Eine Bauchrednerpuppe

Seit Sommer habe ich mich darauf verlegt, tagsüber zu meditieren und die etwas mühsameren bewusstseinsverändernden Übungen in der Nacht bzw. am frühen Morgen sein zu lassen. Infolgedessen sind die Klarträume seltener bzw. so kurz geworden, dass sie wenig berichtenswert sind.
Erst heute Morgen gab es spontan ein etwas ausgedehnteres Erlebnis.
In einem leeren Haus, meinem eigenen verwandt, aber traumtypisch abgewandelt und verfremdet, werde ich luzid und gehe die Treppe nach unten.
Neugierig öffne ich die Tür zu einem Kellerraum, der aber stockdunkel und uninteressant ist. Ich wende mich ab und schaue mich im Untergeschoss um. Es ist leer. Die Lichtverhältnisse erwecken den Anschein, als würde draußen ein bedeckter Tag herrschen. Meine Sehfähigkeit ist sehr schwankend; immer wieder entgleite ich in die Dunkelheit, sodass ich mir mit traumstabilisierenden Techniken aushelfen muss. Schließlich entscheide ich mich, einfach durch die Zwischendecken des Hauses nach oben aufzusteigen.
Mühelos durchfliege ich Zimmerdecken und Fußböden und gelange ins Dachgeschoss, wo die Stabilisierungsübungen schließlich zu greifen beginnen und sich ein stabiler optischer Eindruck manifestiert. Kurz drücke ich mein Gesicht in einen schrägen Dachbalken; mein Gesichtsfeld verdunkelt sich. Als ich es wieder herausziehe, habe ich einen unveränderten Blick in das Dachzimmer. Die Stabilisierung hat also funktioniert.
In der Dachkammer stehen etwas wahllos Möbel herum. Es macht den Eindruck, als hätte ein Kind sein Puppenhaus eingerichtet.
Besonders seltsam erscheint mir eine Art Kreuzung aus Puppe und Kleinkind. Das Wesen steht mitten im Raum auf einem Stuhl und stützt sich mit beiden Händen auf die Rückenlehne. Ich greife es unter den Achseln und hebe es an. Es hat ein dickes, rundes Gesicht mit kleinen hellblauen Augen; Nase und Mund fehlen. Trotzdem spricht das Wesen zu mir – und zwar aus seinem Bauchnabel, der sich dabei wie ein Mund öffnet und schließt!
Was es mir sagen will, begreife ich nicht. Es scheint sich nur um wirres Zeug zu handeln, das ich nicht nachvollziehen kann.
Verwirrt blicke ich mich um; mein Blick fällt auf einen niedrigen Schrank mit in Leder gebundenen Büchern mit Goldschnitt. Kurz muss ich an die Annahme der Esoteriker denken, dass diese eigentümliche Welt die Existenzweise sei, in der wir uns nach dem Tod wiederfinden! Ein Gefühl der Fremdheit und Sinnleere überkommt mich angesichts dieses Gedankens, denn nichts besitzt hier Beständigkeit, Verbindlichkeit und Bedeutung. Hier gibt es nur, was man sich selbst erschafft, wofür man sich mit voller Bewusstheit entscheidet!
Vielleicht, so überlege ich, kann mir mein Paredros Mayfield bei der Frage helfen, wie ich mit der Seinsweise in der Anderwelt umgehen soll? Ich rufe ihn, spüre aber irgendwie, dass diese Kontaktaufnahme heute nicht mehr klappen wird. Denn unmittelbar auf meinen Ruf falle ich in die dunkle Void und erlebe einen sehr langsamen Übergang in mein Schlafzimmer.
Es ist 8:17 Uhr.