Meditationsübungen

Ein paar Tage Urlaub in der Zreče Therme in Slowenien waren sehr erholsam und haben mir darüber hinaus Zeit zum Meditieren gegeben. Ergebnis waren u.a. zwei intensive Klartraumaktivitäten Dienstag- und Mittwochmorgen.
Zu Beginn des ersten Klartraums kämpfe ich auf einer Wiese mit L., einem meiner Schüler, und weiß aufgrund der eigentümlichen Umstände umgehend, dass es sich bei dem Erlebnis um ein geträumtes handeln muss. L. klammert sich in Ringerhaltung an mich, doch traumbewusst ich ignoriere einfach die Situation. Augenblicklich lasse ich mich in den Schneidersitz fallen und setze meine Meditationsübungen fort. Ich löse die Traumillusion einfach auf; L. und sein Klammergriff schwinden und ich sitze auch nicht mehr auf einer Wiese, sondern auf dem Boden meines heimischen Schlafzimmers. Ich denke an meine Lektüre von Boethius´ „Trost der Philosophie“ und versenke mich meditativ in den Gedanken, die „Glückseligkeit“ zu erreichen. Dabei verspüre ich einen Kraftzustrom, während sich Dunkelheit über meine Augen legt und mattes, kriseliges, sonnengelbes Licht in meinem Gesichtsfeld erscheint. Kurz darauf gewinne ich den optischen Eindruck des Zimmers wieder und ein Realitätstest zeigt mir, dass der Traumzustand nach wie vor stabil ist. Mit jedem neuen Anlauf, meine Meditation zu vertiefen, wiederholt sich dieser Vorgang, bis ich letztlich in durchdringender Schwärze verbleibe, aber das Gefühl habe, im Schneidersitz im Fußbereich meiner Matratze zu sitzen. Dort imaginiere ich schließlich, rasant zu fliegen. Sogleich hebe ich im Schneidersitz ab, jage zunächst geradeaus und in einem Bogen durch den Raum. Dann beschließe ich, in den Weltraum abzuheben, wobei sich das Gefühl einer unheimlich rasanten Flugbewegung nach seitwärts und oben einstellt und ich den Eindruck gewinne, die Erde weit unter mir zurückgelassen und Lichtjahre in den interstellaren Raum eingedrungen zu sein. Als ich indes die Augen öffne, stelle ich fest, dass ich lediglich die obere Hälfte des Zimmers erreicht habe und von dort aus nach unten in den Raum blicke.
Verwundert bringe ich mich zu Boden, gehe hinaus auf den Flur und hinüber in den Raum, der in der physischen Realität mein Arbeitszimmer wäre, und führe dabei eine Zustandskontrolle durch. Anstelle meines Arbeitszimmers finde ich ein quadratisches Zimmer mit einer mir fremden Möblierung vor. Meine Bewegungs- und Sehfähigkeit erscheint mir leicht behindert, doch gelingt es mir, diese durch konzentrative Ausrichtung der Aufmerksamkeit zu verbessern. Ich beschließe, das Interieur genau zu erkunden. Ich beginne an der rechten Wand des Raumes, wo sich zwei niedrige Sideboards aus dunklem Holzimitat befinden. Ich öffne die Schranktüren des rechten Boards und ziehe alles heraus, was ich im Inneren vorfinde: ältere Bücher sowie Brotstullen in Butterbrotpapier, einige dick mit Honig verschmiert (!?). Im zweiten Board stoße ich auf den zweiten und den fünften Band einer Reihe von StarWars-Büchern. Im linken Fach dieses Sideboards finde ich eine Ansammlung alter Schulbücher. Das kommt mir nicht ganz so interessant vor. So wende ich mich der Fensterseite des Raums zu, wo durch die Ritzen eines heruntergelassenen Rollladens helles Tageslicht hereinfällt. Auf der Fensterbank stehen Kunststoffgefäße, in deren einem ich einen faustgroßen Strassstein entdecke. Ich nehme ihn hervor und betrachte ihn eingehend, habe dabei aber das Gefühl, dass dieses Ding nur billiger, unechter Tand ist. In den übrigen Gefäßen liegen silberne Schmuckteile, teils mit kleineren Bergkristallimitaten versehen. Von diesen Funden wenig beeindruckt, wende ich meine Aufmerksamkeit dem hohen Bücherregal an der linken Raumseite zu. Dort gibt es jede Menge älterer Romane im Hardcover, aber auch ein dünnes, in schwarzes Leder gebundenes Buch mit dem Titel „Der Tod“, geprägt in abgegriffenen Goldlettern. Ich ziehe das Bändchen heraus; von der Aufmachung her erinnert es ein bisschen an ein altes Kirchengesangbuch. Sein Untertitel ist in alterümlicher englischer Sprache und Schrift gehalten: „The Ideal of the Diference“ (oder so ähnlich). Ich blättere in den wenigen Seiten des Büchleins herum und finde Goldprägungen auf den Seiten, darunter Wappen wie das des doppelköpfigen Adlers der Habsburger, sowie kurze Sprüche, im Grunde nur Redewendungen, dann ein kleines unleserliches Gedicht, in dem es um Katzen geht. Das Buch und sein belangloser Inhalt verwirren mich; zugleich wundere ich mich über die seltsame Intensität dieser Klartraumwahrnehmungen. Die Textchen machen wenig Sinn. Bei dem Versuch, aus dem Büchlein schlau zu werden, verliere ich kurz den Anschluss, kann mich aber noch für einen Augenblick abfangen und in der Szenerie verbleiben. Dennoch gelingt es mir nicht, wesentlich mehr zu entziffern, ehe ich erwache. Uhrzeit 6:10 Uhr.

Kaum weniger seltsam beginnt eine kürzere Klartraumsequenz früh am Mittwochmorgen. In einer Rutsche oder Rinne liege ich rücklings unter freiem Himmel. Als ich meinen Kopf anhebe, blicke ich auf meine nackten Füße. Deren Zehen und Zehnägel erscheinen unnatürlich groß. Darüber hinaus sind meine Zehnägel glänzend pechschwarz lackiert, ebenso, die Unterschenkel aufwärts, meine Beine! In dieser Sekunde bin ich bereits vollständig luzid und entdecke schließlich, dass es sich, mit Ausnahme der Zehnägel, nicht um eine Lackierung handelt: Ich trage einen schwarz glänzenden Latexanzug wie ihn Gummi-Fetischisten heiß und innig lieben!
Traumbewusst beschließe ich, an meiner Körperlage nichts zu verändern, sondern in diesem Klartraumzustand sofort meine Meditationsübungen weiterzuführen. Ich löse die Traumillusion auf und prüfe die Situation mit einem positiven Realitätstest. Der erste Schritt hat folglich geklappt. Der zweite Schritt zur meditativen Vertiefung allerdings führt recht schnell zum Erwachen. Und eine schnell eingeschobene zweite Zustandskontrolle signalisiert leider sehr eindeutig, dass es sich nicht um ein falsches Erwachen handelt. Aus irgendeinem Grund wollte die meditative Vertiefung diesmal nicht erfolgreich verlaufen.