste oder ahnte. Doch dann fügte er den etwas ernüchternden Nachsatz an: „Aus einem Mülleimer?“
„Nein“, sagte sie, „ich habe diese Dose gefunden. Oder eher umgekehrt, sie hat mich gefunden, denn sie war so hingestellt, dass ich im Grunde über sie stolpern musste!“
„Du hast sehr viel Fantasie!“, sagte der Opa und lächelte, als habe er soeben nichts als irgendeine haltlose Kinderei mitgehört. Durch die Art und Weise, in der er das sagte, fühlte sich Gina ein wenig in eine Verteidigungslage gedrängt.
„Opa, du hast die Dose eben angesehen, als hätte sie dich an irgendetwas erinnert, als würde sie dir etwas sagen!“
„Solche Dinge sind lange her“, sagte der Opa in einem seltsam wehmütigen, aber auch abwehrenden Ton. „Ich glaube, in der Küche meiner eigenen Großmutter gab es so eine Zuckerdose. Dunkel erinnere ich mich, dass ich als Kind hin und wieder Zuckerstücke daraus stibitzt habe, aber das ist so lange her, dass es schon gar nicht mehr wahr ist.“
Gina blickte ihn fragend an.
„Dass ich Kind war, ist schon so lange her“, fügte er zur Erklärung an. „Und weißt du, das ist zwar ein altes Ding, aber diese Dose kann es nicht gewesen sein, die vor über achtzig Jahren auf dem Kaffeetisch meiner Großmutter stand. Sie müsste ja heute über hundert Jahre alt sein. Und wie um alles in der Welt sollte sie nur auf diesem seltsamen Wege in deine Hände gekommen sein? Ohnehin sind solche Dosen Nippes, wie man so sagt, tausendfach kopiert. Sicherlich kann man auch heute noch genau so eine Dose in jedem Klimbimladen kaufen!“
Gina ahnte, dass sie so nicht mehr sehr viel weiterkommen würde.
„Es ist ja nicht nur die Dose, sondern auch, was drinnen ist! Münzen mit komischen Aufschriften!“
Der Opa hob den angeschlagenen Deckel ab und lugte ohne größeres Interesse hinein.
„Schmutz und einige alte Münzen“, sagte er, schüttelte den Inhalt einen Augenblick hin und her und hielt dabei die Dose so, dass das Tageslicht des Fensters besser ins Innere fallen konnte. „Vielleicht Spielgeld oder ausrangierte Auslandswährungen. In dem Erhaltungszustand wird wohl leider keine dieser Münzen irgendetwas wert sein.“
Er gab Gina die Dose zurück und plötzlich geschah etwas Unverhofftes. Die liebenswerten blauen Augen verhärteten sich, wurden für einen frostigen Moment starr.
„Die Zeiten für solche Kindereien enden irgendwann und der Ernst des Lebens beginnt“, sagte er mit gänzlich veränderter Stimme, die voller Ernst und ohne Nachsicht war. „Und du bist eigentlich alt genug, dass es auch bei dir bald der Fall sein müsste.“
Doch schon im nächsten Augenblick war der andere, fremde Opa wieder verschwunden, seine Augen lachte wieder, als habe er den Satz eben nie gesagt, habe ihn gar nicht so gemeint oder sogleich vergessen, ihn gesagt zu haben.
„Trinkt doch von der Cola! Sie wird ja noch warm!“
Irritiert nahm Gina das kalte Glas auf und nippte daran. Keinesfalls wollte sie den anderen, fremden Opa nochmals hervorlocken. Daher erwähnte sie mit keinem Wort, dass eine weitere Frage, die ihr auf der Seele lag, ebenfalls mit ihrem Traum und der Nippesdose zu tun hatte.
„Ich muss wissen, wann der Mittsommertag ist – für die Schule, fällt mir gerade ein.“
Daraufhin holte der Opa ein altes, in dunkelblaues Leinen gebundenes Lexikon aus einem der Schränke und blätterte in den vergilbten Seiten.
Schließlich las er vor:
„Der Mittsommertag oder Sommersonnwende (21. Juni) ist der Tag mit dem höchsten Stand der Sonne über dem Horizont und bezeichnet somit den längsten Tag des Jahres; Zeit der Hochfeste der keltischen und germanischen Völker, da die Nähe der diesseitigen Welt und der „Anderswelt“ zu dieser Zeit im Jahr als besonders groß erachtet wurde.“
Nachdem Gina ihre Cola ausgetrunken und ihre Fragen, soweit es eben möglich war, geklärt hatte, wusste sie nicht mehr recht, was sie mit dem alten Mann noch bereden sollte. Und so verabschiedete sie sich schließlich mit der Begründung, jetzt doch langsam Hunger zu bekommen. Nachdenklich fuhr sie mit der entgegengesetzten Linie zurück zur Bushaltestelle vor der Schule und nutzte dann ihren üblichen Schleichweg. Ihre Mutter sagte ihr, dass Olivia angerufen habe, weil sie Inliner fahren wolle. Doch Gina hatte heute wenig Lust dazu. Sie würde sie anrufen und sich mit vielen Hausaufgaben herausreden. Sie war ein wenig in Gedanken und brauchte ihre Ruhe; das selbstgemachte Ratatouille schmeckte ihr sehr gut, doch trotz ihres Hungers (sie war tatsächlich sehr hungrig) war sie selbst beim Essen nicht ganz bei der Sache. Es war der 17. Juni. Noch vier Tage bis zur Sommersonnwende – wenn dieses Datum überhaupt irgendetwas bedeutete.

Fortsetzung folgt am Montag, 29.06.15!

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