Zustandskontrolle

Schon in der meditativen Phase zum Einstieg spüre ich, dass ich heute kaum in einen besonders tiefen Schlafzustand übergehen werde. Ich bin einfach zu wach. Nach mehreren Anläufen finde ich mich schließlich in den Grünanlagen wieder, wie sie vor vielen Jahren hinter dem Haus meiner Eltern existierten, und gehe auf den Hauseingang zu. Ich bin in die Zeit vor meinem zweiten Staatsexamen zurückversetzt. Als ich die geöffnete Haustür passiere und die Treppe hinaufsteige, denke ich darüber nach, wie schön es wäre, endlich den Prüfungsdruck los zu sein.
„Wenn ich nur, wenn ich nur!“, geht es mir durch den Kopf. Doch auf dem zweiten Treppenabsatz dämmert mir schließlich, dass ich all das in Wirklichkeit doch schon lange hinter mir habe und werde klar.
Bewusster Traumzustand erreicht, denke ich und will von der Treppe aus durch die Wand losfliegen. Stattdessen entschließe ich mich aber erst einmal die Situation durch einen Realitätstest abzusichern.
Der Zeigefingertest kommt zu dem erwarteten Ergebnis, doch seltsamerweise wird es nächtlich dunkel im Treppenaufgang.
In der Absicht, die Landschaft draußen in Augenschein zu nehmen, schwinge ich mich durch das stockdunkle Fenster im Treppenhaus und schwimme draußen in absoluter Finsternis ein paar Züge durch die Luft.
Derweil orientiere ich mich, was ich nun eigentlich unternehmen will, und komme auf meinen Plan zurück, mir in der Traumwelt die Zutaten eines Lebenselixiers zusammenzustellen.
In der dunklen Void werde ich diesbezüglich ganz sicher nicht weiterkommen.
So bringe ich mich in eine senkrechte Haltung und versuche, in der dunklen Luft im Kreis zu gehen, um eine andere Traumdimension zu erreichen. Ich denke dabei einfach daran, in eine schöne Landschaft zu gelangen. Obwohl ich kein realistisches Gefühl für das Laufen im Kreis erzeugen kann, gelingt der Wechsel.
Ich finde mich in einem sonnigen Umraum voller Herbstfarben wieder; vor mir erhebt sich eine Reihe herbstlicher Laubbäume, vielleicht ein Waldrand (?); links von mir fällt mir sofort ein knallroter Sportwagen mit runden Scheinwerfen ins Auge (ein Porsche?). Der Wagen befindet sich in voller Fahrtbewegung – und ich auch! Wie in einer Art Parallelverschiebung, die die Szenerie um mich optischen Verzerrungen unterwirft, rase ich, ohne selbst etwas zu dieser Bewegung beizutragen, zusammen mit diesem Wagen durch den Raum. Die irritierende Wahrnehmung hält einige Sekundenbruchteile an und leitet mich dann ins Erwachen über. Es ist 6:45 Uhr.
Es ist einigermaßen schade, aber da ich heute offenkundig keine ausreichende Schlaftiefe erreiche, kommt trotz vielversprechender Ansätze kein stabiler Klartraum zustande.
In der zweiten Übungsrunde, die eher noch halbherziger ist, als die Erste, laufe ich alsbald in den noch erhaltenen unterirdischen Räumen einer Felsenburg entlang.
Im hinteren Teil muss ich einen schmalen Durchgang im Fels durchqueren, um in den nächsten Raum zu gelangen.
Zu meiner Überraschung stoße ich hier aber auf einen Durchgang, der wie die Jenseitstunnel aussieht, die man von künstlerischen Darstellungen kennt! Am Ende des Tunnels in einigen Metern Entfernung ist eine kreisrunde Öffnung zu erkennen, ein sachtgelbes Leuchten erfüllt von dort her den gesamten Tunnel.
In diesem Moment wird mir wieder völlig klar, mich erneut in einen astralen Zustand begeben zu haben. Als ich das gelbe Licht am Ende des Tunnels passiere, gelange ich auf eine schmale Plattform vor einem Fenster in großer Höhe; es ist sonnig und freundlich hier, doch der schmale Sims, offenbar nicht zu einer Burg, sondern eher zu einem alten Fabrikgebäude aus dunkelrotem Ziegelstein gehörig, ist zu schmal, um hier viel zu erkunden oder zu unternehmen. Anstatt einfach abzuheben, will ich erneut probieren, durch den Rotationstrick irgendwoanders hin zu gelangen. Da der Traumzustand heute Morgen recht instabil ist, sichere ich jeden Schritt mit einer erneuten Zustandskontrolle ab.
Das Drehen über links führt nur in die dunkle Void. In der anderen Drehrichtung erreiche ich einen kleinen Raum in einer Wohnung, vielleicht eine Abstellkammer mit einem kleinen Fenster mit einem Sichtschutz, durch das Sonnenlicht in die Kammer fällt. Ein weiterer RC zeigt, dass der Zustand noch stabil ist.
Wie an eine höhere Instanz meiner Selbst gerichtet, frage ich mich, wie ich nun weiter vorgehen soll, und erhalte durch eine fremde Stimme in meinem Inneren eine Antwort. Spontan geht mir durch den Sinn, dass es die Stimme Gottes sei:
„Bin mit anderem beschäftigt“, gibt mir die innere Stimme zu verstehen, „habe hier gerade irgendeinen Quatsch gemacht, um den ich mich jetzt kümmern muss!“
Ein „Gott“, der zugibt, dass ihm „Quatsch“ und Fehler unterlaufen – das ist doch auch einmal etwas!
Folglich muss ich allein sehen, wie ich fortfahren soll. Klar ist mir, dass ich weiterhin probieren will, hier die Integrenzien für mein Elixier zusammenzusuchen.
Das Naheliegenste scheint es mir zu sein, die enge Kammer durch das Fenster zu verlassen. Ich hebe ab, fliege nach draußen – und lande in einem schlagartigen Szenenwechsel in meinem heimischen Bett.
Erst denke ich, dass es jetzt vorbei sei, stelle aber durch einen weiteren RC fest, dass ich nur im falschen Wachliegen gelandet bin.
Umgehend will ich aufstehen, um im Haus, vielleicht unten in der Küche, auf die Suche nach meinen Utensilien zu gehen.
Als ich versuche, meinen Oberkörper zu erheben, öffne ich versehentlich die Augen, blicke in Richtung der halb geöffneten Schlafzimmertür und spüre dabei, wie ich in die physische Wirklichkeit übergehe. Ich schließe die Augen, lasse mich zurückfallen und kann mich gerade noch einmal abfangen. Der x-te Zeigefinger-RC heute Morgen beweist, dass es gerade nochmal geklappt hat. Zur Sicherheit lasse ich den Zeigefinger einfach in meiner Handfläche stecken und will beginnen, mit dem alten „Baumstammrolltrick“ von der Physis loszukommen. Dabei bemerke ich aber, dass mir die Zustandskontrolle entgleitet und sich das Gefühl der normal im Bett liegenden Hände einstellt. Damit ist es wirklich vorbei. Es ist 8:50 Uhr.

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