"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 5. Die Wolkeninsel

Wolkeninsel

Gina stand auf einem Bett aus Wolken, weich, luftig und warm, von überirdischer Beschaffenheit, nichts Vergleichbares hatte sie je unter ihren nackten Füßen verspürt. Auf der Wolkenoberfläche trieb sie sacht dahin, auf einen länglichen Ausläufer der Wolkendecke hin, der wie eine Pfeilspitze in das stählerne Blau des Himmelsraums hinausragte. Wie sie langsam näher trieb, bildete sich am äußeren Rand der Wolkenspitze eine Luftverwirbelung, erst völlig durchsichtig und einige feine Dunstfäden spiralig mit sich reißend, dann aber fester und undurchdringlicher. Über der Spitze entstand ein tunnelförmiger Farbwirbel in dunkelblau und tiefem Violett, der sie aufnahm. Mit angstlosem Erstaunen trieb Gina in den Wirbel ein, tauchte, ohne ihr eigenes Zutun in die Bauchlage gleitend, hindurch, nicht etwa rasant wie in der Röhre einer Wasserrutsche, in der sie immer ein flaues Gefühl im Magen bekam, sondern sanft und langsam wie eine Feder. Nachdem sie durch den Wirbel hindurchgetreten war, schwamm sie, nun mit einem leichten Drall nach vorn nach unten sinkend, scheinbar wieder im Blau desselben Himmels. In der Sinkrichtung aber gewahrte sie jetzt eine kleine, grüne, bergige Insel, die in dem Himmel schwebte, über der Insel das stahlblaue Firmament, knapp unter ihr jedoch gähnte das unendliche, schwarze Nichts, still und unbewegt, doch irgendwie furchterregend anzusehen. Der Sinkflug verschnellerte sich, sodass die Oberfläche der Insel bald ihr gesamtes Blickfeld einnahm und das unheimliche Schwarz unter der Landmasse verschwand. Schließlich setzten ihre Fußsohlen weich auf einer grasbewachsenen Landzunge der sattgrünen, hügeligen Insel auf. Wie auf einer Hochebene im Gebirge stoben Windböen durch das Meer hohen Grases, das wie Wellen auf dem brausenden Ozean bewegt zu sein schien. Es war weder kalt noch warm, sondern einfach nur vollkommen angenehm. Und sie fror nicht, obwohl Gina erkannte, dass sie nur noch die braunen Leinenstreifen am Körper trug, mit denen ihr die andere Gina in der Küche entgegengetreten war. Wo sie stand, war das Gras weit weniger hoch und bildete einen Pfad, der sich in leichten Windungen ins Inselinnere hinzog. Überhaupt wusste Gina, obgleich sie selbst das erste Mal hier war, dass ein Netz dieser Trampelpfade über die gesamte Insel verlief. Der Hauptpfad, auf dem sie jetzt stand, lief mehr oder minder geradlinig hinauf zu der Kette von drei Bergen, die dunkelblau in westlicher Richtung thronten. Auf dem höchsten stand der Vogelbaum, in dessen Höhlen die Wellensittiche nisteten, die einst in einer Voliere im Schrebergarten ihres Vaters gelebt hatten, bis die letzten drei Tiere, bereits über zehn Jahre alt, verendet waren, noch ehe Gina neun Jahre alt geworden war. Danach wurden die Voliere und das Schutzhaus für den Winter abgebaut. Doch nach wie vor lebten die Tiere hier weiter, auf dieser Insel. Gedankenverloren folgte Gina dem Weg und sah an den Seiten im Gras die roten Gartenameisen und die Feuerwanzen wuseln, die sie als kleines Kind beobachtet und in Schraubdeckelgläsern gefangen hatte – es war wie ein Blick in eine längst vergangene Zeit, auf urälteste Erinnerungen, die grau und verwaschen sein müssten, jetzt aber ungetrübt und völlig real waren. Gina wurde klar, dass dies die Insel ihrer Kindheit war, von der sie wehmütig dachte, dass sie vorbei war, weil ihr eine Beschäftigung wie das Fangen von Ameisen in ausgedienten Marmeladengläsern heute eigentlich nur noch ein müdes Gähnen abnötigte und sie nichts dergleichen heute mehr tun würde, diese Zeiten waren vorbei. Doch hier waren sie noch da und völlig lebendig, sicher ein vergangener, aber dennoch wahrer und unmittelbarer Teil ihres Lebens, der damals Bedeutung für sie besaß und jetzt irgendwie noch immer. Sie wollte es nicht missen. Ohne sich nähere Rechenschaft darüber abzulegen, warum, schlug Gina einen von dem Hauptpfad nach rechts abweichenden Pfad ein, der eine Weile parallel zu der Hügelkette verlief. Nachdem sie vielleicht fünfzig Meter sacht bergauf gegangen war, stieg sie auf die grüne Böschung zu ihrer Rechten. Dank ihrer perfekten Orientierung auf dieser Insel wusste sie genau um den überwältigenden Anblick, der sich ihr hier bot. Gina stand über dem Rand einer breiten und flachen Schlucht, die sich nach Osten bis zum Rand der Wolkeninsel erstreckte, eine Art Grand Canyon in Miniaturausgabe. Nur war ihr Grund gleichfalls grasbedeckt wie alles auf der Insel. Auf der anderen Seite erstreckte sich eine ebene, dichtbewachsene Buschlandschaft in gedeckten Grüntönen bis an die Grenze von Ginas Blickfeld, dahinter tat sich ein leicht dunstiger Horizont auf. Nirgendswo waren menschliche Siedlungen oder Bauten zu sehen. Es war eine gewaltige, scheinbar unbehauste Einsamkeit (freilich wusste Gina auch das besser). An der gegenüberliegenden Steinwand der Schlucht erkannte sie eine von hier aus klein und dunkel erscheinende Öffnung im gelben Sandstein. Die Öffnung führte in ein Höhlensystem, das die andere Gina und ihre Freunde bereits ausgiebig erkunden hatten. Es durchzog die ganze Insel bis in ihre tiefsten Tiefen. Durchquerte man es bis zu seinem tiefsten Punkt, gelangte man in eine nach unten geöffnete birnenförmige Kaverne von vielleicht dreißig Metern Höhe und zehn Metern Breite (an der breitesten Stelle). Trat man an den Rand der Öffnung ganz unten hatte man einen beängstigend freien Blick unter die Insel und konnte in das ewige Nichts, die grenzenlose Leere schauen, ein falscher Tritt und es gab keine Rettung mehr!
Gina riss sich vom Anblick des Höhleneingangs am Fuß der Schlucht los. Es war an der Zeit weiterzugehen, zurückzukehren! Zielsicher ging sie den Pfad weiter, bis sie zu einer Wegkehre kam, die sie seitlich über eine schmale Serpentine in die Schlucht selbst hinabführte. Über den Wipfeln von Bäumen schritt sie den Weg ab, bis sie ins Grün des Blätterdachs eintauchte und unten auf einen freien Platz zwischen den Stämmen hinaustrat. Dort bildeten die Äste und die knorrigen Wurzeln natürlich gewachsene Behausungen an den kühlen Windungen eines Quellbachs, der wenige Meter links von mir aus der Felswand trat, jenseits des Wäldchens zu einem künstlichen kleinen See gestaut war, weiterrann bis zum Rand der Insel, wo er als fein sprühender Wasserfall ins Unendliche rieselte, um irgendwann als Dunst wieder aufzusteigen und sich an den Bergkuppen von Neuem abzuregnen.
„Ich bin zuhause angelangt!“, rief Gina in die Stille hinein. Und augenblicklich kam Leben auf den Platz. Von den Bäumen und aus den Astlöchern sprangen und schwangen sich drei Kinder hinab. Olivia war da und auch Michael. Sie hatten irgendwo ganz sicher ihre eigenen Welteninseln, aber ein Teil von ihnen war hier bei ihr, wie ein wichtiger Teil von ihr bei ihnen war, immer. Einer nach dem anderen legten ihr die anderen schweigend die Hand an oder auf die Schulter, genauso, wie es auch die andere Gina getan hatte, offenkundig war es hier die übliche Art der Begrüßung – ohne Lärm, ohne Unruhe.
„Du hast es wirklich gewagt, durch den violetten Strudel oben an der Landzunge zu gehen?“, fragte Olivia mit bewunderndem Blick.
„Ja“, antwortete Gina, „das habe ich.“
„Und – hast du sie gefunden? Wo hast du sie?“
„Ich habe sie bei mir“, antwortete Gina und deutete mit dem Zeigefinger auf ihr Herz.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s