"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 9. SIE

Wolkeninsel

Die zahllose Male durchdachten Abläufe für den Tag X halfen, Panik zu vermeiden. Das war ein zusätzlicher Vorteil von unschätzbarem Wert. Alles lief wie ein perfekt geöltes Uhrwerk. In der Mitte des Lagers loderte das Feuer, entrindete, kerzengerade Äste lagen, die angespitzten Enden, kreisförmig in der Glut. So entstanden Speere mit feuergehärteten Spitzen. Darüber hinaus vermochten die vier Insulaner zwei weitere Waffengattungen aufzubieten: Pfeile, nach dem gleichen Verfahren gehärtet wie die Speere, und Bogen sowie aus Astgabeln gefertigte Steinschleudern, die aus Bauchtaschen mit kleinen Flusskieseln bestückt wurden. So schickten sich die Kinder mit primitiver, aber nicht ganz nutzloser Bewaffnung an, ihr kleines Reich gegen einen Feind unbekannter Art, Anzahl, Größe und Fähigkeit zu verteidigen. Wieder führten sie mit vor Konzentration angespannten Gesichtern Zielübungen auf Zielscheiben durch, die aus Schilf und Gras geflochten waren. Essen, ruhen, üben, die fertiggestellten Speere und Pfeile zu tragbaren Bündeln zusammenstellen, das Lager unkenntlich machen, Tarnfarben für Gesichter und Körper aus Erde und Pflanzensäften anrühren, alles dies vollzog sich in weitgehend wortlosem Einverständnis. Auf diese Weise verstrich der Tag der Vorlaufzeit, die ihnen die Aufzeichnungen der Buchrolle zusicherte, ehe das Ende begann.
In der Nacht zwangen sich alle in ihre Decken und lagerten sich um das Feuer, das nun sicherheitshalber in einer den Schein abblendenden Erdgrube brannte. An richtigen Schlaf war im Grunde nicht zu denken und wurde gänzlich unmöglich, als Mitternacht überschritten war. Das Brummen schwoll ab diesem Zeitpunkt zu einem Lärm an, den beim besten Willen niemand mehr ignorieren konnte. Die Lärmquelle wanderte langsam von dem Raum unterhalb der Insel zu ihren Seiten hinauf und positionierte sich letztlich in einer bestimmten Höhe über der Insel. Ängstlich spähten die Kinder zum nächtlichen Himmel auf. Irgendetwas, schwärzer als schwarz, verdeckte an einer Reihe von Stellen am Himmel die Sterne. Und es brummte, als schwebten riesenhafte Hornissennester in gut hundert Metern Höhe im Luftraum über der Wolkeninsel.
Doch erst im Licht der frühen Morgendämmerung wurde erkennbar, was geschehen war. SIE – waren es SIE? – waren eingetroffen.
SIE sahen aus wie kantige und schartige Brocken zerschlagenen Straßenasphalts, schwarz und porös schimmerten sie, als seien sie von einem dünnen Schmierfilm übelriechenden Altöls überzogen. Wie ungeformte Asteroiden, an den breitesten Stellen gut und gern fünfzig Meter im Durchmesser, hingen sie in ineinander geschachtelten Kreisen aufgereiht in der Luft um die Insel und rotierten träge, aber allesamt im gleichen Rhythmus um den eigenen Schwerpunkt.
„Sind es Schiffe?“, fragte Lea leise und mehr zu sich selbst.
Wenn es fremdartige Flugschiffe waren, würden ihnen dann bald entsetzliche Wesen entströmen und eine Invasion der Insel anlaufen?
Endlich stieg die Sonne über den Horizont und bahnte sich ihren Weg ins erstrahlende Blau. Die ekelhaften Teerklumpen am Himmel wurden entsetzlich deutlich, sahen von der Sonne direkt beschienen noch weit missgestalteter und hässlicher aus als im Zwielicht; Fremdkörper waren sie; sie gehörten der ewigen Nacht an; hier gehörten sie nicht her. Zwar änderte sich rein äußerlich nichts an ihnen, doch konnte man spüren, dass von ihnen eine Ausstrahlung wie von bösen, übelwollenden Gedanken ausging, die einem kalte Schauer über den Rücken jagten, sobald sie einen wie anbrandende Wellen trafen.
Gina suchte, einen kühlen Kopf zu bewahren, und wandte sich an Olivia.
„Hol das Fernglas“, kommandierte sie.
Akribisch suchte Gina IHRE Oberflächen der Reihe nach mit dem Fernglas ab, doch die toten, grindigen Krusten zeigten keinerlei Bewegung und auch keine Ansätze von Öffnungen, durch die irgendwelche Insassen diesen schrecklichen Himmelsgefährten entsteigen könnten.
Lange sagte Gina nichts zu ihren Beobachtungen.
„Und? Was siehst du?“, drängte sie schließlich die nervösen Stimmen ihrer Kumpanen.
Gina blickte in die Runde.
„Was soll ich da sehen“, sagte sie, „Nicht mehr als ihr mit bloßen Augen!“
„Nichts, gar nichts“, fügte Gina noch hinzu, doch ihre nichtssagende Antwort wurde von einem donnernden Lärm geschluckt und von keinem ihrer Freunde vernommen.
Erschreckt wirbelten die Kinder herum und blickten gehetzt Richtung Westen, von woher der Krach zu ihnen gedrungen war. Zugleich setzten sich ihre Beinpaare in Bewegung und rannten durch das kleine Wäldchen, rasten den Serpentinenweg hoch und starrten oben zu der Landzunge, dem westlichsten Ausläufer der Insel hinüber. Eine Säule schwarzen Rußes stieg dort kerzengerade zum Himmel auf. Und dann erkannten sie das Geräusch: Ein mächtiger Dieselmotor war donnernd gezündet worden und tiefes Maschinenröhren, Rattern und Knattern wehte durch die Luft zu ihnen herüber.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s