"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 11. Kampf

Wolkeninsel

Die unbarmherzige Maschine ratterte und grollte nicht nur den Tag über, sondern auch die ganze Nacht hindurch ohne Unterlass. Nach Einbruch der Dunkelheit erhellte eine auf einen Bauzaun gesetzte Leuchtbatterie das Gebiet der Landzunge mit weißem Licht, in dessen Schein alles kränklich und fahl aussah. Auch noch vom Lager, in das sich die Kinder am Abend zur Beratung zurückzogen, aus gut sichtbar glühte das Streulicht über dem Rand der Schlucht wie ein schreckliches Nordlicht, verschmutzte den Himmel und überstrahlte fast alle Sterne, tauchte die Nacht in ein tödliches Licht, grau und kalt wie auf einem fremden Planeten, der um einen ausgebrannten Stern kreiste.
Was sollten sie nun unternehmen? Keine Monster waren auf der Wolkeninsel erschienen, sondern Ginas eigener Vater, vom Trugbild eingesponnen, hier einen höchst wichtigen und unaufschiebbaren Bauauftrag ausführen zu müssen.
Gina saß am Feuer und rollte einen Speer zwischen den Handflächen und stierte in die Flammen. Damit würde sie doch nicht auf ihren Vater losgehen können, geschweige denn auf irgendeinen anderen Menschen!
„Wie gerissen und böse SIE sind“, dachte sie und erhob nicht den Blick nach oben, wo die grausamen Unwesen sich unablässig um sich selbst drehten.
„Und du denkst, es ist wirklich dein Vater?“, fragte Michael zum zweiten Mal an diesem Abend.
„Schon und doch nicht“, sagte sie, „ich weiß es nicht! Und letztendlich ist es sogar egal, ob ja oder nein! Kann es irgendwer von euch verantworten, kann ich es verantworten oder das Risiko eingehen, ihn mit Lanzen oder Pfeilen anzugreifen?“
„Das kann niemand“, stellte Lea fest. „IHR Plan ist perfekt.“
„Nahezu perfekt“, korrigierte Olivia, die aus dem Schatten in den Schein des Feuers trat. Hinter sich schleppte sie ein Bündel mit Speeren her. Sie löste einen aus dem Bund, legte ihn mit der Spitze über einen der flachen Steine, die das Feuerloch umrahmten, und drosch mit einem zweiten flachen Stein auf die feuergehärtete Spitze ein, bis sie abbrach und nur ein verkohlter Stumpf zurückblieb, den sie mit dem rauen Stein kugelig abschliff.
„Denkt doch mal nach“, sagte sie schließlich, „ob es Ginas Vater oder nur eine verhexte Kopie von ihm ist, ist nur wichtig, wenn wir gegen ihn und die anderen kämpfen wollen -“
„Ja, sicher, aber wie soll uns dieser Gedanke jetzt weiterhelfen?“, fragte Gina lahm.
„- wenn wir aber gar nicht bekämpfen wollen“, fuhr Olivia ungerührt fort, als hätte sie ihr gar nicht zugehört, „sondern nur erschrecken, ablenken, durcheinanderbringen wollen, wenn wir sie vielleicht für eine Weile auseinandertreiben wollen -“
„Selbst wenn es gelingt, was wäre damit gewonnen?“, brummte Gina.
Lea jedoch schien schneller zu begreifen. Und ihre Augen leuchteten, als sie zu sprechen begann:
„- dann hätten wir vielleicht die Möglichkeit, den Bagger zu erobern. Nehmen wir an, es glückt, die Baumaschine an uns zu bringen. Und wenn wir sie nur für Minuten in unsere Gewalt bekämen, so könnten wir sie wenden und über die Klippe schicken. Wir könnten sie in den Abgrund hinter dem Rand der Insel fahren lassen. Sie stürzt ab und weg ist sie!“
„Du hast es!“, sagte Olivia bestätigend. Und beide, Lea und Olivia, griffen nach weiteren Speeren und bewaffneten sich mit Sandsteinen. Gina und Michael schlossen sich schließlich an und nahmen nun ebenfalls Speere aus dem Bündel zur Hand und begannen sie in gleicher Weise zu behandeln, wie Olivia es mit dem Ersten getan hatte. Drei Stunden später waren alle Speere und Pfeile, bis auf einige Wenige, denen sie die gefährlichen Spitzen ließen, in stumpfe Geschosse verwandelt, nur noch zu Scheingefechten tauglich.
Am späten Vormittag pirschten sie sich an. Ihre Gesichter waren in einem braunen und grünen Tarnmuster bemalt. Und ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit lag auf ihnen. Hinter dem Sichtschutz aus hohem Gras legten sie ihre Waffen aus und robbten mit ihrem Fernglas bis zum Rand ihres Verstecks. Die Bauleute hatten mit ihrem monströsen Bagger ganze Arbeit geleistet. Der gesamte Westteil der Insel war in eine braune Ödnis verwandelt worden, von der üppig grünen Landzunge mit ihrem wogenden Ozean aus langen Halmen war nichts mehr übrig geblieben. Zurück blieb nur geschundenes Land, eine erbärmliche Wüstenei, über die der Bagger mit der gesenkten Schaufel einherfuhr, um die letzte Unebenheit zu planieren.
Genau kundschafteten sie die Lage auf dem wüsten Feld aus; auf dem Bagger saß nur ein einziger Mann, der zweite stand etwas weiter hinten auf dem bereits fertig begradigten Bereich, wischte sich den Schweiß unter der Kante seines Helmes ab und lauschte Ginas Vater, der an einem kleinen Campingtischchen stand, auf dem der zerknüllten Bauplan ausgebreitet war, den Gina schon gestern bei ihm gesehen hatte. Keine Minute verging, bis ihr Vater den Plan einrollte, zusammen mit dem anderen in Richtung des Bauwagens davonging und schließlich darin verschwand.
„Nur noch ein Mann und der Bagger“, sagte Michael. „Eine günstigere Gelegenheit wird nicht kommen!“
Das war das Zeichen! Olivia und Michael, die beiden Bogenschützen, spannten an. Lea und Gina machten sich mit ihren Speeren bereit.
Auf das geflüsterte „Los!“ von Michael eröffneten sie alle gleichzeitig das Feuer. Aus dem Hinterhalt hagelte es Speere und Pfeile, denen sie die Spitze genommen hatten, sodass Hoffnung bestand, dass niemand durch die Geschosse ernstlich Schaden nehmen würde. Sie prasselten auf den Bagger nieder wie ein Regen. Nach dem ersten Schub brachten sie sogleich den Nächsten und einen Dritten auf den Weg. Sie hörten, wie die Pfeile und Speere auf Blech, Glas und Kunststoff trafen, sahen, wie Speere am Schutzhelm des Mannes am Steuer abprallten! Doch die Maschine tuckerte weiter!
Wie auch immer das möglich war, aber der Mann auf der Maschine schien den Beschuss so wenig zu bemerken, wie die Mücken, die im Flug auf der kleinen Frontscheibe und auf dem gewaltigen Metallleib seiner Höllenmaschine zerschellten!
Unbeeindruckt fuhr der Fahrer fort, kramte aber in irgendeiner Ablage herum und holte, gerade als Michael und Olivia zur nächsten Salve ansetzten, einen Regenschirm heraus. Gina stutzte. War es möglich, dass SIE in der Lage waren, ihn so verrückt zu machen, dass er einen Angriff mit annähernd fünfzig Speeren, die nun teilweise im Boden steckten oder auf der Maschine oder deren Bedienungsraum lagen, mit einem Hagelschauer verwechselte? Es blieb ihr jedoch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn schon ging die nächste Salve auf ihn und die Maschine nieder. Ein Speer durchstieß, der abgestumpften Spitze zum Trotz, den Stoff des aufgespannten Schirmes und blieb schaukelnd darin hängen, ein anderer prallte wirkungslos vom Helm des Arbeiters ab, aber ein dritter traf ihn unter den Sichtschutz. Und endlich schien er etwas zu bemerken!
Die Maschine stoppte abrupt, der Mann taumelte vom Sitz und hielt sich eine Hand vor das Auge. Lea stürmte zur Eroberung los, doch neben dem schmerzgebeugten Mann tauchte wie aus dem Nichts (und wiederum von Lea nicht bemerkt!) Ginas Vater auf, besprach sich für einen Moment mit dem Verletzten und schüttelte den Kopf, als konnte er kein Verständnis für die Arbeitsunterbrechung aufbringen. Behände sprang er auf die Maschine und übernahm selbst den Fahrersitz, startete eigenhändig die Maschine und ließ sie genau in dem Augenblick weiter voranrollen, als Lea – völlig fixiert auf ihr Ziel – gerade im Begriff war, vorn auf die Motorhaube zu springen. Lea rechnete nicht mit der Bewegung und verfehlte ihr Ziel, rutschte ab und fiel mit dumpfem Aufprall in die Baggerschaufel. Regungslos blieb sie darin liegen, kam nicht wieder hoch. Aber die Maschine knatterte weiter, denn Ginas Vater reagierte gar nicht auf das Geschehene, von Blindheit geschlagen reagierte er wie jemand, der von all dem rein nichts mitbekommen hatte.
Was geschah hier nur? Was zur Hölle ging hier vor? Gina konnte es nicht mehr begreifen.
„Stoppt das Ding“, schrie sie jetzt besinnungslos vor Angst. „Stoppt es!“
Sie packte einen der letzten verbliebenen spitzen Speere und nahmen ihn wie Lanzen in Anschlag und wollte schon losstürmen. Doch Michael packte sie am Arm und zog sie mit aller Kraft hinter seinen Rücken.
„Hör auf, sei ruhig!“, sagte er beschwichtigend, „das hat keinen Sinn!“
„Los“, sagte er zu Olivia gewandt.
„Nimm die spitzen Speere und versuch, die Reifen zu treffen! Ich schieße mit den Pfeilen darauf!“
Michael, ihr bester Bogenschütze, ließ einen spitzen Pfeil nach dem anderen von der Sehne surren und Olivia unterstützte ihn. Sechs spitze Pfeile brachten er ins Ziel; sie noch einmal so viele Speere; sie trafen die mächtigen Reifen der Höllenmaschine, doch es fruchtete nichts.
„Es bringt nichts! Die Pfeile prallen einfach ab!“, krächzte Michael.
„Sinnlos“, sagte Olivia. „Sogar mit so einem angespitzten Speer kommt man nicht durch diese Reifen!“
Da hielt Gina nichts an ihrem Platz. Achtlos warf sie den Speer beiseite und stürmte vor, ihre beiden Freunde schneller zurücklassend, als sie noch irgend eingreifen konnten.

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