Kampf mit der dunklen Void

Ähnlich wie schon vor einigen Tagen gehe ich heute Morgen in einem nur undeutlich erkennbaren Umraum zwischen Wingertzeilen bzw. auf einem Feldweg entlang, springe alsbald in Bauchlage in die Luft und gleite weiter. Dabei überkommt mich das Gefühl der Loslösung von der Physis. Gegen einen leichten Zug nach hinten ankämpfend komme ich von ihr frei und lasse sie hinter mir zurück. Ich bin klar, frei und flugfähig, vermag aber nichts zu sehen. Das Traumumfeld scheint dimensionslos grauschwarz wie die dunkle Void. Beim Versuch, Sehfähigkeit zu gewinnen, steige ich ein wenig senkrecht auf und kämpfe dabei mit der mein Sehfeld ausfüllenden Dunkelheit wie mit einer zähen Masse. Vereinzelt sehe ich blendungsfreie Lichtlinien in nebulös gestreutem Weiß. Die Linien bilden rechte Winkel, als blickte ich auf ein abgedunkeltes Fenster, zu dessen Seiten trübes Tageslicht einfällt. Wie ich mit dieser Dunkelheit ringe, spüre ich, wie ich ins Physische zurückfalle. Allerdings gelingt es mir, mich vom Bett aufschwingend ein zweites Mal zu lösen, wobei ich in dieselbe Situation gerate wie zuvor: Erneut ringe ich mit der dunklen Void bis ich wiederum zurückfalle – diesmal ohne mich ein weiteres Mal lösen zu können. Es ist kurz vor sieben Uhr, als alles vorbei ist.

Treffen mit J.

In einer riesigen Tiefgarage mit Wänden wie von schwarzem Marmor renne ich von Absatz zu Absatz treppab und dann in einen langen breiten, tunnelartigen Gang hinein, dem Tageslicht an seinem Ende entgegen.
In dem Gang entscheide ich mich, den Bewegungsmodus zu wechseln und schlittere nun mit vorgestreckten Füßen den Boden entlang, als führe ich auf einem Chopper – das passende Motorengeräusch stellt sich hierbei ebenfalls aus dem Off ein!
Ich bin so schnell unterwegs, dass es, das ist mir völlig klar, sogar zwei Polizisten, an denen ich in dem Gang vorbeijage, nicht mit mir aufnehmen können.
Schließlich rase ich, ins Freie hinausjagend, auf einer breiten Brückenkonstruktion mit Asphaltboden entlang.
„Ich bin Superman!“, denke ich aufgrund meiner unglaublichen Kraft und Geschwindigkeit und werde dabei endgültig völlig bewusstseinsklar.
Senkrecht schieße ich nun, den Blick nach unten auf die Landschaft gerichtet, aufwärts.
Unter mir breitet sich eine parkähnliche Fläche aus, baumgesäumt wie in einer wäldlichen Umgebung gelegen, ein Tal zwischen sanften Hügeln.
Zur Linken überspannt die Brückenkonstruktion dieses Tal. Direkt unter mir sind gelbe Blumen so im Rasen angepflanzt, dass sie eine seltsame ornamentale Struktur bilden, gleich einem Schriftzeichen, das ich aber nicht entziffern kann.
Ich hebe den Blick und lasse ihn, mich in der Luft drehend, um 360° über die in malerischen Grüntönen gehaltene Gegend unter einem tiefblauen Himmel schweifen. Rechts an einem Hang auf der anderen Seite der Talmulde erhebt sich in einem alten Wingert die Front eines aus gelbem Sandstein errichteten Schlösschens, dessen Fassade durch Reihen von Rundbogenfenstern dominiert ist. Die Fensterhöhlen sind leer; das Innere des Schlosses scheint dunkel und unbewohnt zu sein.
Ich beschließe, auf jeden Fall in dieser Umgebung zu bleiben und vielleicht das Innere dieses Wingertschlösschens zu erkunden.
Zuerst steige ich aber noch ein wenig höher in den Himmel auf, wobei ich mit wenigen Schwimmerbewegungen, also gerade einmal ein paar Meter höher, schon in eine schwarzblaue Umluft aufsteige, als hätte ich wundersamerweise bereits den Rand der Atmosphäre erreicht!
Im selben Moment vernehme ich von unten hinten eine deutlich vernehmbare Frauenstimme.
„Du steigst aber ganz schön hoch auf!“, ruft sie mir zu.
Augenblicklich setze ich senkrecht zur Landung an und treffe am Boden angekommen auf ein rothaariges Mädchen mit Sommersprossen; spillerig im Körperbau und mit einer Art Fischermütze auf dem Kopf.
Sie kommt mir irgendwie bekannt vor und ich spreche sie mit J. an, da ich mir sicher bin, dass dies ihr Name sein müsse.
Doch sie antwortet, an mir vorbeiblickend: „Ich weiß nicht, wie ich heiße!“
Ich sei ziemlich sicher, dass sie J. sei, insistiere ich.
In Erwartung, was jetzt wohl kommen mag, verliere ich indes den Anschluss an die Szenerie und werde sehr schnell in meinen physischen Körper reintegriert.
Es ist ca. 6:10 Uhr.

Auf dem Spielbrett

Im trübgrauen Morgenlicht laufe ich, noch in den Schlafanzug gewandet, kurz nach dem Aufstehen einen betonierten Treppenweg hinab. Ich befinde mich in einer in Hanglage errichteten Wohnsiedlung aus zwei- bis dreistöckige Gebäuden, die Eigentumswohnungen beherbergen. In einer dieser Wohnungen sind derzeit meine Eltern untergebracht. Und ich suche sie, indem ich mithilfe eines quasi-telepathisch erweiterten akustischen Wahrnehmungsvermögens in die Wohnungen zur Rechten meines Weges hineinlausche.
Auch nach dem zweiten oder dritten erfolglosen Versuch, auf diese Weise meine Leute aufzuspüren, gelange ich auf einen länglichen, gepflasterten Platz, an dessen westlichem Rand ein Aussichtsgeländer einen Ausblick über die ausgedehnte Stadt am Fuß der Anhöhe gewährt.
Als blickte man von der Haardt in die Rheinebene hinaus, liegt unten Haus an Haus auf einer Fläche, die sich zum Horizont hin in morgendlichen Dunst hüllt. Luzid geworden überwinde ich mich, über das Aussichtsgeländer hinwegzufliegen und in schwindelerregender Höhe über die Hausdächer unter mir hinwegzugleiten. Kurz darauf beschließe ich, mich in die Stadt unter mir hinabsinken zu lassen.
In dem Moment, in dem ich den Abstieg einleite, weiß aber schon, dass mir diesmal erneut etwas widerfahren wird, das ich – beim ersten Mal noch zu meiner großen Überraschung und Enttäuschung – schon einmal erlebt habe: Die lebhafte Stadt verwandelt sich in eine Art gigantisches Spielbrett. Was zuvor dreidimensional erschien, nimmt den Charakter von schematischen Zeichnungen und ebenen geometrischen Formen an, die auf den dunkelgrauen Asphalt gemalt wurden. Auf diesem Spielfeld stehend bzw. knapp darüber schwebend, schwanke ich, was ich in dieser einförmigen und uninteressant gewordenen Umgebung nun unternehmen soll. Halbwegs bereitwillig überlasse mich schließlich der Auflösung der Szenerie und der Reintegration in die Wachwirklichkeit.
Das Ganze ist ein typisches Beispiel jener kurzen Luzidtraumerlebnisse, die sich auch dann noch bei mir einstellen, wenn ich, aufgrund der Verlagerung meiner Interessen, mehrere Wochen lang gar kein gezieltes Bewusstseinstraining mehr durchführe.

Großstadtpanorama mit Ausblick auf den Palatin

Nach einem üppigen Essen bei meinen Eltern (eigentlich wollte man sich nach den Festtagen zurückhalten, hielt sich aber nicht daran) will ich mir die Beine vertreten und laufe hinüber ins Dorf. Aus einer engen Gasse trete ich auf die Gehsteig an einer stark befahrenen Straße ins sonnige Tageslicht hinaus.
Ich wundere mich, wo ich hier gelandet bin, denn ein Blick in die Runde offenbart mir plötzlich ein großstädtisches Szenario. Ich bin in einer Straße durch ein Gewerbegebiet am Stadtrand angekommen; Reklameschilder und Markenembleme von Autofirmen (u.A. Suzuki) ragen vor mir auf.
Kurzentschlossen will ich denselben Weg zurückgehen, den ich gekommen bin, denke mir aber zugleich, dass dies alles nicht sein kann und dass ich in einem Traum sein muss. Sofort prüfe ich das, indem ich mich aufschwinge und nun, wie von einer Anhöhe, unterhalb derer sich die Großstadt erstreckt, auf dieselbe herabblicke. Großstadtpanorama: hohe Häuser, Beton. In der Ferne, jenseits der Stadt, erhebt sich eine dunkle Pinienwaldung, in der sich die große Ruine einer alten Schlossanlage, den römischen Kaiserpalästen auf dem Palatin vergleichbar, erhebt. Eine dünne Dunstglocke liegt wie ein sachter Film darüber und lässt den Anblick unter dem blauen Sommerhimmel leicht unscharf erscheinen. Ich versuche, mich in dieser Szenerie zu bewegen, bemerke aber, dass ich nach rechts wegtreibe und die Wahrnehmung sich destabilisiert. Noch suche ich mich durch Schwimmbewegungen in die Traumumgebung hineinzuretten, doch scheitere ich. Schließlich verliere ich kurzfristig das Bewusstsein und finde mich sodann, neben meinem Nachbarn H. mal auf dem Rücken, mal bäuchlings herfliegend, auf flachem, von einzelnen Grasbüscheln durchsetztem Gelände wieder. Er geht neben mir her und fragt mich über Klartraumtechniken aus, weil er es, trotz einiger Bemühungen, mit seinen bisherigen, vor allem auf Suggestionen beruhenden Versuchen, noch zu keinem Ergebnis gebracht hat. Nach und nach gleitet dieses Erlebnis in ein ganz gewöhnliches Träumen über, das in irgendeinem Hotel auf dem Land spielt.