"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 10. Noch eine böse Überraschung

Wolkeninsel

Gina, Lea, Olivia und Michael rannten wie entfesselt über den Trampelpfad nach unten. Keiner achtete auf die spitzen Steine unter ihren nackten Fußsohlen, geschweige denn dass sie sie überhaupt spürten. Kurz vor dem Ziel wurden sie langsamer, fassten sich und atmeten durch, um die Gedanken zu klären. Um die nächste Biegung würden sie sehen können, was unten vor sich ging.
Bäuchlings krochen Gina und ihre Gefährten vor und im Schutz hoch aufgeschossener Grasbüschel spähten sie nach unten. Gina bewaffnete ihr Auge wieder mit dem Fernglas und glarte das wogende Grasmeer entlang, bis die Eindringlinge in ihrem Gesichtsfeld auftauchten.
Keine Monster aus außerirdischen Fahrzeugen waren dort unten zugange. Nein, dem ersten Blick nach zu urteilen waren es ganz gewöhnliche Männer, Erwachsene von der anderen Seite der Realität, dessen war sie sich sofort sicher. Sie trugen die Montur von Bauarbeitern, gelbe Kunststoffhelme saßen auf ihren Köpfen, weiße Trägerunterhemden spannten sich über ihre wettergegerbten Oberkörper, gierig gerauchte Zigaretten kippten in ihren Mundwinkeln auf und ab.
Aber dann flutete kaltes Entsetzen durch Gina, als sie einem der Männer ins Gesicht sah: weiß war es wie Magerquark, unbewegt wie tot. Und die Augen – genau das hatte sie schon einmal gesehen!! – waren entsetzlich ausdruckslos und schwarz.
Einer der totenblassen Männer wuchtete einen Bauzaun in die Höhe und verankerte ihn in der Erde. Der andere saß auf einem mächtigen Bagger, einer monströsen Maschine, bullig und breit, einem Koloss aus Stahl. Mit dieser Maschine hatte er begonnen, die Landzunge im wahrsten Sinne des Wortes aufzurollen; in einem breiten Streifen schälte das mächtige Blatt der Baggerschaufel das Gras wie Rollrasen ab und hob, nachdem sie sich etwa zehn Meter vorgefressen hatte, den abgerollten Grünstreifen auf. Dann wendete die Maschine, knatterte mit hämmerndem Motor zum Rand der Insel und kippte die grüne Last achtlos in die Tiefe, hinab ins Nichts. Dann wendete der Fahrer erneut und setzte sein Zerstörungswerk fort. Gina beobachtete es mit solchem Entsetzen, dass sie den Blick gar nicht mehr abwenden konnte. Erst ein hallendes Krachen ließ sie vor Schreck das Fernglas verreißen.
Mit einem Scheppern, das noch hier oben zu vernehmen war, war die Tür eines Bauwagens ganz vorn auf der Spitze der Landzunge aufgestoßen worden. Ein Mann sprang heraus und begann ohne jeden erkennbaren Anlass haltlos, mit rauer, sich überschlagender Stimme herumzuschreien und unverständliche Kommandos zu brüllen, als wäre er mit der Arbeit der Männer ganz und gar nicht zufrieden.
„Diese Stimme!?“, dachte Gina.
Sie suchte den haltlosen Schreihals mit den Linsen ihres Glases – und erstarrte von Neuem.
Denn es war niemand anderes als ihr eigener Vater!
Nach ein paar weiteren sinn- und besinnungslosen Brüllern wandte er sich wieder um, knüllte herrisch einen zusammengerollten Bauplan unter seinem linken Arm zusammen, stampfte über das Metalltreppchen zurück in den Bauwagen und schlug die Tür energisch hinter sich zu.
„Das konnte nicht sein!“, dachte Gina. Wie hypnotisiert setzte sie sich in Bewegung, so plötzlich und unvermittelt, dass keiner ihrer Freunde eine Chance hatten, sie zurückzuhalten.
„Gina, nein!“
„Was ist los?“
„Was hat sie?“, wisperte es hinter ihr, doch sie war schon auf dem Weg nach unten. So gut sie konnte, nutzte sie die Deckungsmöglichkeiten des Geländes, um den Blicken der beiden Arbeiter zu entgehen, erst einen Busch, dann ein Dixi-Klo, zuletzt einen Stapel von Bauzäunen. So schlich sie sich Stück um Stück zu dem Bauwagen hinüber, pirschte sich zu der Tür, hinter der ihr Vater soeben verschwunden war.
Mit pochendem Herzen schlich sie die schmale Metalltreppe hoch und blickte sich noch einmal um; außerhalb ihres Sichtfeldes ratterte die Maschine und die klingenden Schläge eines schweren Hammers auf die Metallrohre eines Bauzauns erklangen. Das überzeugte sie davon, dass die beiden Bauarbeiter sie nicht bemerkt hatten. Noch einmal atmete sie ganz tief durch. Dann klopfte sie gegen die Tür.
„Herein“, ertönte es von drinnen und Gina öffnete die Tür.
Auf einem schäbigen Plastikstuhl hockte ihr Vater an einem länglichen Tisch unter dem kleinen Seitenfenster des Bauwagens.
Und auf eben diesem Tisch stand – die alte Zuckerdose! Gina beachtete sie jedoch nur einen flüchtigen Augenblick, denn schon im nächsten Moment hefteten sich die Augen im leichenblassen Gesicht ihres Vaters auf sie. Die Augen waren genauso schrecklich und leer wie die der Männer, wenn nicht noch schlimmer, weil Gina doch genau wusste, wie die Augen ihres Vaters sie normalerweise anschauten.
„Was willst du hier, Kleine?“, fragte er Gina wie eine Fremde.
In den Augen war kein Wiedererkennen auszumachen. Eine Sekunde lang blieb Gina unbewegt stehen, hoffte und bangte, dass es genauso sein würde, wie vor Zeiten in der geträumten Küche, wo ihr Papa zwar auch drei Anläufe benötigte, um sie als seine Tochter zu erkennen, zuletzt aber doch noch ihren Namen aussprach. Doch diesmal konnte Gina lange warten, kein Zeichen des Erkennens stellte sich ein, nichts verriet, dass es wusste, mit wem er es zu tun hatte.
„Was ist“, sagte er schließlich ungeduldig, „antworte oder bist du etwa auf den Kopf oder auf den Mund gefallen?“
Die barsche und unhöfliche Anrede, wie von einem Wildfremden ausgesprochen, verunsicherte Gina, aber sie fasste sich schnell wieder.
„Ich möchte wissen, was Sie hier tun“, sagte Gina fest, „wieso zerstören Sie die wunderschöne Wiese und die Pflanzen, wo doch da all die Schnecken, Käfer und Ameisen leben?“
„Zerstören?“, sagte der Mann, „wir zerstören gar nichts! Wir bauen auf! Wir erschaffen etwas aus dieser ungezieferdurchlebten Wildnis, führen diese Ödnis einem profitablen Zweck zu!“
„Sie reißen mit ihrer furchtbaren Maschine das herrliche Meer aus Gras weg, verjagen oder töten die Tiere, die hier leben!“
Gina wurde warm im Gesicht und ein seltsames Gefühl begann in ihr zu wachsen.
„Ungeziefer“, blaffte er. „Wuselnde und stechende Insekten! Darauf können wir doch keine Rücksicht nehmen, wo wir doch Wichtigeres zu schaffen haben! Unsere Aufgabe ist es, hier Platz zu schaffen! Ebenen und aufgeräumten Raum werden wir der planlosen Pampa abgewinnen, damit andere kommen können, um eine schöne, große und fortschrittliche Fabrik zu bauen, in der viele Leute Arbeit, Lohn und Brot finden werden, eine Fabrik, in der sie all die Dinge herstellen werden, die alle Welt braucht und kaufen will: Computerteile oder vielleicht Suppendosen oder Metallzäune oder Autos mit Zwölf-Zylinder-Motoren, irgendetwas Nützliches und Gewinnbringendes auf jeden Fall.
Und da kommst du hier reingeschneit und erzählst was von Ungeziefer und Gras!“
„Aber -“, wollte Gina weitermachen, doch er unterbrach sie mit erhobener Hand, schwenkte die Hand in der Luft hin und her und schüttelte den Kopf.
„Du brauchst gar nichts Weiteres mehr einzuwenden!“, sagte er, fast wirkte er dabei ein wenig nachdenklich. „Es ist nämlich völlig egal, was du dazu denkst.Und es ist sogar egal, was ich dazu denke! Andere befinden darüber und treffen die Entscheidungen! Und basta!“
Er griff nach einer Thermoskanne in seiner Tasche, die an einem Bein des Tisches lehnte, schüttete etwas von der schwarzen, dampfenden Flüssigkeit in eine benutzte Henkeltasse. Der scharfe Geruch von stark geröstetem Kaffee stieg Gina in die Nase. Und mit einem Plastiklöffel schaufelte er aus der Zuckerdose Vogelsand mit einigen der schäbigen Münzen in die Tasse, als wäre es Zucker.
Gina schaute baff zu und musste dabei an einige der Aufschriften denken, erinnerte sich der hoch- und hohltönenden Stichwörter auf den ollen Münzen in der Zuckerdose auf dem Tisch des Baustellenwagens, die in sinnloser Zusammensetzung die unwiderstehlichen Zauberwörter aus der Welt der Erwachsenen wiederholten: „Profit“, „Ordnung“, „Gewinn“, „Nutzwert“, „Produktivität“…
Ihr Papa rührte in der Tasse und führte dann das widerliche Gebräu an den Mund und trank begierige Schlücke von der sandigen Plörre.
„Ah, tut das gut“, stöhnte er und setzte die Tasse ab.
Von dem Zaubertrank gekräftigt, stieg eine andere Idee in ihm auf und hastig griff er nach einem abgegriffenen Aktenordner, der an der Ecke des Tisches unter dem Bauwagenfenster lag.
„Hier, sieh die offizielle Anweisung vom Oberbauleiter“, sagte er triumphierend, „er hat´s angeordnet und alles ist entschieden!“
Er knallte den grauen Aktenordner auf den Tisch und zog ein gelochtes Stück Papier heraus und hielt es Gina vor das Gesicht. Es war weiß und vollkommen leer.
„Ja, der Beweis, jetzt sagst du nichts mehr!“, frohlockte er.
Gina schüttelte den Kopf, als könne sie damit diesen bösen Traum verscheuchen.
„Papa, Papa“, flehte Gina und das eigentümliche Gefühl, das in ihrem Inneren gewachsen war, verstärkte sich. Sie musste es anders versuchen, irgendwie anders.
„Weißt du denn nicht, wer ich bin?“, stammelte Gina leise und fühlte dabei, wie ihr Gesicht heiß und ihre Augen feucht und glasig wurden. „Ich bin deine Tochter, Gina, und du zerstörst meine Welt.“
Der Vater blickte sie aus schwarzen Augen an und beinahe glaubte Gina, endlich Erkennen und Verständnis in ihnen aufschimmern zu sehen.
Doch es war nur ein flüchtiger Augenblick, dann war es wieder weg.
Und das tote Gesicht brauste auf und verzog sich hässlich.
„Du kleine Wilde, schau dich doch an, halb nackig, wie du hier herumläufst, du willst meine Tochter sein?“, fragte er mit urplötzlich wutverzerrtem Gesicht und der Moment war vorbei, als habe es ihn nie gegeben, „du bist ganz sicher nicht meine Gina. Die ist zuhause und lernt fleißig, dass mal was aus ihr wird: Ärztin, Rechtsanwältin, Produktionsleiterin, irgendetwas Ordentliches und Gewinnbringendes auf jeden Fall – aber doch nicht du …“ Mehr und mehr schien er sich maßlos zu erregen, sodass ihn nichts mehr auf seinem schäbigen Stuhl hielt, nichts sehend, vor sich hinstierend lief in dem Bauwagen auf und ab. „Was glaubst du denn nur, unverschämte kleine Lügnerin, so eine verschmutzte Göre will sich bei mir als meine Gina ausgeben? Nein“, sagte er und starrte sie mit seinen leeren Augen an. „Niemals, dass ich nicht lache!“
Und damit riss er die Tür des Bauwagens auf und brüllte die beiden kräftigen Männer herbei. Der Maschinenlärm und die Hammerschläge verstummten und einen Moment später traten die beiden Bauarbeiter mit ihren Bauhelmen und Trägerunterhemden schwerfällig vor die Wagentür hin.
„Habt ihr keine Augen im Kopf?“, schnauzte Ginas Vater sie an. „Hier tobt ein Kind auf der Baustelle rum! Und jetzt wütet die Kleine sogar im Bauleiterwagen herum! Schafft sie weg! Und zwar schnell!“
Die beiden Männer bewegten sich wie Marionetten an ihren Schnüren, doch ihr Griff, mit dem sie Gina links und rechts an den Armen packten, war fest. Verständnislos starrte Gina ihren Vater an und konnte sich nicht mehr helfen; voll Zorn und Verzweiflung schrie sie, wandte sich und strampelte, wehrte sich nach Kräften gegen den eisernen Griff der Männer, doch es war nichts auszurichten. Für Augenblicke rang Gina noch mit ihrer Fassung, konnte aber nicht anders, als den Kampf verlieren. Schließlich rollten ihr heiße Tränen über das Gesicht.
„Papa“, murmelte sie, „Papa!?“ Wie war das nur möglich, sie konnte es nicht, sie wollte es nicht verstehen. Noch nicht.
Die Männer hoben sie ungerührt hoch und trugen sie davon, vorbei an dem neu errichteten Bauzaun, an dem ein gelbes Schild mit schwarzem Rand hing. Darauf stand:
„Betreten der Baustelle verboten! Kinder haften für ihre Eltern!“
„Verschwinde hier“, sagte einer der Männer mechanisch und anteilnahmslos. „Es ist gefährlich hier für Kinder! Siehst du nicht das Schild?“
Weit vor dem Zaun setzten sie Gina ab, wandten ihr die breiten Rücken zu und gingen davon.
Gina sank auf die Knie und weinte ohnmächtig.
Sie bebte am ganzen Körper, in mehreren, aufeinanderbrandenden Wellen rollte ein Schluchzen und Zittern durch ihren Leib, aber von Welle zu Welle spürte sie, wie sich dabei ihr Geist wieder langsam beruhigte.
Nach einer oder zwei Minuten hatte sich Gina wieder so weit im Griff, dass sie zurück zu ihren Freunden gehen konnte, die noch immer wie angewurzelt hinter dem Sichtschutz aus hohem Gras kauerten.
Noch während sie nach oben ging, spürte sie, dass der Weinkrampf ihre Gedanken so weit gereinigt und geklärt hatte, dass sie wieder völlig klar denken konnte. Ihre wurde klar, was hier vor sich ging und dass ihr Vater nur eingeschränkt verantwortlich war für das, was er hier tat und gesagt hatte.
„Sie träumen“, dachte sie, „sie handeln wie Träumende, die von ihren Trauminhalten hin und hergeworfen werden, umhergewirbelt werden wie ein kleines Schiffchen im tobenden Sturm! Man sieht es an ihren Augen, sie erkennen nichts und sehen in leeren Blättern Handlungsanweisungen!“
Mit erneut aufloderndem Zorn blickte sie zum Himmel auf, als sie die Böschung hinaufkrabbelte.
„Dafür also braucht IHR Traumportale“, sagte sie leise. „Um bewusstlos träumende Menschen hierher zu zerren, Erwachsene, die so in ihre Vorstellungen eingesponnen sind, dass sie für EUCH ausführen müssen, was IHR nicht selbst tun könnt, weil IHR, denen alles nutz- und wertlos ist, was das Sein schön und lebenswert macht, vielleicht schon seit Millionen Jahren zu einem endlosen Todesleben erstarrt seid! Zu großen, teerverklebten Steinen seid IHR geworden, die keinerlei eigene Fähigkeit mehr besitzen außer der, EURE bösen Gedanken des Zornes und der bodenlosen Nichtigkeit in die Gehirne anderer einzupflanzen!“
Als Gina den oberen Rand der Böschung erreicht hatte, richtete sie sich zu ihrer vollen Körpergröße auf, blickte zum Himmel hoch und drohte IHNEN mit der Faust.

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