Der fliegende Gorilla auf Sinnsuche

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Ich träume, in der Schule bzw. auf dem Weg dorthin zu sein. Mein Rücken und meine Arme sind vollgeladen mit vielfältigem, teilweise sinnlosem Kram, den ich durch die graue Morgendämmerung in den Unterricht schleppen muss, darunter ein großer quaderförmiger Strohballen auf meinem Rücken. Obgleich das Zeug an sich nicht schwer ist, komme ich, als verließen mich die Körperkräfte, einfach nicht voran. Mit letzter Kraft schleppe ich mich im alten Treppenturm der Schule nach oben (ich habe ihn in diesem Traum aus unerfindlichen Gründen schon einmal verlassen und quäle mich jetzt wieder zurück). Auf dem ersten Absatz kommt mir jetzt aber die Erkenntnis, all das nur zu träumen. Ich werfe meine Last achtlos in die Ecke und schwinge mich vom Treppenabsatz in den Flug. Ich fliege unter die Treppe und durchstoße vor mir eine aus einem Granitblatt bestehende Treppenstufe. Sie ist etwas zäh, doch durchstoße ich sie relativ problemlos wie eine graue, weiche Knetmasse. Als ich dahinter herausfliege, ist die von warmem Glühbirnenlicht erhellte Szenerie im Treppenturm etwas unscharf geworden. Doch habe ich das geträumte Umfeld noch nicht verlassen. Ich beschließe, genau das jetzt bewusst zu tun. Dazu bringe ich meine Füße auf den granitenen Treppenabsatz vor mir, schließe die Augen, beginne auf dem Fleck in einem kleinen Kreis zu laufen und mich durch Händereiben auf eine andere Traumebene einzustimmen. Dass ich beim Laufen über den Treppenabsatz hinaus über die Luft gehe, ohne ins Leere treten oder stürzen zu können, zelebriere ich ganz bewusst, da die gegebene Szenerie jetzt uninteressant geworden ist und keinerlei Bedeutung mehr hat. Dennoch stürze ich kurz an einer Art Rauputzwand entlang, ohne mich jedoch dadurch verletzt zu fühlen, und fange mich mit Leichtigkeit im Fall ab. Der Wechsel funktioniert klasse; wie beim letzten Mal sehe ich erst einen goldenen Schimmer, doch dann klart auch schon umgehend ein neues astrales Umfeld in meinem Gesichtsfeld auf: ein großer schattiger Innenhof unter hohen Laubbäumen. Der quadratische Hof ist rundum von mehrstöckigen Wohnhäusern umgeben. Die Sonne scheint gerade aufzugehen. Ich schwebe auf der Höhe der Baumstämme knapp unterhalb der Baumkronen. Richtung Südwest führt ein Durchgang zwischen den Häusern aus dem Innenhof heraus. Ich beschließe, dort entlangzufliegen und die Gegend zu erkunden. Als ich den Durchgang durchfliege, ändern sich schlagartig die Tageszeit und die Stimmung der Umgebung. Es ist jetzt tiefdunkle Nacht. Die ostwärts führende Straße ist von hellweißen Straßenlaternen beleuchtet; weißer Nebel wabert umher. Links von mir, von einem dunklen Hauseingang her, schreit plötzlich jemand gellend auf, als hätte er ein Gespenst gesehen, und haut ab, ehe ich die Person überhaupt selbst zu Gesicht bekomme. Doch realisiere ich, dass niemand anderes als ich selbst, der ich gerade aus dem Schatten in den Lichtkreis der Straßenlampen eingeflogen bin, der Grund dieses nächtlichen Schreckens bin. Irgendetwas scheint an meinem Erscheinungsbild nicht zu stimmen. Ich greife mir an die Unterarme und fühle dort eine dichte Behaarung wie von Kunstfell. So fliege ich zu einer Art Verkehrsspiegel auf einer verzinkten Plattform und betrachte mich dort. Ich sehe mich als eine Art flugfähiger Gorilla mit pechschwarzem glänzendem Gesicht und schwarzem Fell an den affenartig langen Armen und dem gesamten Körper. Nur die Augen, die mich aus diesem maskenhaften Gesicht anblicken, sind menschlich. Hinsichtlich der Körpermasse falle ich erheblich schmaler und schlanker als ein ausgewachsenes Gorillamännchen aus. Alles in allem macht dieses Äußere keinen erschreckenden, sondern eher einen etwas absurden und künstlichen Eindruck auf mich, wenngleich ich mich nicht verkleidet fühle. Augenblicklich ist dieses eigentümliche physische Vehikel tatsächlich mein Körper! Ein befremdliches Detail daran ist ein kleinerer Affe oder eine Fledermaus (?), die an meinem rechten Ohr herunterhängt. Ich versuche, die kleine Gestalt abzuziehen, stelle aber fest, dass sie fest mit dem Ohrläppchen verwachsen ist! Irgendwie wird mir dies jetzt doch zu dumm. Und so mache ich mich daran, erneut das Astralumfeld zu wechseln. Wiederum kreise ich, diesmal auf der schmalen Plattform, herum und gehe auch diesmal bewusst über die Fläche hinaus und über die Luft. Auch diesmal klappt das Umstabilisierung mittels Händereiben unmittelbar. Ich lande in einer Straßenszene, die ein bisschen Ähnlichkeit mit einer Umgebung in Neustadt an der Weinstraße hat, die ich gut kenne: Spitalbachstraße auf der Höhe der Stettinerstraße, wo meine Eltern wohnen. Ein streifender Blick auf meine Unterarme sagt mir, dass ich jetzt wohl meine normale menschliche Gestalt wiedergewonnen habe. Da ich mir vorgenommen habe, ein paar essenzielle Fragen zu stellen, sobald ich während einer Astralreise auf andere Menschen treffe, begebe ich mich zielstrebig zu einer Gruppe von Arbeitern, die sich auf einer kleinen Verkehrsinsel mit einer Art Zapfsäule (?) und einer Überdachung nach Tankstellenart aufhalten. Ohne viel Federlesens werfe ich meine Frage „Können Sie mir sagen, was der Sinn des Lebens ist?“ in die Gruppe hinein. Dabei schaue ich einen schlaksigen jungen Kerl im Blaumann mit dunkelbraunen Haaren und Sommersprossen in einem jungenhaften Milchgesicht direkt an. Befremdlicherweise starrt er mich nur mit großen Augen an und bekommt einen Schweißausbruch! Ich wende mich mit meiner Frage an die Reihe älterer und gesetzterer Herren, die weniger aufgeregt, aber ratlos auf meine Frage reagieren. Wir wissen es nicht, antwortet mir einer der Männer. Ich merke, dass hier nicht mehr zu erfahren ist, und trenne mich von der Gruppe. Seitlich auf dem Kopfsteinpflaster naht eine indische Frau in traditioneller Gewandung, einem sandgelben Sari, die eine Gruppe Kinder anführt: eine Lehrerin oder eine Erzieherin. Mit einer solchen Person zu sprechen, könnte sich vielleicht als ergiebiger herausstellen! Entschlossen gehe ich auf sie zu. Im gleichen Moment wird sie jedoch von einer anderen Person, die frontal auf sie zugeht, angerempelt und angequatscht. Sie reagiert ablehnend, schiebt sich energisch an dem Passanten vorbei und geht mit starr vorausgerichteten Augen entschlossen weiter. Ich fürchte, dass das meinen Annäherungsversuch erschweren könnte. Dennoch probiere ich es. Eilenden Schrittes bringe ich mich ihr zur rechten Seite. Es erscheint mir jetzt unpassend, sie gleich ohne jeden Zusammenhang mit meiner Lebensfrage zu überfallen.
„Sie sind doch Erzieherin“, sage ich zu ihr und versuche mit ihr, über die Frage nach dem Ziel heutiger Erziehung ins Gespräch zu kommen. Die Inderin, eine Frau um die Vierzig, wirkt indes etwas gehetzt und schaut mich nicht direkt an; ihr Blick bleibt durchgängig nach vorn geheftet. Sie antwortet etwas wortkarg und zusammenhanglos.
„Zehnjährige sind noch leicht zu lenken“, meint sie knapp.
„Und wohin zu lenken?“, hake ich nach.
Freiheit und Selbstbestimmung seien das Ziel, entgegnet sie.
Zugleich spüre ich, dass ich den Anschluss verliere und aus der Traumebene herausfalle. Obgleich ich stabilisiere, gelingt es mir nicht zu bleiben. Rasant blende ich ins Bett über und spüre noch für Sekundenbruchteile das Gefühl der zusammenliegenden Hände, doch es schwindet schnell. Es ist 7:30 Uhr, als diese Astralprojektion endet.

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