Auf dem Spielbrett

Im trübgrauen Morgenlicht laufe ich, noch in den Schlafanzug gewandet, kurz nach dem Aufstehen einen betonierten Treppenweg hinab. Ich befinde mich in einer in Hanglage errichteten Wohnsiedlung aus zwei- bis dreistöckige Gebäuden, die Eigentumswohnungen beherbergen. In einer dieser Wohnungen sind derzeit meine Eltern untergebracht. Und ich suche sie, indem ich mithilfe eines quasi-telepathisch erweiterten akustischen Wahrnehmungsvermögens in die Wohnungen zur Rechten meines Weges hineinlausche.
Auch nach dem zweiten oder dritten erfolglosen Versuch, auf diese Weise meine Leute aufzuspüren, gelange ich auf einen länglichen, gepflasterten Platz, an dessen westlichem Rand ein Aussichtsgeländer einen Ausblick über die ausgedehnte Stadt am Fuß der Anhöhe gewährt.
Als blickte man von der Haardt in die Rheinebene hinaus, liegt unten Haus an Haus auf einer Fläche, die sich zum Horizont hin in morgendlichen Dunst hüllt. Luzid geworden überwinde ich mich, über das Aussichtsgeländer hinwegzufliegen und in schwindelerregender Höhe über die Hausdächer unter mir hinwegzugleiten. Kurz darauf beschließe ich, mich in die Stadt unter mir hinabsinken zu lassen.
In dem Moment, in dem ich den Abstieg einleite, weiß aber schon, dass mir diesmal erneut etwas widerfahren wird, das ich – beim ersten Mal noch zu meiner großen Überraschung und Enttäuschung – schon einmal erlebt habe: Die lebhafte Stadt verwandelt sich in eine Art gigantisches Spielbrett. Was zuvor dreidimensional erschien, nimmt den Charakter von schematischen Zeichnungen und ebenen geometrischen Formen an, die auf den dunkelgrauen Asphalt gemalt wurden. Auf diesem Spielfeld stehend bzw. knapp darüber schwebend, schwanke ich, was ich in dieser einförmigen und uninteressant gewordenen Umgebung nun unternehmen soll. Halbwegs bereitwillig überlasse mich schließlich der Auflösung der Szenerie und der Reintegration in die Wachwirklichkeit.
Das Ganze ist ein typisches Beispiel jener kurzen Luzidtraumerlebnisse, die sich auch dann noch bei mir einstellen, wenn ich, aufgrund der Verlagerung meiner Interessen, mehrere Wochen lang gar kein gezieltes Bewusstseinstraining mehr durchführe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s