"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 8. Zeit des Übergangs

Wolkeninsel

Eine knappe Stunde, nachdem Gina und Lea ins Lager zurückgekehrt waren, kamen Michael und Olivia von ihrem Rundgang zurück. Gina erzählte ihnen, dass – mit Ausnahme des Rochens, der sich mit dem Ankerstein vereinigt hatte – keine weiteren Auffälligkeiten zu verzeichnen gewesen seien.
„Wir sind“, berichtete Michael, „bis zu den Schilfteichen im Norden und von dort aus über den schmalen Pfad hinter den Bergen entlang bis zu den südlichen Mooren gegangen. Dort haben wir über den Steilhang nach unten geblickt, weil wir hofften, vielleicht etwas von der Quelle dieses Geräusches auszumachen. Aber ich kann nicht sagen, dass wir irgendetwas Besonderes gesehen hätten.“
„Höchstens, dass das Geräusch etwas leiser geworden ist“, ergänzte Olivia hoffnungsvoll.
„Geräusche erscheinen in der Nacht lauter und sind kilometerweit zu hören“, sagte Lea. „Tagsüber erscheinen sie zurückgenommener. Da wir keinen Dezibelmesser haben, können wir das nicht feststellen!“
Niemand wollte Lea zu weiteren ermutigenden Ausführungen anregen. Daher widersprach ihr keiner.
„Wie auch immer! Es gibt nichts, was wir heute noch tun können“, schlussfolgerte Gina. „Die Wächter haben für heute ihre Aufgabe erfüllt. Nachdem wir gegessen haben, sollten wir etwas ruhen.“
Alle leisteten diesem Vorschlag bereitwillig Folge, denn inzwischen hatte die Sonne den Mittagspunkt schon weit überschritten und es dürfte gegen drei Uhr Nachmittag gehen. Nachdem sie Fladenbrote mit Beerenmus verspeist hatten, zogen sich die übrigen an den Fischweiher zurück. Dort dösten sie nahe bei den Gärten, wo die Kartoffeln und die Tomaten und der Löwenzahn wuchsen, im Schatten der überhängenden Silberweide am Ufer oder gingen schwimmen zwischen dem Schilfrohr im seichten Wasser. Obwohl Gina selbst Ruhe verordnet hatte, fühlte sie sich gar nicht danach. Sie sonderte sich bald ab und trug den Sack mit den Hirsekolben zu den ungeduldigen Wellensittichen. Gina war froh, dass sie niemand auf diesen einsamen Marsch begleiten wollte. Sie nutzte die Unternehmung, um ihre Gedanken zu sortieren.
Buchrollen und Zuckerdosen gingen ihr durch den Sinn und nur zu gerne ließ sie sich deshalb von den Vögeln für ihre nachlässige Fürsorge ausschimpfen, wie sie es verdient hatte. Mit Heißhunger stürzten sich die blauen und grünen Vögel auf die Hirse und waren ganz ausgelassen; für sie war es ein ganz normaler Tag. Nichts schien sie zu beunruhigen. Und das beruhigte dann auch Gina. Ein wenig.
Der nächste und der übernächste Tag verliefen nicht anders. Nur dass sie, als Lea und sie am übernächsten Flug wieder an der Reihe waren, nur einer Hand voll weitläufig versprengter Rochen begegneten, die ohne Interesse an ihrer Gegenwart im Wind trieben.
„Muss nichts heißen“, meinte Lea – Gina staunte insgeheim über diese merkwürdige Umkehrung der sonst üblichen Rollenverteilung – „wie oft hatten wir das schon, dass wir die Rochenschule verpasst haben und die große Masse der Tiere ganz einfach woanders war.“
Es war eine Erklärung, aber Gina war sich dessen nicht so sicher.
Am dritten Tag stieg Gina in den Bauch der Insel in der Hoffnung, dem seltsamen Brummen, das nach wie vor und wie es schien immer aufdringlicher zu hören war, auf den Grund zu gehen. Sie kraxelte, eine Fackel aus geölten Tüchern in der Rechten, durch die Klüfte und kroch durch felsige Maulwurfgänge. Nachdem sie gut drei Stunden in der Dunkelheit zugebracht hatte, war sie sich sicher, dass der Ton nicht aus den Eingeweiden der Wolkeninsel erklang, sondern weit darunter aufstieg. So kletterte sie in den Schacht, der zur Kaverne am tiefsten Punkt der Insel führte. Und da war es sonnenklar. Wie in einem Schalltrichter bündelte sich in dem birnenförmigen Hohlraum das sonore Geräusch, das aus dem Nichts unter der Insel drang. Der wie ein Glocke surrende Hohlraum versetzte die gesamte Insel in Schwingung, sang wie die Dampfpfeife eines alten Ozeankreuzers und, durch das Gestein übertragen, drang der Schall nach oben. Diese Entdeckung erzeugte ein äußerst ungutes Gefühl in Ginas Magen. Bedrückt machte sie sich auf den Weg zur Oberfläche, trottete dort über die mageren Wiesen am Grund der Schlucht zu dem kleinen Wäldchen zurück, das ihr Lager beherbergte.
Im Lager steckten schon alle die Köpfe zusammen, denn Gina war nicht die Einzige, die Neuigkeiten mitbrachte. Sie ahnte schon, dass es die Art von Nachrichten war, die sie alle befürchtet hatten.
„Die Rochen sind endgültig verschwunden, keine Spur mehr von ihnen, weit und breit“, sagte Michael.
Endlich also war es soweit, dachte Gina und das grässliche Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich, der letzte Tag war angebrochen.
„Und noch etwas anderes ist da – mindestens genauso seltsam!“, fuhr Michael fort. „Der Ankerstein: Er ist begrünt und atmet voller Leben. Er ist jetzt kein öder, toter Stein mehr! Und eine kleine Quelle sprudelt aus einer der vielen komischen Narben an seiner Oberfläche! Auch scheint er zu wachsen, irgendwie in die Breite zu gehen! Wisst ihr was? Ich glaube, da wird eine neue Insel draus; da wette ich drauf!“
Das wäre in der Tat eine erstaunliche Nachricht gewesen, wenn sie Zeit gehabt hätten, sich darüber klar zu werden. Ohne es zu wissen, hatte Gina die Geburt einer neuen Insel miterlebt, die zugleich und immer dann entsteht, wenn auf der Erde Mutter und Vater sich im Innersten berührt haben und ein neuer Erdenbürger sich entwickelt. Aber jetzt stand ihr nicht der Sinn danach, über dieses Wunder nachzusinnen. Ohnehin war Michael noch nicht ganz fertig.
„Und ebenfalls ziemlich seltsam“, sagte er, „der Ankerstein scheint sich in Bewegung gesetzt zu haben; er treibt in Südrichtung davon. Bemerkenswert schnell sogar! Noch zwei oder drei Tage, schätze ich, und er wird von der Südroute verschwunden sein!“
„Wenn er zur Insel wird, ist es wahrscheinlich besser, dass er sich davon macht – wie die Rochen auch!“, sagte Lea. Es klang pessimistisch, doch wahrscheinlich hatte sie diesmal vollkommen recht! „Immerhin, dann werden wir jetzt ja endlich erfahren, wer oder was SIE sind!“

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