Der Gasthof

Während eines längeren Flugtraum, der u.a. an der Einmündung Stettiner- und Breslauer Str. in Neustadt spielt, werde ich, nachdem ich die Straße in südlicher Richtung entlanggeflogen war, vollluzid und fliege in nordwestlicher Richtung auf eine weite unbebaute Ebene hinaus. Die Sonne ist gerade untergegangen und der atmosphärische Glanz einer Abenddämmerung im hochsommerlichen August liegt über der Landschaft. Goldgelbe Stoppelfelder, von schmalen Grasstreifen getrennt, liegen tief unter mir im abendlichen Halbschatten. Im Brustschwimmstil treibe ich mich einigermaßen schnell voran, einem großen Gebäude zu, das bereits im Schatten liegend auf dem Ausläufer einer Anhöhe in der Ferne zu sehen ist. Ich überlege, ob ich das Gebäude noch erreichen kann oder ob ich landen soll, um die Landschaft unter mir zu erkunden. Was allerdings sollte es mitten auf dem Acker zu entdecken geben? So beschließe ich, mich weiter bis zu dem Gebäude, einer Art Schloss oder Burg, vorzuarbeiten.
Tatsächlich erreiche ich das Gebäude unerwartet zügig. Es stellt sich als Gasthof heraus, aus dessen hohen kassettenverglasten Fenstern einladend helles und warmes Licht nach draußen fällt. Durch eine Holztür mit Glaseinsatz, dem Stil nach genau den Fenstern entsprechend, betrete ich den Vorraum des Gasthauses, wo mir sofort ein Herr mit schwarzem Überwurf entgegen tritt. Mit seinem Hut, seiner Barttracht und der altertümlichen Kleidung sieht er wie eine Amtsperson des 17. Jahrhunderts aus, obgleich ich hier definitiv nicht in eine andere Zeit versetzt bin, da das Innere des Gasthauses offenkundig mit elektrischem Licht erhellt ist.
Höchst entgegenkommend und freundlich geht mir der Herr entgegen und offeriert mir umgehend eine Willkommensspeise. Ich wundere mich, ein Entree angeboten zu bekommen, ehe die Angebote und Preise in diesem Restaurant überhaupt geklärt sind. Wie sich herausstellt spricht er nur französisch und so radebreche ich mit Handzeichen und meinen wenigen erhaltenen Brocken Schulffranzösisch, um die Bezahlung zu klären.
Der Herr winkt nur lächelnd ab, auf eine Bezahlung scheint es in diesem Gasthof mitnichten anzukommen! Stattdessen öffnet sich die Tür zum Hauptraum und eine Platte mit Zitronensorbet wird herausgereicht. Ich habe mir gerade das schönste Sorbet herausgesucht, als ich erwache. Es ist 5:54 Uhr.

„Klarnacht“

Diese Nacht durfte ich ein seltenes und erstaunliches Phänomen erleben: die sogenannte „Klarnacht“, in welcher der luzide Traumzustand über mehrere Stunden hinweg nahezu mühelos stabil gehalten werden kann!
Zunächst begann diese Erfahrung bald nach dem abendlichen Einschlafen mit einem ganz normalen Klartraum mit diversen Flugübungen. So will ich im Inneren eines hohen und luftigen Gebäudes einen tiefen Treppenschacht überfliegen, habe aber mit einer irrationalen Höhenangst zu kämpfen, die ich, völlig luzid, als unsinnig erkenne. Um es mir selbst zu beweisen, dass Höhe im Traumzustand eigentlich kein Problem darstellt, fliege ich durch das Fenster nach draußen.
Im Weiteren fliege ich im Inneren eines weit verzweigten Anwesens mit breiten, offenen Fensterfronten und auf dem davorliegenden gigantischen und parkähnlichen Wiesengelände mit gewaltig hoch aufragenden grünen Hecken umher.
Allein schon dieser erste Teil des Traums ist zeitlich bereits unheimlich lang ausgedehnt.
Zurück im Gebäude bin ich, in der Rückenlage auf dem Boden liegend, damit befasst, mir eine lange Jeans (sie stört mich irgendwie und ich will sie los haben) vom Körper zu strampeln. Nebenbei denke ich daran, meinen Schutzhelfer Mayfield aufzurufen. Merkwürdigerweise erscheint er auf meine Rufe hin nicht.
„Na ja, gut“, denke ich mir, „es mag ja fast so aussehen, als wollte ich ihn darum bitten, mir dabei zu helfen, eine Hose auszuziehen! Das wird er mich schon alleine machen lassen!“
Als ich fertig bin, verlasse ich den Raum durch die vordere Tür und gelange in eine von warmem und gemütlichem Licht erfüllte Küche. Dort an der Anrichte sitzt eine dunkelhaarige Fee, in Größe und Statur einem Grundschulkind entsprechend. Sie hat ein rundes Puppengesicht und dunkelbraune Augen.
Ich frage mich, ob ihr Erscheinen etwas mit meinem Ruf nach dem Schutzhelfer zutun haben könnte. Die Frage bleibt allerdings unbeantwortet, denn die Fee bestürmt mich sogleich telepathisch mit mir nur teilweise verständlichen Aussagen. Es scheint, als sei ich ihr ein Mitwisser eines bedeutsamen und schicksalsmächtigen Geheimnisses. Entsprechend konspirativ und dunkel sind ihre Aussagen und, das Spiel mitspielend, versäume ich es leider, um eine genauere Erklärung zu bitten.
In der Folge verwickle ich mich in eine Art „Agentengeschichte“, wobei ich mit anderen traumbewussten Personen zusammenkomme und mit diesen umherziehe. Was genau wir eigentlich zu tun haben, bleibt mir schleierhaft, doch erfahre ich in kürzeren Einblendungen (sie erinnern mich ein bisschen an einige Szenen aus „Thor“, dessen Anfang ich mir gestern Abend angesehen hatte), dass es irgendwie darum zu gehen scheint, die Welt gegen feindliche Mächte zu verteidigen. Ohnehin handelt es sich bei dieser „Agentenstory“ nur um eine, dem gewöhnlichen Träumen sehr ähnliche Nebenhandlung, die ich gar nicht als sonderlich bedeutsam erlebe. Zu gezielten Konfrontationen und Unternehmungen kommt es jedenfalls nicht.
Stattdessen sitze ich mit meinen Mitträumern u.a. vor einem Hauseingang. Einer meiner Begleiter betrachtet die Oberfläche einer Glasscheibe mit Drahtgeflecht und meint, er könne diese nicht klar wahrnehmen, woran er erkennen könne, dass all dies nicht real, sondern ein Traumerlebnis sei. Als ich die Glasfläche und die Lichtreflexe darauf betrachte, erscheint mir alles völlig klar und realistisch, sodass ich die Ausführungen meines Begleiters nicht nachvollziehen kann.
Über die immer unglaublicher erscheinende Länge und Stabilität dieses luziden Traumes immer stärker verwundert, führe ich immer mal wieder eine Zustandskontrolle in Gestalt eines RCs durch, mit dem immer gleichen Ergebnis, dass dieser Klartraum sich unverändert immer weiter ausdehnt!
Maßlos erstaunt, versuche ich mich irgendwann auch einmal mit Hilfe einer Wanduhr über die verstrichene Zeit zu orientieren. Diese zeigt zwölf Uhr mittags, woraus ich die Schätzung ableite, dass es in „realer“ Zeit jetzt ca. zwölf Uhr nachts sein müsste, was bedeutet, dass dieser Klartraumzustand nun schon mehr denn eine Stunde stabil ist! In dieser Form hatte ich das noch nicht erlebt!
Als ich nach einem, nach meinem Gefühl, über Stunden ausgedehnten Luzidtraum erwache, zeigt der Wecker 1:55 Uhr an.
Merkwürdigerweise habe ich beim Erwachen ein sehr unangenehmes Körperempfinden. Es handelt sich um ein sehr fremdartiges und unangenehmes Verspannungsgefühl im oberen Rücken und im Nacken, das sich als Spannungs- und Druckgefühl über den Kopf bis in die Stirn fortsetzt. Kurzum, ich fühle mich wie gerädert und frage mich, ob dieser unangenehme Zustand eine unmittelbare Folgewirkung des stundenlang ausgedehnten Klartraumzustandes sei. Dies würde bedeuten, dass ein langer Luzidtraum anstrengend und schlauchend ist und einem „normalen“ Traumschlaf hinsichtlich der Erholsamkeit nicht entspricht. Andererseits könnte das alles auch nur ein zufälliger Zusammenfall zweier Phänomene sein, die so gar nichts miteinander zu tun haben. Das werde ich spätestens erfahren, wenn mir erneut eine „Klarnacht“ gelingen sollte.