Der innerste Kern

Nach Einbruch der Dunkelheit bin ich im Osten Neustadts auf einem Feldweg unterwegs; es ist bereits stockdunkel, nur weißes Straßenlaternenlicht in der Ferne erhellt das Umfeld ein wenig. Auf dem Feld zu meiner Linken wurde ein gewaltiger Nachbau des Eiffelturms aus Holzbalken errichtet! Diese faszinierende Unmöglichkeit lässt mich umgehend luzid werden und ich beschließe, den riesigen Holzbau hinaufzufliegen. Obwohl er schwindelerregend hoch ist und ich, wohlwissend, dass mir im Traum eigentlich gar nichts zustoßen kann, etwas Höhenangst entwickle, fliege und hangle ich mich bis zu der zweigeteilten Spitze der Holzkonstruktion hinauf, die zwei schmale, nebeneinanderliegende Absätze formiert, auf denen genau meine Füße Platz haben. In gerader Haltung stelle ich mich breitbeinig dort oben hin und schaue, meine Ängste überwindend, aus ca. 120 Meter Höhe in die Tiefe und über das Panorama an Wiesen und Feldwegen hinweg. Es ist etwas heller geworden und ermöglicht ein Sehen in Graustufen wie am frühen Morgen. In einem letzten Schritt stoße ich mich mit beiden Beinen in die dämmrige Luft ab, fliege einige Züge und beschließe nun, zum „innersten Kern“ meines Selbst vorzudringen. Sofort wechselt die Umgebung und ich finde mich im Zimmer einer kleinen Wohnung wieder, deren Einrichtung fast ein bisschen wie die eines alten Puppenhauses wirkt (kleine Möbel, weiße Spitzendeckchen). Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, das J. sehr ähnelt, sind anwesend. Sie sind blond, blauäugig und freundlichen Wesens; mit ihren weißen Gewändern nehmen sie sich beinahe wie Engelchen aus.
„Helft ihr mir, meinen innersten Kern zu finden?“, frage ich die beiden und das Mädchen lächelt mich zustimmend an.
Wie nehmen die Tür in den nächsten Raum, der aber leer ist. Häufig findet man das, was man sucht, nachdem man eine Sichtbarriere überwunden hat, im nächsten Raum. Doch diesmal scheint nichts und niemand anwesend zu sein.
Ich schaue leicht enttäuscht eines der Möbelstücke an. Und eines der Kinder gibt mir zu verstehen, dass der innerste Kern nicht immer leicht zu finden sei.
Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel eine schnelle Bewegung; irgendjemand oder etwas ist rasant in das vorhergehende Zimmer zurückgewechselt!
So begebe ich mich ebenfalls dorthin zurück und finde, versteckt zwischen den weißen Laken und Decken eines Bettes, ein weiteres blondes und blauäugiges Kind. Beinahe wie ein Säugling liegt es unbewegt auf dem Rücken und besitzt ein für ein Kind ungewöhnlich breites und kantiges Gesicht. Ohne weitere Reaktionen meinerseits abzuwarten, konfrontiert mich das Kind mit mir selbst! Urplötzlich stehen mir, wie auf die Bettdecke gelegt, meine eigenen handschriftlichen Notizen vor Augen, aus denen mir bewiesen wird, dass es das Ziel meines Daseins ist, mich in Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit zu üben; wenig angetan von dieser eher drögen Wahrheit, driftet meine Aufmerksamkeit schnell weg. Eilig versuche ich mich abzufangen, indem ich, in der Reihe meiner Experimente zum Thema „Kontaktversuche“, auf einen anderweitigen Anknüpfungsversuch umschalte. Den Dreh bekomme ich jedoch nicht hin; ich verliere die Bewusstheit und den Anschluss an den Traum.

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