Hochzeit und Zerstörung

Gerade erwache ich aus einem Traum, in dem ich mit einem seltsamen Gefühl des Unwohlseins die Spital- und Stettinerstraße entlanggelaufen bin. Ich finde mich in meinem Bett wieder. Von der Tür her erhellt das Licht eines bedeckten Morgens das Schlafzimmer. Links in meinem Gesichtsfeld entdecke ich etwas, das ich zunächst als eine runde Tischplatte aus Holz deute; es ist, als läge ich mit der linken Gesichtshälfte auf dieser Tischplatte.
Die Stimme eines wildfremden Herrn erklärt mir indes, dass es sich dabei nur um eine Täuschung handle. Was ich sähe, sei nichts anderes als mein rundlich verformtes Kopfkissen. Eine kurze Überprüfung zeigt, dass diese Aussage richtig ist. Zugleich stellt sich Klarheit über den Traumzustand ein, wobei ich feststelle, dass sich das Unwohlsein aus der vorhergehenden Traumsequenz auf die jetzige übertragen hat. Ich fühle mich leicht kränklich.
Der namenlose Herr in meinem Schlafzimmer, sehr formell mit hellgrauem Anzug, weißem Hemd und gestreifter Krawatte bekleidet, scheint um diesen Zustand zu wissen, will mich offenkundig ablenken und so zur Besserung beitragen.
Er fordert mich auf, mit ihm zu kommen und mir ein paar Steinewerfer vor dem Haus anzuschauen.
So führt er mich aus der Wohnung meiner Eltern (das Schlafzimmer in meinem Haus ist in diesem Traum in die elterliche Wohnung verlegt) in die Nachbarwohnung und dort an ein Südfenster im hintersten Raum.
Zunächst wundere ich mich darüber, da mein Zimmer drüben doch auch nach Süden weist, sodass man von dort aus doch eigentlich dasselbe sehen können müsste, wie von hier aus.
Doch ein Blick aus dem Fenster macht die Sache klar: Von dieser Stelle aus hat man einen wesentlich besseren Blickwinkel, um auf der Straße gegenüber, am gegenüberliegenden Wohnblock vorbei, eine turbulente Straßenfestszene einzusehen.
Eine kurdische Hochzeit ist in vollem Gange; viele Leute in farbenfroher Alltagskleidung tanzen und hüpfen ausgelassen umeinander. Und das „Steine werfen“ entpuppt sich als eine Art Hochzeitsbrauch, bei dem man sich gegenseitig mit kleinen Gegenständen bewirft. In dem rasanten Trubel ist das eigentlich Hochzeitspaar nicht auszumachen.
Als ich mich wieder auf die Situation im Zimmer konzentriere, hat sich der Herr in eine andere, sehr viel jüngere Person, Z., gewandelt.
Z. fragt mich, ob wir am kommenden Mittwoch nicht auch etwas zusammen unternehmen sollen, um die Tristesse des alltäglichen Lebens zu durchbrechen. Ich bejahe den Vorschlag.
Z. will den Beschluss besiegeln und mit zwei Gläsern anstoßen, die auf der Fensterbank stehen. Das größere, das ich nehmen soll, kommt mir gebraucht vor und bei der Betrachtung gegen das Licht stelle in tatsächlich Lippenspuren daran fest. Ein Rest Wasser schwappt darin herum und das Ganze kommt mir etwas eklig vor. Dennoch gehe ich darauf ein, wandle zuvor aber, indem ich meine Geisteskräfte fokussiere, den Wasserrest in einen Schlick Cola um.
Als ich nach dem Anstoßen davon trinke, bleibt etwas in meinem Mundwinkel hängen, das ich als Eis deute, obgleich es eine völlig andere Konsistenz hat. Ohne mich weiter darum zu kümmern, wische ich es mit dem Handrücken weg und wende mich an Z.
„Wir haben einen Klartraumzustand erreicht“, sage ich zu ihm. „Und jetzt ist die Frage, was wir weiter damit anstellen sollen! Sollen wir einen Besuch in der ewigen Heimat probieren?“
Z. stimmt diesem Vorschlag vorbehaltlos zu. Gemeinsam begeben wir uns in die Mitte des Raums. Wir fassen uns an den Händen, um die Translation einzuleiten. Dabei flüstert mir Z. allerdings zu, dass die ewige Heimat bald untergehen würde. Etwas irritiert hake ich nach und er gibt mir zu verstehen, dass wir es sein würden, die die ewige Heimat zerstören würden.
Die düstere Prophezeiung hält uns aber nicht davon ab, mit dem Überführungsritual zu beginnen. In einem Kreistanz wirble ich schließlich bei geschlossenen Augen mit Z. um eine gemeinsame Achse in der Raummitte. Doch wiederum geschieht, wie bei den Translationsexperimenten der letzten Zeit auch, nichts! Geraume Zeit halten wir den Zustand aufrecht in der Hoffnung, doch noch ein Ergebnis herbeizuführen, doch bemerke ich keinerlei Veränderung.
Schließlich lasse ich mich bewusst ins Erwachen übergleiten.
Nach dem Aufwachen wundere ich mich über die seltsame Qualität meiner luziden Träume in letzter Zeit. Irgendetwas hat sich verändert, doch noch kann ich nicht sagen, was nicht stimmt und was genau hier geschieht. Und was soll es nur bedeuten, dass ich selbst die Ursache für die Zerstörung jenes mystischen Ortes sein soll, den ich die „ewige Heimat“ getauft habe?
Es ist 8:50 Uhr.

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