"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 4. Die Doppelgängerin

Wolkeninsel

Am anderen Tag, dem Dritten bis zum Sonntag, dem 21. Juni, fühlte sich Gina schon wieder ganz wie die Alte. Sie ging mit Olivia skaten und wunderte sich nur nebenbei über die unsinnigen Gedanken, die ihr infolge ihres Traumes gekommen waren. Dabei waren Träume doch nichts als Schäume und was sollte denn an dem besagten Sonntag Besonderes geschehen? Es würde ein Sonntag wie jeder andere sein und alle Merkwürdigkeiten würden sich in Luft auflösen so schnell, wie der Schaum in der Badewanne vergeht. Ein vager Gedanke blieb zwar in ihrem Hinterkopf. Tatsache aber war, dass sie mit der Mahnung ihres Großvaters im Traum, bereit zu sein, ja ohnehin nichts anfangen konnte. Denn sie besaß schließlich keinen einzigen Hinweis, wofür sie sich bereit machen und wie sie sich für was auch immer wappnen sollte. Insofern war das alles, so schlussfolgerte sie mit glasklarer Logik, in der Tat völlig bedeutungslos. So kam es, dass sie Sonntagmorgen ohne jede besondere Erwartung in den Tag startete, und der Tag denn auch ohne jedes herausragende Ereignis verstrich.
Ohne einen weiteren Gedanken an olle Zuckerdosen oder Sommersonnwendtage zu verschwenden, ging sie gegen neun Uhr zu Bett, denn sie wollte für den Montag ausgeschlafen sein, da für Mathematik in der zweiten Stunde ein Test angekündigt war. Gina schlief ruhig und völlig traumlos, bis das Mondlicht die Zuckerdose auf dem Fensterbrett traf.
Sie wusste es freilich nicht, aber genau in dem Moment, als das geschah, fand sich Gina auf der Party zu ihrem zwölften Geburtstag wieder. Sie hatte das peinliche, zuckerhutförmige Papierhütchen auf, das Michael, neben Olivia einer ihrer engsten Freunde, ihr übergestülpt hatte. Und nun kam auch Olivia vorbei, drückte ihr ein langstieliges Glas mit Kindersekt in die Hand und sagte ihr, dass sie hinten an einem der mit weißem Papier gedeckten Partytische einen Toast für ihre Gäste ausbringen solle. Gina hasste derartige Auftritte wie die Pest. Angestrengt überlegte sie hin und her, was sie überhaupt sagen sollte. Doch ehe sie sich auch nur ein einziges Wort überlegt hatte, geschah etwas Merkwürdiges. Zwar hatte sie nichts mitbekommen oder gesehen, doch wusste sie urplötzlich instinktiv, dass sie von ihrer Aufgabe befreit war, denn irgendjemand – es musste eine Art Doppelgänger ihrer Selbst sein, so viel war ihr klar – hatte die Aufgabe soeben bereits zu allseitiger Zufriedenheit gemeistert und die Gäste klatschten Applaus. Gina ging einige Schritte durch die Menge, um die Doppelgängerin zu Gesicht zu bekommen, und bemerkte dabei, dass sie nunmehr sehr zielstrebig durch den Flur der elterlichen Wohnung Richtung Küche ging. Party und Gäste hatten sich schlagartig in Luft aufgelöst. Mit dem sicheren Wissen, die Person, die sie suchte, genau hinter der geöffneten Küchentür vorzufinden, betrat sie die Küche und zog die Tür von der Wand weg, an die sie angelehnt war. Ohne jede Überraschung oder Erschrecken sah sie dem blauäugigen Mädchen hinter der Tür ins Gesicht. Das glatte dunkelbraune Haar fiel ihr über die Schultern und einige Sommersprossen zogen sich über die Oberseite ihrer Nase. Gina kannte den skeptischen Blick dieses Mädchens aus dem Badezimmerspiegel. Es war ihr exaktes Ebenbild, eine Doppelgängerin, vollkommener und gleicher als jede eineiige Zwillingsschwester. Nur ihre Kleidung unterschied sich gewaltig. Während Gina T-Shirt und Jeans trug, hatte dieses Mädchen einen einfachen Lendenschurz aus ausgefranstem braunem Stoff angelegt; im Brustbereich ein gleichfarbiges, am Rücken gebundenes Stoffband. Diese Aufmachung verlieh ihrer Erscheinung etwas Wildes und Ungezwungenes, von der Freiheit und Ungebundenheit, wie sie nur ein wildes und freies, naturverbundenes Leben verhießen.
„Da bist du ja“, sagte das Mädchen, von der Begegnung genauso wenig überrascht oder erschreckt wie Gina selbst. „Ich habe schon auf dich gewartet!“
Damit trat sie aus dem Schatten der Küchentür und legte Gina vertraulich eine Hand auf die Schulter.
„Ich bin du, das weißt du“, meinte sie, „aber mehr vermutlich nicht, oder?“
Gina schüttelte den Kopf.
„Macht nichts“, sagte sie unbekümmert, „da wir ein und dieselbe sind, wirst du´s wohl schnell kapieren.“
„Komm, gehen wir doch ein Stück“, sagte ihr Gegenstück forsch. „Es bringt nichts, hier nur langweilig herumzustehen.“
Sie setzte sich in Bewegung und lief hinaus auf dem Flur. Gina folgte ihr, holte schnell auf, um an ihre Seite zu kommen.
„SIE haben ein Traumportal geschickt, stimmt´s? Sonst wärst du schließlich nicht hier?“
Gina fühlte sich begriffsstutzig.
„Ein Portal?“
„Na ja, irgendso ein Ding, das dich am Sonnwendtag hergezogen hat! Irgendetwas, das urplötzlich bei dir auftaucht und meistens keinen Sinn ergibt.“
Gina legte die Stirn in Falten.
„Die Zuckerdose mit den komischen Münzen?“, fragte sie leise.
„Ja, möglich, so was in der Art kann es sein“, sagte sie nur mäßig interessiert. „Es kann allmöglicher Krempel sein.“
„Auf den Münzen stand „Disziplin“, „Ordnung“, „Produktivität“ und so ein Zeug!“
„Das könnte IHNEN womöglich ähnlich sehen. Wahrscheinlich es also wirklich diese Dose“, meinte sie und klang dabei plötzlich nicht mehr ganz so fröhlich und unbeschwert. „Zeig her, wo hast du sie?“
Gina schaute an sich herunter und blickte irritiert im Raum umher. Sollte sie diese Dose etwa bei sich führen?
„Du hast sie nicht?“, fragte die andere Gina und legte einen verstehenden Blick auf. „Dann bist du nicht die Einzige, die hergeholt werden soll. Je nachdem, wie viele Personen kommen sollen, wird sie erst mit der Letzten auftauchen. Wir werden sehen, was das soll. Es könnte interessant werden …“
Gina überwand sich und sagte: „Ich verstehe noch immer gar nichts! Was soll das hier und was machen wir hier?“
„Ganz einfach, du und ich oder kurz: Wir sind hier, um unsere Aufgabe zu erfüllen! Und es wird bald Zeit, denn die Pflicht ruft und wir müssen bald wieder daran gehen!“
„Welche Aufgabe?“
„Wir sind Wächterinnen!“, antwortete sie mit größter Selbstverständlichkeit, „alles, was wir haben und sind, müssen wir vor IHNEN schützen – eine gewaltige Aufgabe, die nicht leicht ist und nicht leicht genommen werden kann.“
„Wer oder was sind SIE?“
„Frag mich nicht, wenn das einer wüsste, wäre es vielleicht einfacher. Oder womöglich sogar noch schwieriger? (Sie druckst herum, dachte Gina, und lässt alles nebulös erscheinen, wie jemand, der dir nur mit einer Gruselgeschichte Angst einjagen will!) Wir wissen es nicht, aber es heißt, sie hätten schon Milliarden Welten gleich der unseren vernichtet! Und nur ununterbrochene Achtung und Wachsamkeit kann uns davor bewahren, das gleiche Schicksal zu erleiden.“
Gina erinnerte sich an die Mahnung, die ihr der geträumte Großvater zu der Zuckerdose gegeben hatte: den nutzlosen Hinweis, aufzupassen, ohne überhaupt zu erwähnen, worauf.
„Und worauf müssen wir achten, auf was sollen wir denn eigentlich aufpassen?“, hakte Gina fordernd nach.
Die andere Gina schaute sie mit großen Augen an.
„Ich weiß die Antwort auch nicht. Wir sind einfach so wachsam, Tag für Tag, und hoffen, auf diese Weise alles richtig zu machen. Dich verrückt zu machen, nützt dir auch nichts! Wichtig ist jetzt nur, dass du da bist und dass wir zusammen schnellstens gehen müssen, um an den Ort unserer gemeinsamen Aufgabe zu gelangen!“
„Wir gehen doch schon zusammen“, meinte Gina. „Die ganze Zeit laufen wir jetzt schon zusammen, kommen aber nirgendwohin!“
Noch immer liefen sie im Flur der Wohnung von Ginas Eltern entlang; er schien sich, wie in zwei Spiegeln gespiegelt, ins Unendliche verlängert zu haben.
„Wir gehen nebeneinander, aber nicht zusammen“, korrigierte die andere Gina. „Wenn wir los wollen, müssen wir aber eins werden! Wir müssen uns zu der Einheit wiedervereinen, die wir gewesen sind, ehe wir begannen, auseinanderzudriften.“
„Wann sind wir ´auseinandergedriftet´?“
„Jeder Mensch driftet auseinander, treibt von sich selber weg, sobald er das Ende seiner Kindertage erreicht“, antwortete sie. „Aber jetzt haben wir die Chance, wieder zusammen zu kommen! Nicht, dass SIE uns diese Chance geben, weil sie so edelmütig sind, nein, ganz im Gegenteil – ich kann nur vermuten, dass SIE das alles, das Hinüberziehen in die Anderswelt mittels der Traumportale und so, inszenieren, damit SIE uns zusammen und damit restlos in ihre Gewalt bringen und für alle Zeiten endgültig zerreißen können! Ich glaube, das würde IHNEN sehr gefallen!“
Gina hatte noch immer nicht das Gefühl, viel begriffen zu haben.
„Wie auch immer“, meinte die andere ernst, „jetzt kommen wir jedenfalls wieder zusammen. Wenn wir großes Glück haben, für immer!“
Mit diesen Worten vollzog die andere Gina den Akt der Einswerdung. Sie wandte sich mit dem Blick zurück zur Küchentür um und schob sich selbst von links in Gina hinein. Gina wunderte sich, dass sie dabei eigentlich gar nichts Besonderes fühlte; der Vorgang fühlte sich ganz selbstverständlich und unspektakulär an, wie das tausendste Hineinschlüpfen in ein Paar warmer, altbekannter Hausschuhe. Die Küchentür und der ins Endlose gespiegelte Flur jedoch verflogen in diesem Augenblick wie von einem seichten Wind davongetragen. Und Gina stand unter einem endlos hohen und strahlend blauen Himmel, der in den Randbereichen in einen dünnen weißen Dunst überging.

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