"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 7. Der Ritt auf dem ersten Sonnenstrahl

Wolkeninsel

Als ob die Wächter (überflüssigerweise) noch einmal eindringlich daran erinnert werden müssten, dass sich bald vieles ändern würde, blieb Ginas Rückkehr aus dem Strudel nicht die einzige Besonderheit dieses Tages. Wenige Stunden, nachdem sie sich schlafen gelegt hatten, fing in dieser Nacht das Brummen an. Urplötzlich begann ein gleichförmiger, surrender Ton, der aus großer Tiefe aus dem Boden zu dringen schien, die Luft zu erfüllen, leise genug, dass er den Schlaf nicht unmöglich machte, laut genug, um als beunruhigende Veränderung deutlich wahrgenommen zu werden.
Das fremdartige Geräusch trieb die Wächter früher als üblich aus ihren Deckenlagern. Die unheimliche Neuheit traf sie ohne jede Vorbereitung und keiner konnte sich einen Reim darauf machen. Sie nahmen nur einen kleinen Imbiss zu sich, denn sie mussten umgehend herausfinden, ob es etwas mit IHNEN zu tun hatte. Lea und Gina würden den Ritt unternehmen, die anderen das Lager in Ordnung bringen und dann später zum Rundgang über die Insel aufbrechen.
Eilenden Schrittes brachen Lea und Gina zu den Bergen auf, die sich schwarz vor der Morgendämmerung abzeichneten, jagten dem höchsten Punkt der Insel zu. Ihre durchtrainierten Muskeln bewältigten den gewohnten Aufstieg auf das felsige Gipfelplateau klaglos, doch die Stimmung war beklommen. Sonst erfüllte die Aussicht auf den magischen Ritt ihre Herzen mit Freude und „Reiterpaar“ zu sein, galt als die Aufgabe, um die sich jeder riss und um die auch Streitereien entbrannt waren, bis die beiden Paarkombinationen fest geregelt und der tägliche Wechsel der Paare eingeführt wurde. Heute jedoch kreiste nur die Frage, was sie da draußen vorfinden oder vielleicht nicht mehr vorfinden würden, in ihren Köpfen.
Unterhalb des Gipfels, auf einem kleinen dreieckigen Flecken, stand windgeschützt die alte Linde mit den Wellensittichhöhlen. Gina fiel schuldbewusst ein, dass sie den Sack mit den Hirsekolben im Lager vergessen hatte. Zwar versorgte sich die Vogelfamilie auf der Insel selbst, doch Hirsekörner waren dennoch heiß begehrt. Noch war Ruhe im Baum, keiner ihrer Schützlinge war zu sehen, wohl ruhten noch alle in den Höhlen des Baumes oder saßen, von unten unsichtbar, die Köpfe unter die Flügel gesteckt, irgendwo in den dichten Blättern der Baumkrone. Später, wenn Gina vom Ritt zurückkam, würden die Vögel bestimmt alle nach Wellensittichart gehörig mit ihr schimpfen, weil sie den Futtersack vergessen hatte.
Nach wenigen Schritten erreichten Gina und Lea das kahle Gipfelplateau, wo der morgendliche Wind frisch über das gelbe und braune Sandsteingeröll pfiff. Am äußersten Rand der freien Fläche standen zwei turmförmige Sandsteine, Menhire, aufrecht nahe nebeneinander. Sie markierten den Aufgangspunkt der Sonne am Mittsommertag. Und auf der Insel war jeder Tag Mittsommertag. Die schmale Spalte war von unten her bereits hellrot erleuchtet.
„Gleich ist es soweit“, sagte Lea mit Spannung.
„Bereit?“
„Bereit“, bestätigte Gina.
Sogleich würde die Morgenröte verblassen und das Licht der aufgehenden Sonnenscheibe durch den Spalt kanalisiert werden.
Ein Strahl weißen Lichts, am Rand regenbogenfarben gestreut, trat durch den Spalt. Gleichzeitig sprangen die beiden Mädchen auf den Strahl auf und wurden fortgetragen vom Strom des Lichts. Gina stand vorne. Lea unmittelbar in ihrem Rücken. Lea juchzte aus ganzem Herzen hinter ihr. Die Füße parallel gegen die Flugrichtung gestellt, als stünden sie zu zweit auf einem Surfbrett, jagten sie dahin. In beständigem Fluss strichen die Lichtteilchen unter ihren Fußsohlen vorbei und trugen sie binnen Sekunden vom Berggipfel weg über die Wiese weit unten und über den äußersten Rand der Insel hinaus in die blaue Einsamkeit des Himmels. Das Gewicht auf den Fußsohlen verlagernd konnten sie die Richtung des Ritts ungefähr beeinflussen, wenngleich die Richtungskontrolle recht träge reagierte und man sich daran erst einmal gewöhnen musste. Der Flussrichtung der Lichtteilchen musste man sich anpassen und mit ihr arbeiten, das war das A und O.
Alsbald war um sie nur der leere Himmelsraum, über ihnen, unter ihnen, nach allen Seiten sich ausweitende Unendlichkeit. Die Haare peitschten ihnen im Flugwind um die Ohren, die voll Windheulen und Rauschen waren.
„Heute ist es die Nordroute“, rief Gina gegen den Lärm an. Wollten sie jemals zur Insel zurückkehren, mussten sie gleich einem Kometen im Sonnensystem eine langgezogene Ellipse fliegen, indem sie ihr Körpergewicht langsam stärker werdend immer mehr auf die Fersen verlagerten. Dann würden sie bei der Kolonie oder knapp dahinter den Wendepunkt ihrer Bahn erreichen und, gegen den Uhrzeigersinn treibend, den trägen Teilchenstrom zurück zum Ausgangspunkt dirigieren können. Manchmal, wenn es über die Südroute ging, mussten sie auch das Umgekehrte tun, doch merkwürdigerweise wusste man nie im Voraus, welchen Weg der heutige Morgen bringen würde. Und egal wie, irgendwann wurde es auf jeden Fall immer sehr sehr anstrengend, immer dieselbe Lagerung des Körpergewichts beizubehalten. Nach einer guten Stunde Flug war man vollkommen kaputt.
„Nordroute“, sagte Lea, die jetzt die Arme ausbreitete, um ihr Gleichgewicht zu verbessern, „dann wirst du aber heute keinen Zwischenstopp am Ankerstein machen! Bis wir dort sind, bin ich schon zu fertig für diese Spielereien!“
„Mal sehen“, grinste Gina in sich hinein und hörte Lea in ihrem Rücken nur leise stöhnen. Und obwohl sie es nicht sah, wusste sie, dass sie hinter ihr die Augen verdrehte.
Eine Viertelstunde später stießen sie durch erste Nebelbänke hindurch. Es waren die ersten Ausläufer jener dicken watteweißen Wolkentürme, in denen die Wolkenrochen lebten.
Voller Erleichterung hörten sie die Tiere, noch bevor sie sie sahen. Ein melodisches Singen wie von Walen. Sie waren also noch da!
Dann tauchen sie neben ihnen und über ihnen auf. Elegante Tiere, flach wie Papierdrachen und ganz ähnlich geformt, aber mit bis zu drei Metern Spannweite. Zuoberst waren sie blaugrau, zuunterst reinweiß. Und hinten liefen ihre stromlinienförmigen Körper in einen langen, mit einer Flosse zum Steuern besetzten Schwanz aus. In ausgelassenen Sprüngen tollten und tummelten sie neben den beiden Mädchen her, umkreisten sie in eleganten Schwüngen, ehe sie abließen und zurückfielen und andere Tiere neugierig ihre Stelle einnahmen; sich rufend und antwortend in vielstimmigem Gesang. In Schwärmen zu Hunderten spielten sie in den Wolken, ihrem Zuhause. Gina und Lea waren von Herzen froh bei diesem Anblick. Noch war alles in Ordnung, noch war alles im Lot. Wenn die Tiere noch da waren, bedeutete das, dass auch von dem brummenden Ton, der seit heute Nacht auf der Insel erklang, so seltsam und unergründlich er auch war, fürs Erste keine unmittelbare Gefahr ausging.
Auf der anderen Seite der Wolken schossen Gina und Lea hinaus ins Blaue, fanden zehn Kilometer weiter draußen den Wendepunkt, tauchten durch die von singenden Drachen bevölkerten Wolken zurück und schwenkten auf die Südroute ein, die sie heimwärts führte.
Auf halbem Weg zurück kam der Ankerstein in Sicht, ein kleiner runder Steinbrocken gleich dem winzigen Planeten des kleinen Prinzen, der einsam im Himmel schwebte.
„Und, wie sieht es aus?“, fragte Gina. „So anstrengend war´s doch heute nicht, dass das nicht auch noch drin ist?“
„Es wird dich doch sowieso keiner abhalten können. Was fragst du also noch?“, sagte Lea schicksalsergeben. Immer ist sie ein wenig miesepetrig und sieht nur zu gerne schwarz, dachte Gina wieder, aber am Ende macht sie doch alles mit; eine beste Freundin eben, die die Macken ihrer besten Freundin geduldig hinnahm und ertrug.
Gleichzeitig verlagerten sie das Gewicht hart nach vorn und standen nun wie Balletttänzerinnen auf den Zehenspitzen und ruderten mit den Armen, um die Balance zu halten. So jagten sie links am Ankerstein vorbei und zwangen sich, auf dem Lichtstrom balancierend, in eine weite Umlaufbahn um den kleinen Planeten. Mit jedem rasanten Umlauf brachten sie die Bahn an einer Stelle immer näher an den Planeten heran, bis Gina aus zwei Metern über der Oberfläche absprang, während Lea nun ganz allein die Schwünge um den Ankerstein kontrollierte. Noch nie war Lea auf den Ankerstein heruntergegangen. Und das würde sie wohl auch nie, nachdem sie Gina einmal einen Tag und eine Nacht dort zurücklassen musste, weil Gina das Wiederaufspringen auf den um den Ankerstein jagenden Lichtbogen nicht gelungen war. Total erschöpft musste Lea irgendwann aufgeben und ohne Gina zur Insel zurückkehren. Erst als Lea am anderen Morgen wiederkam, gelang Gina die Rückkehr. Zum Glück hatte es in der Nacht ein wenig geregnet, sodass sich in einem der kraterartigen Mulden des Kleinplaneten Wasser sammeln konnte. Sonst hätte Gina auf der kargen und unwirtlichen Kleinstwelt nicht nur Hunger, sondern auch noch Durst erleiden müssen.
Gina ging einmal um die kleine braune und völlig unbelebte Felskugel herum, stand oben aufrecht und auf der Unterseite des Planeten im Kopfstand und musste lachen. Es war so herrlich, dieses kleine Spiel zu treiben! Schließlich griff sie nach der kleinen Ledertasche an ihrer Seite und holte ein kleines Fernglas heraus. Der Stopp am Ankerstein sollte ja nicht nur ihrer persönlichen Erbauung dienen (das hätte Lea dann auch nicht mitgemacht!), sondern war Teil der Aufklärungsarbeit der Wächter! Mit dem Fernglas starrte sie rundum ins Blaue, entdeckte gut fünfhundert Meilen östlich ihre Insel, die, von hier aus selbst im Fernglas nur als winziger Fleck erkennbar, friedlich an ihrem angestammten Platz schwebte. Alles war unverändert. Das Geräusch, das in der Nacht aufgetreten war, schien vorerst das Einzige zu sein, was in irgendeiner Weise auf Veränderungen oder Neuerungen hinwies. Zweimal drehte sich Gina um ihre Achse und sah nichts als Blau und Weiß, bis sie bei der dritten Umdrehung an einem bewegten schwarzen Fleck hängen blieb, der sich von Westen her näherte! Kurz setzte sie das Fernglas ab, rieb sich die Augen und blickte zu Lea auf, die auf dem weiß gestreuten Lichtbogen um den Ankerstein jagte. Sie hob die Hand als Zeichen, dass sie etwas entdeckt hatte; Winken hätte bedeutet, dass Lea sich nun wieder so nah an den Ankerstein begeben sollte, dass Gina wieder aufspringen konnte.
„Was ist los da unten?“, schrie Lea, aber Gina hob nur die Schultern zur Antwort. Sie wusste es selbst nicht. Noch einmal rieb sich Gina konzentriert die Augen und hob dann das Fernglas. Da war es wieder – und sie erkannte jetzt einen sich schnell nähernden Wolkenrochen. Er hatte sich von der Gruppe getrennt. War er ihnen bis hierher gefolgt? Oder hatte er den Anschluss verloren und sich verirrt?
Geradlinig, geradezu zielstrebig, hielt er auf den Ankerstein zu. Er hatte sich nicht verirrt. Und um Lea oder sie ging es ihm ganz offenkundig auch nicht! Der Rochen stieß geradewegs auf den kleinen Planeten vor und verschwand unter der Wölbung der Horizontlinie dieser winzigen Welt. Gina sprang vorwärts, war nach wenigen Sprüngen über die gekrümmte Horizontlinie hinaus und sah jetzt erstaunt, wie sich das Tier, den Kopf voran, wie ein Pfeil in die Oberfläche des kleinen Planeten bohrte. Es zappelte und wand sich und schlug mit dem Schwanz wie mit einer Geißel um sich, bis es den Widerstand der felsigen Oberfläche gebrochen hatte und im Inneren des Planeten verschwand. Sofort zerbröselte die braune Steinfläche an der Stelle des Eintritts und nur ein kleines kraterartiges Loch blieb zurück. Gina stand wie angewurzelt da und starrte mit offenem Mund auf das Loch. Das war doch etwas Neues und Überraschendes. Und noch Überraschender: Unter ihren Füßen ertönte jetzt der Gesang des Rochens aus dem Kern des kleinen Planeten! Ein fröhliches Lied voller Lebensfreude, ganz anders als das freudlose Brummen, das auf ihrer Insel erklungen war. Gina hörte noch einen Augenblicke lang (sie wusste, dass sie ihre Freundin nicht mehr all zu lange schmoren lassen durfte!) gebannt und verwundert zu, ehe sie Lea winkte, damit sie sich bereit machte, um sie wieder aufzunehmen.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s