Die ewige Heimat

Ich träume, dass Besucher bei mir zuhause sind. Sie stehen vor dem Veranda-Fenster im Erdgeschoss und unterhalten sich. Ich gehe Richtung Küche davon. Unvermittelt steht Frau B. vor mir, schaut mir ernst ins Gesicht und sagt, ich sähe blass aus und man mache sich Sorgen um mich. Ich bin irritiert, denn ich fühle mich augenblicklich wohl und leide, außer den altbekannten Maladien, auch an nichts Schwerwiegendem. Dennoch will sich Frau B. unbedingt mit mir unterhalten, was ich indes vor den Gästen vermeiden möchte.
„Kommen Sie mal mit!“, sage ich und auf der Suche nach einem ungestörten Fleck landen wir schließlich in meinem von der eingeschalteten Neonlampe erhellten Keller. Dort in der Ecke will ich diese Sache klären. Die Hände rechts und links an den zulaufenden Wänden abgestützt, starre ich in auf den von einigen Spinnweben überzogenen Winkel und wundere mich, weil Frau B. urplötzlich spurlos verschwunden ist. Die Ecke fixierend werde ich mir klar, dass dies eine Traumsituation sein muss, drehe mich um und steige zur Prüfung des Zustands in den Flug im Schwimmmodus auf. Das klappt und vollendet die Luzidität.
Geschwind schwimme ich die Wendeltreppe aus dem Keller ins EG hinauf. Das Haus hat sich in faszinierender Weise verändert: Es ist jetzt komplett leer; Böden und Wände bestehen aus kahlem, allerdings mit hellgrauer Farbe ordentlich gestrichenem Beton!
„Warum ist jetzt alles grau und leer?“, frage ich mich.
Linkerhand zur Veranda hin befindet sich ein gewaltiges Panoramafenster. Der Blick nach draußen zieht mich an.
Obwohl ich gleich einem meiner Projekte nachgehen möchte, will ich dennoch erst einmal die Landschaft vor dem Fenster ins Auge fassen.
Neugierig gehe ich hinüber und der Sog wird so stark, dass ich ihm bedeutenden Widerstand entgegen setzen muss, um nicht hinausgezogen zu werden.
Das Panoramafenster ist beschlagen und nur ein vielleicht 1,50 auf 2 m breites Rechteck gewährt klaren Durchblick.
Als sei mein Haus in großer Höhe auf einen steilen Hang gebaut, blicke ich in ein schmales Tal hinunter, jenseits steigen die Berge eines Mittelgebirgszugs auf, dem Haardtrand nicht unähnlich. Alles ist in ein ungeheuer interessantes, überirdisches Licht getaucht; die Lichtverhältnisse gleichen denen, die oft kurz vor einem Gewitter herrschen. Über den Bergen thronen tiefgraue Wolkenbänke, doch vom gegenüberliegenden Horizont her bestrahlt goldenes Sonnenlicht gedämpft die dunkelgrüne Waldeseinsamkeit auf den Hängen.
Es wirkt fast unwirklich, beinahe wie ein Kunstwerk.
Ich ziehe mich vom Fenster zurück und denke daran, dass ich im Zusammenhang mit meinen Plänen zum Lebenselixier auf den Gedanken kam, im Traumzustand die eigene ewige Heimat, gewissermaßen meine ewige Wirklichkeit aufzusuchen, das, was bleibt, wenn alles Vergängliche vergangen ist. Die Translation (Überführung) dorthin will ich jetzt versuchen.
Entschlossen wende ich meine übliche „Kreislauf“-Technik bei geschlossenen Augen an und spüre, wie ich irgendwoanders hin wechsle.
Als ich die Augen öffne, finde ich mich auf einer schmalen, links von Bäumen gesäumten Asphaltstraße wider, die parallel zu einem länglichen und geradezu übernatürlich tiefblauen See (dem Farbspiel nach dem berühmten Blautopf vergleichbar, nur dunkler) verläuft. Zu den Bäumen hin sind viele Kleinwagen in einer Reihe geparkt. Rechts der Straße reihen sich kleine Bungalos, offenbar in Holzbauweise, mit kleine Gartenparzellen auf. Weiße Straßenlaternen (?), die Krankonstruktionen an einem Pier nachempfunden zu sein scheinen, fallen mir ins Auge.
Ich stehe auf einer über eine Treppe erreichbaren Erhöhung über dieser bis zum Horizont verlaufenden Straße. Zm Flug ansetzend will ich treppab auf die Straße hinunter und vielleicht den Pfad zum See hinunter nehmen.
Allerdings merke ich umgehend, dass ich mich in dieser Umgebung wesentlich physischer fühle als sonst. Ich fühle mich recht schwer und kann nicht höher als etwa zwei Meter über den Boden aufsteigen.
Das ist schade, denn ich würde wohl gerne etwas höher gehen, um den Ort aus der Vogelperspektive zu erfassen.
Ich lande kurz, um mich durch Händereiben zu stabilisieren.
Immerhin komme ich im zweiten Anlauf hoch genug, um nach einer kurzen Vernebelung meines Blicks zu erkennen, dass dies eine bis zum Horizont reichende Flachlandumgebung und die Ansiedlung sehr ausgedehnt ist.
Es ist ein idyllischer, was die Vielzahl geparkter Autos betrifft offenbar auch sehr gut frequentierter Seeort, der sich da im Gelb einer morgendlichen Sonne erstreckt. Alles ist morgendlich still und kein Mensch ist zu sehen. Die Umgebung kommt mir völlig unbekannt vor. Allenfalls einige Küstenorte in Schottland hatten einen entfernt ähnlichen Flair.
„Das also ist ein Teil deiner ewigen Heimat?“, frage ich mich. So richtig anfangen kann ich damit noch nichts. Und schließlich denke ich ans Aufwachen, um all das aufzuzeichnen, ohne allzu viele Details zu vergessen.
Dieser Gedanke und die mit diesem Ort verbundene Irritation lässt mich schließlich ins tatsächliche Erwachen übergehen.
Es ist 8:15 Uhr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s