Gott – Reflexionen von der einen Realität

Inhalt

1. „Gott“
2. Eine liebende Schöpfermacht?
3. Gott im Selbstwiderspruch
4. Bewusstsein
5. Das Sosein des Menschen
6. Gott und Holocaust
7. Jesus Christus
8. Das Gebet
9. Vom Scheitern der Existenz
10. Das Oberlicht der Wirklichkeit

1. „Gott“
Die kausale Erklärung der Welt hat der Menschheit in den letzten Jahrhunderten immer tiefere Einblicke in die Anfänge des Kosmos und in die Evolution der Organismen bis hin zum Aufkommen des Homo sapiens gewährt. In den vergangenen Jahrzehnten ist dieses Wissen förmlich explodiert.
Die Physik hat sich Sekundenbruchteile an die Beginn des physikalischen Universums vor 13,7 Milliarden Jahren herangetastet.
Geologie, Biologie und Genetik vermögen die Anfänge des Lebens und dessen Entwicklungsweg mit immer größerer Präzision zu skizzieren.
Dennoch bleibt ein tief empfundener Makel zurück, denn eine kausale Welterklärung ist eben noch keine Deutung der Welt. Und es lässt sich ermessen, dass das Vorhandensein naturwissenschaftlich erfassbarer und beschreibbarer Gesetzmäßigkeiten nicht zwangsläufig dazu führt, dass die Entwicklungen dergestalt ablaufen, dass, präzise aufeinander aufbauend, ein immer komplexeres Seiendes entsteht und im Universum Leben und letztlich sogar bewusstes Leben aufkommt. Aus Gesetzen lässt sich nicht ableiten, dass dies geschieht und die physikalischen Ereignisse ab einem gewissen kritischen Punkt in der Zeit nicht in losen Enden ausfransen und in Nichts versanden. Das Zünglein an der Waage entscheidet hier über Etwas oder totales Nichts! Und genau an diesem neuralgischen Punkt, dem point of no return, wird eine Tendenz zur Entfaltung und Entwicklung im Universum und damit eine Lebensquelle im All augenscheinlich, die nicht identisch mit dem Universum und seinen Gesetzmäßigkeiten ist.
Diese numinose Anlage hin zur Existenz, die unvorstellbare Tatsache, dass überhaupt die grundsätzliche Möglichkeit besteht, existieren zu können, scheint im Weiteren als die alles bestimmende und umfassende Tendenz zur Entfaltung des Gegebenen im Universum auf, die nicht aus der Sache oder dem Ding selbst heraus gegeben und erklärbar ist. Diese wundersame normative Anlage oder unbegreifliche existenzielle Möglichkeit benennt sich nach alter Tradition mit dem Begriff „Gott“. Für den Menschen verbindet sich mit der Möglichkeit zum Dasein und zur Seinsentfaltung die Hoffnung, dass auch seine eigene Existenz gegen allen Anschein eben nicht dazu bestimmt ist, letztlich zu verebben und zu versanden, sondern dass sein Dasein im Zuge der kosmischen Umwandlungen und Selbstausdifferenzierungen des Seienden gedeihen und zu neuen, jetzt noch gänzlich unbekannten und unabsehbaren Horizonten hinwachsen darf. Es gibt eine Beziehung zwischen dem menschlichen Wesen und dem unverfügbaren, unfassbaren und geheimnisvollen Wesenskern des Universums, die ihm in Ergriffenheit und mystischem Staunen konkret spürbar werden kann. Diese Ergriffenheit mag uns lehren, dass wir als bewusste Wesen wohl das Produkt einer biologischen Evolution sind, aber dennoch nicht darauf beschränkt bleiben, von den evolutiven Entfaltungskräften hervorgebrachte, letztlich aber sinnlose und verlorene Kuriositäten zu sein, wie dies nihilistische Weltanschauungen insinuieren.

2. Eine liebende Schöpfermacht?
Wir leben in einem Universum, in dem Schöpfung und Vernichtung in intimer Nähe beinanderliegen und das Programm der Konkurrenz ganz im Wortsinn der Redewendung „Fressen und gefressen werden“ die Evolution der Lebewesen bestimmt. Oft sind „gut“ und „böse“ innerhalb der Realität unseres Universums völlig untrennbar; ihre Unterscheidung erscheint als ein Ding der Unmöglichkeit: Die Sonne als Beispiel ist zugleich Lebensspender und sengender Atomofen im All, der tödliche Strahlungseruptionen spukt; das ist jedem schmerzlich bewusst, der schon einmal einen Sonnenbrand hatte oder an Hautkrebs erkrankt ist; die Verschollenen auf dem Ozean oder in der Wüste tötet die Sonnenstrahlung umbarmherzig, doch die Pflanzen nutzen ihre Kraft zur Photosynthese des lebensnotwendigen Zuckers; wären indes die Apollo-Astronauten auf ihrem Mondflug in einen Sonnensturm geraten, es wäre unweigerlich ihr Tod gewesen! In der Welt der biologischen Wesen ist ein ganz eigener Kosmos raffiniert konstruierter Todesfallen entstanden. Es existieren Parasiten, die das Verhaltensprogramm ihres Wirtes dergestalt verändern, dass diese ihren Fressfeind zur Mahlzeit einladen! Und dies eben weil der Parasit sich in dessen Darmtrakt zu vermehren pflegt. Der gesamte Instinkt und der Körperbau der Raubtiere ist auf das Töten hin konstruiert, wenn man auch einwenden mag, dass das Töten hier nur auf die Deckung des eigenen Lebensbedarfs und dem der Nachkommenschaft angelegt sei. Dennoch erscheint der Gedanke wahrlich kurios, dass ein Gott der Liebe „Konstrukteur“ derartiger Daseinsverhältnisse sein soll.
Zum einen ist die Wirklichkeit unauflöslich von widersprüchlichen Dynamiken und dem unbändigen Wechselspiel der Entfaltungskräfte geprägt, die auch zu Entgleisungen und großem Unheil führen können. Unzweifelhaft ist die Plattentektonik der Erde lebensnotwendig und es gibt Forscher, die davon ausgehen, dass sich ohne sie kein Leben auf dem Planeten entwickelt hätte; dasselbe Phänomen aber vermag katastrophale Erdbeben und tödliche Tsunamis zu verursachen. Das menschliche Immunsystem wiederum bekämpft Krankheitserreger, doch kann es sich im Falle einer Autoimmunerkrankung auch gegen den eigenen Körper richten.
Zum anderen ist der Mensch in der Schöpfung als sich frei entwickelndes Wesen gewollt. So ist er aber auch nicht vor schicksalhaften Abwegen und verhängnisvollen Fehlentscheidungen gefeit, die seine gewollte Freiheit total zerstören können, was ihn wiederum zweifeln lässt, ob überhaupt ein „Gott“ sei, der das Gute will.
Ohnehin weist das Beobachtbare darauf hin, dass das Programm der Entfaltung zunächst absolut umfassend und wertungslos abläuft. Das Wesen der Schöpfung ist, dass alles, was möglich ist, auch geschieht, im Guten wie im Bösen, im Aufbau wie in der Zerstörung. Es ereignen sich das Verhängnis, aber auch die Erlösung, die die geschlagenen Wunden heilt; dem Schrecken steht die Hoffnungsdimen-sion und deren Erfüllung gegenüber, die ihrerseits – das eine wie das andere – im Wortsinn zur Fülle untrennbar dazuge-hören, denn nur so kann sich das Sein allumfassend verwirklichen. Und das ist das Ziel des Universums. Die Entwicklungen in der Welt richten sich dabei ganz offenkundig nicht nach den Bedürfnissen und Nöten des Menschen, doch kann in der zutiefst menschlichen Hoffnung, dass letztendlich doch alle Tränen getrocknet und mit und gegen alle Widerfahrnisse das letzte Ziel erreicht wird, bereits anfanghaft das Korrektiv aller sich ergebenden Widernisse und Unbille in einer umgreifenden und ganz anderen Wirklichkeit erfahren werden. An dieser Wirklichkeit ist schon jetzt und jederzeit Teilhabe möglich. Für jeden Menschen gilt es, sich zu entscheiden, diese Hoffnung zuzulassen oder nicht. Es geht darum, sich in einem vertrauenden Glauben auf diese Hoffnungsrealität einzulassen und daraus Kraft zum Handeln zu schöpfen. Dies kann Kraft zum Durchhalten, aber auch Kraft zum aktiven Widerstand gegen die Verhältnisse sein. So wird sichtbar, dass das Vertrauen zwar auf die Zukunft ausgerichtet ist, jetzt aber schon wirksam ist. Es bildet sich ein „Schon-und-noch-nicht“-Zusammenhang.

3. Gott im Selbstwiderspruch
Wo geballte Entfaltungskräfte in alle Richtungen wirken, wächst nicht nur Hehres und Edles, sondern auch das Gegenteil dessen, Störungen und Unheil können sich entfalten, ja es kann sich in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte, einer Entfaltungsgeschichte von Bewusstsein im Universum, Ideologie zu mörderischem Wahnsinn auswuchert. Die mörderischen Ideologien des 20. Jahrhunderts sind die erschreckensten Beispiele! In ihrer Einseitigkeit und tödlichen Konsequenz treiben sie fatale Blüten, lassen den Wind des Todes über die Gräberfelder von Millionen Toten wehen. Längst wissen wir, dass wir dieser Möglichkeit jederzeit und keinesfalls naiv gegenüberstehen dürfen. Was geschieht, ist nicht kontrollierbar und es kann auf dem Weg einer jedweden Entwicklung letztlich höchst destruktiv Wirkendes zeitweise die Oberhand gewinnen. Die Bewusstseinsentwicklung in der vorfindlichen Welt ist kein kontinuierlicher Pfad in die Höhe, wie ihn die idealistische Philosophie zu erkennen glaubte respektive sich erträumte. Hier befindet sich Gott, so er die Triebfeder aller Entwicklungen des Alls ist, in einem Selbstwiderspruch, da in der Entfaltung zur Fülle und Vielfalt des Daseins auch destruktive Entwicklungen zur Herrschaft über das Seiende gelangen können. Denn es existiert und ereignet sich nichts, was nicht Teil der Selbstentfaltung der einen Wirklichkeit wäre: kein Fressen und Gefressenwerden, nicht Leben noch Tod, weder innige Liebe und abgrundtiefer Hass, nicht Heldentat noch Bluttat. Letztlich aber überwinden die Kräfte des Seins die des Nichtseins und entfalten sich wider jede Annulierung und Begrenzung, Verengung und Vereinseitigung, die den Weg zum Mehr und zur Fülle des Seienden verlegen. Die Destruktion kann daher niemals das sprichwörtliche letzte Wort haben. Denn das Destruktive mag sich entwickeln, steht seinerseits jedoch mit sich selbst im Widerspruch. Das in die Breite gewucherte Übel kann nicht bleiben, weil es dem Wesen des Seins dieses Universums, der Entfaltung des Seienden zur Fülle und Vielfalt, zuwider läuft. Es steht sich selbst im Wege. Von daher ist es überwindbar und wird überwunden.

4. Bewusstsein
Wieso ist das Universum so, wie es ist, wenn uns die Wirklichkeit eine vetrauenswürdige Grundlage unserer Existenz sein soll? Warum richtet sich ihre Entwicklung dann keineswegs an irgendwelchen moralischen oder ethischen Gesetzmäßigkeiten aus? Vielleicht lässt sich diese Frage dann sinnvoll beantworten, wenn wir zunächst nach der grundsätzlichen Möglichkeit einer moralischen oder ethischen Urteilsbildung zurückfragen. Nach gegenwärtigem Wissen müssen wir jedenfalls davon ausgehen, dass noch keine Instanz absehbar war, die eine Beurteilung nach „gut“ oder „böse“ hätte liefern können, als sich die Grundausrichtung der kosmischen wie der biologischen Evolution herauskristallisierte und strukturierte. Erst in dem Maße, wie sich Bewusstsein im Kosmos entwickelt, findet sich in der Realität dieses Universums überhaupt die Möglichkeit zu Wertungen im Sinne moralischer und ethischer Kategorien. Dies wurde erst denkbar, sobald die Schöpfung im Entstehen von Bewusstsein vor wenigen Jahrmillionen bewusst zu sich selbst gelangt ist. Erst wenn sich als Teil der Selbstausdifferenzierung von Wirklichkeit der Zustand ergibt, dass unter einem Sachverhalt oder einer Entwicklung bewusst gelitten werden kann, verwirklicht sich die Fähigkeit in der die leidende Kreatur umgreifenden Realität, zu leiden und mitzuleiden und von daher zu ethischen Urteilen zu finden. Wie ein Schöpfer ohne eine Schöpfung kein Schöpfer sein kann, ist das Entstehende mit der es umfassenden Wirklichkeit verkettet und gewinnt moralische Wertungsmöglichkeiten in dem Umfang, wie sich die Bewusstwerdung der Schöpfung vollzieht. Gott und Schöpfung können nur in Beziehung zueinander sein; das Sein im Verhältnis zueinander ist ihre wechselseitige Rechtfertigung angesichts der Fakten, die im Zuge des Werdens geschaffen wurden.
Konservativen Gläubigen mag eine solche Vorstellung der Ewigkeit Gottes widersprechen. Doch wahre und lebendige Ewigkeit kann nicht statisch unveränderliche und tote Fortsetzung desselben und stets Gleichen aus aller Vergangenheit in alle Zukunft sein. Auch hier sind Veränderungen in Verhältnissen, Relationen, Beziehungen eine grundlegende Eigenschaft der Wirklichkeit. Zudem sind Eigenschaften wie Ewigkeit oder Unendlichkeit nur dort möglich, wo Begrifflichkeiten wie „Ewigkeit“ und „Unendlichkeit“ gedacht und hierdurch überhaupt erst bedeutungsvoll werden, sonst (ohne ein bewusst und denkend gewordenes Gegenüber der umfassenden Realität) sind sie genauso bedeutungslos, wie alles, das nie gedacht wurde.
Im Menschen durchlebt die ursächliche Wirklichkeit Freude und Leid des Daseins bewusst; das ist die Gottes- und Realitätsbeziehung des Menschen und des gesamten Universums.
Die bewusst wahrgenommene Realität des Universums ist eine verbindliche Trias aus der umfassenden Wirklichkeit, dem Bewusstsein (dem menschlichen Bewusstsein und den hypothetisch anzunehmenden anderen Bewusstseinsinseln oder -zellen in den Weiten des Alls) und der sie wechselseitig verbindenden Zusammenhörigkeit und Abhängigkeit, alles drei, das Umgreifende, das sich im Leben selbst bewusst und zur Freude, aber eben auch zum Leiden mit und am Dasein fähig wird, und das sie verbindende, geheimnisvolle Element der Vervielfältigung und der Entfaltungsmöglichkeiten, gehören als untrennbare Einheit zusammen. Jedes für sich bliebe bedeutungs- und wirkungslos, schlicht nichts ohne diese Beziehungsrelation zueinander. Nichts anderes drückt die alte Chiffre der Erkenntnis Gottes als Vater (die umfassende Realität), Sohn (das menschliche Gegenüber, das aus, durch und mit dieser Wirklichkeit lebt: der im und mit dem Menschen leidende „Gott“ oder „Christus“) und Geist (die Wirksamkeit einer sie verbindenden und auf die Entwicklung der Zukunft ausgerichtete Hoffnungsdimension der Realität, jene wirkungsvolle Hoffnungsrealität, die zur Einheit als lebendiges Beziehungsgefüge verbindet) aus. Diese geht im Ursprung von der umgreifenden Realität aus und wird durch die Vielfalt bewussten Menschseins im Kosmos verwirklicht und vermittelt. Sie entfaltet sich in der Vielfalt von Milliarden individuellen Bewusstseinszentren, was die unglaubliche Möglichkeit auf große und einzigartige Erfahrungen des Denkens in Fülle eröffnet. Gerade dies wäre in der ununterscheidbaren Einheit gleichförmigen Denkens eines einzelnen, umfassenden Bewusstseins, wie es die ein oder andere Gottesvorstellung suggeriert, nicht möglich.

5. Das Sosein des Menschen
Eine der großen Schwächen und Anfälligkeiten des Menschen besteht in seiner Verführbarkeit durch gruppendynamische Prozesse hin zu Ideologien und Fanatismen aller Art. Als Gegenpol dieser Tendenz zur Verführbarkeit steht seine Gefährdung durch übersteigerte Selbstbezogenheit beim Einzelnen, die den anderen völlig aus dem Blick verliert. In jedem einzelnen Menschen wie auch in jeder menschlichen Gruppe lebt offen oder gut im Schatten verborgen eine dunkle Seite, eine Lust am Destruktiven, die sich in Schadenfreude, an Schmerz und Gewalt, die anderen zufügt wird, selbst aufrichtet. Diese mag sich auch in der menschlichen Neigung zu selbsterzeugten, entstellten Gottesbildern äußern, die nicht Vertrauen, Hoffnung und Liebe als Frucht und Markstein wahren Glaubens zur Folge haben, sondern Rechthaberei, Hass, Ausgrenzung Einzelner oder ganzer Gruppen zeitigen. Ganz leicht und von den Verursachern des Leids mithin unerkannt kann sich dies dort vollziehen, wo biblische oder kirchliche Glaubensbekenntnisse nicht mehr als Glaubensbekenntnisse gesehen, sondern mit ontologischen Formeln verwechselt werden. Dann können offene Anfeindungen gegen Andersdenkende und Andersglaubende möglich werden, die diese „göttliche“ Wahrheit vorgeblich nicht anerkennen. Göttliche Wahrheit muss dann gesagt und durchgesetzt werden dürfen, wobei diejenigen, die sich dergestalt durchzusetzen verpflichtet fühlen, blind gegen die eigene Selbstgerechtigkeit oder die jener Gruppe werden, die sie vertreten, und so nicht mehr den Hauch eines Schmerzes fühlen, wenn sie Grenzen überschreiten oder das Gegenüber verletzen.
Als drittes Element bestimmen übergreifend gestörte Lebensverhältnisse das Sosein des Menschen. Sie führen zu Raubbau an Umwelt und Mitmenschen. Diese finden auch auf indirekte Weise statt, die vom Individuum gar nicht bewusst gewollt, aber gar nicht oder nur sehr schwer umgangen werden können. Sie definieren unausweichlich das Sosein des Menschen, wie er ist, weil er sich seinen Lebenszusammenhängen niemals vollständig entziehen kann, sondern immer Teil von ihnen bleibt.
Angesichts der hier nur kurz und fragmentarisch skizzierten Belastungen stellt sich die Frage: Können und müssen der einzelne Mensch und die menschliche Gemeinschaft alle ihre Fehlbarkeiten und Verführbarkeiten mit sich selbst ausmachen? Können die Menschen sich selbst stets das Heilmittel sein oder sind sie so veranlagt, dass es ihnen wohltut, sich einer Instanz außer sich selbst oder außer ihrer selbst anzuvertrauen und überlassen zu können? So führt die Frage nach dem Sosein des Menschen wieder zurück auf die Frage nach einer um- und letztlich übergreifenden Wirklichkeit.

6. Gott und Holocaust
Elie Wiesel (1928-2016) hat die berühmte Frage gestellt, wo Gott in Auschwitz gewesen sei. Damit ist auch gleich gefragt, wie ein Glaube an Gott im Nachgang des wohl unvorstellbarsten Grauens der Menschheitsgeschichte überhaupt noch denkbar sein soll. Es ist die ins unübertreffliche Radikale gesteigerte Theodizee-Frage, die sich hier stellt: Wenn ein Gott als allmächtige Instanz da ist, wie konnte er das millionenfache Sterben völlig Schuldloser einfach geschehen lassen?
Das ist das große Rätsel, das nur noch rätselhafter wird, wenn man Gott als omnipotente und absolut herrschende Macht im Weltgeschehen denkt. Indes gibt es bestimmte Schichten in den biblischen Glaubenszeugnissen, die ein anderes Bild Gottes zeichnen und von daher vielleicht eher den Ansatz einer Antwort geben können. Gott ist hier gar nicht der Gewaltige, der mit spektakulärem Eingriff das Böse verhindert, sondern der leise Windhauch, den wir aus der Elia-Geschichte kennen (1. Könige 19,12). Als diese völlig andere Wirklichkeit entfaltet er sich in unserer Realität. Sie kommt in all den großen und kleinen Taten zu sich selbst, die getan werden müssen, um einen Schrecken gleich dem des nationalsozialistischen Terrorregimes ein Ende zu bereiten. Und so wird plötzlich klar: Gott befindet sich im Selbstwiderspruch innerhalb seiner Schöpfung, doch er hat niemanden verlassen, hat nichts zugelassen, doch gegen den absoluten Schrecken steht er ganz allein als das, was er ist, eine radikale Hoffnung, die durch die Menschenwelt handelt und aus der in dieser die Kraft zum Widerspruch, zum Widerstand, zum Handeln erwächst. Bis sie zur Wirkung kommt, mag diese Macht manchmal so unglaublich schwach und klein erscheinen, doch nur so realisiert sie sich in der Schöpfung und setzt sich letztlich – und das ist die Hoffnung aller Gläubigen – gegen all die gegenläufigen Wirklichkeitsdynamiken in sich selbst durch und ist so mit denen, die ins Blausäuregas und in die fabrikmäßige Vernichtung gehen mussten, so dass in ihm all der Schrecken und das unbegrenzte Elend aufgehoben und aufgenommen ist. Gerade wegen dieser radikalen, wenngleich bedeutungslos klein erscheinenden Hoffnung besteht dennoch kein Grund zur Verzweiflung in dieser Welt als „Schädelstätte“, wo der Wind des Todes über den Gräberfeldern einer Menschheitsgeschichte bläst, die Millionen über Millionen Verhungerte, Gerichtete, zu Tode Gefolterte gefordert hat und immer noch und immer wieder neu fordert.
Mit Konsequenz kann auch die christliche Kreuzestheologie die hier aufgeworfene Theodizeefrage, die Frage, wie Gott das unsägliche Leid nur zulassen kann, zu Ende denken: Da der in allen Entfaltungen und Entwicklungen des Kosmos aufgehende „Gott“ mit der ganzen Wirklichkeit ist, geht er selbst mit all den Millionen Opfern der Menschheitsgeschichte in den Tod. Der „gekreuzigte Gott“, in dem die gesamte Wirklichkeit und damit auch alles Leid aufgehoben ist und der mit allem Seienden und damit auch mit dem Leid vollkommen identisch ist, ist allgegenwärtig da, wo die Sterbenden in den letzten Zügen liegen und führt sie mit sich in seine neue Realität der Hoffnung. Die christliche Rede von Gott antwortet auf die Theodizeefrage, dass er eins mit aller menschlichen Realität und mit uns ist. Er kann tatsächlich nicht als der Gewaltige kommen, der mit machtvollem, spektakulärem Eingriff das Böse verhindert, sondern er ist immer da als der leise Windhauch, der es aufnimmt und mitnimmt, indem er selbst mit unserer Wirklichkeit und damit ganz unmittelbar mit den Gemordeten ist: „Was ihr denen getan habt, habt ihr mir getan“, so wird dieser übergreifende Zusammenhang in der berühmten neutestamentlichen Erzählung vom Weltgericht in Matthäus 25 beschrieben.
Von daher sind die Erzählungen von Jesus von Nazareth, seiner Passion, seinem Kreuz und seiner Auferstehung, unmittelbar in ihrer Bedeutung verständlich, denn sie bieten die Möglichkeit eines nicht-abstrakten, dem Menschen konkret begreiflichen Narrativs darüber, wie Gott ist. In einem solchen Narrativ bereiten Menschen erzählerisch, in personifizierter und damit ganz konkreter Schilderung ihre Erfahrungen und Hoffnungshorizonte in und mit dem Dasein auf.

7. Jesus Christus
In unserem Glauben können wir an der Realität der Hoffnung teilhaben. Was es bedeutet, dieser Hoffnungsrealität – kurzum Gott – teilhaftig zu werden, machen uns die Heroen unterschiedlicher, aber dennoch vergleichbarer Glaubenserzählungen erfahrbar, seien es die von Mithras oder Dionysos oder Jesus. Während die genannten Konkurrenten (ihrer zu gedenken kann für Jesus-Gläubige eine Lektion in Demut gegen ein allzu triumphalistisches Selbstverständnis sein) heute dem Vergessen anheim gefallen sind, hat sich für Christen Jesus von Nazareth als diese zentrale Mittlergestalt zwischen der Realität des menschlichen Lebens und der umgreifenden Wirklichkeitsdimension durchgesetzt. Jesu Weg zeigt uns, wie er, ohne sein Vetrauen auf seine Hoffnungsdimension verlustig zu gehen, selbst das Kreuz auf sich nehmen konnte. Dieses Vertrauen ermöglicht Christus das Äußerste, die Selbsthingabe, ohne sich selbst zu verlieren, und macht klar, wie Erlösung für uns aussieht. Das verdeutlichen schon die einfachen Glaubensaussagen der frühen Christen. Wer an diesen Christus glaubt, ist gerettet, denn er hat das Vertrauen dieses Christus und ist damit seinerseits ein Christus, ein Sohn oder eine Tochter Gottes. Dieser einfache, intime Zusammenhang mag für den heutigen Menschen durch später hinzugekommene überkomplexe Interpretationen und hochfahrende theologische Doktrinen verstellt und unverständlich geworden sein. Doch die konkrete Erzählungen von Jesus, seiner Passion und seinem Kreuz lassen den Zusammenhang einsichtig werden. Das Gotteswirken ist dabei nicht beschränkt, sondern es vollzieht sich – das will uns eine andere, bei Lukas überlieferte Glaubensgeschichte verdeutlichen – bereits ganz unten im gesellschaftlichen Abseits an einem kleinen Kind in der Futterkrippe eines Viehstalls, an dem sich die andere neue Wirklichkeit realisiert. Weil dieser Jesus von Nazareth den ersten Christen ein für sie radikal neues Gottesverständnis bringt, ist er ihnen „der Herr“ (Römer 10,9) und der „Erstling der Auferstehung“ (1. Korinther 15,20) und seine Jünger folgen ihm darin dereinst nach. Wer an ihm teilhat, wird leben wie er. Das Schicksal Jesu verdeutlicht den Seinszusammenhang dieser Welt, auf den auch alle Gegebenheiten des Daseins hinweisen: Die Hoffnungsrealität – Gott – kann gar nicht anders gedacht werden, als dass sie durch den Tod hindurch zur Wirkung kommt; die Hoffnungsdimension kann gar nicht anders sein als so.
Dieser Glaube ist freilich paradox, da er sich seinem innersten Wesen nach gegen die gegebenen Fakten und typischen Eigendynamiken dieser Welt stellt. Die große Herausforderung besteht darin, dass ich dieses essentielle Vertrauen in die Existenz, in jene seltsame und rätselhafte Anlage, da zu sein, ohne Evidenz, ohne jeden Beweis vollziehen muss, um in echtem vertrauenden Glauben zu leben. Der ungläubige Thomas, der nur glaubt, was er sieht und berühren kann, ist das klassische Gegenbeispiel. Selig sei demgegenüber, so lassen die Evangelisten den auferstandenen Jesus sich äußern, derjenige, der glaubt, ohne zu sehen. Fänden Archäologen den unwiderleglichen Beweis, dass das leere Grab nicht leer war (wie genau ein solcher Beweis geführt werden soll, will hier gar nicht erörtet sein), wäre dies gerade nicht das Ende des christlichen Glaubens. Die sterblichen Überreste Jesu wären nur der überfällige Beweis, dass Jesus ganz und gar ein Mensch war, der den Weg des Irdischen wirklich bis zum allerletzten Ende mitgegangen ist. Es gibt frühe Christusbekenntnisse, die keine Auferstehung kennen! Im Philipperhymnus stirbt der Knecht, der sich bis zum Tod am Kreuz erniedrigt hat, und wird dafür erhöht (Philipper 2, 5-11). Von einer leiblichen Auferstehung wird nicht gesprochen. Das leere Grab, das nicht leer ist, wäre nur die Herausforderung an einen tatsächlich unbeirrbaren vertrauenden Glauben auf eine tatsächlich absolut unverfügbare und unfassbare Hoffnungsdimension hin.

8. Das Gebet
Die Frage der fehlenden Evidenz des Glaubens lässt sich noch weiterspinnen. Im Fall einer schweren, womöglich todbringenden Erkrankung beispielsweise habe ich als Patient keine Evidenz, keine Gewissheit, dass mir die Behandlung helfen wird, doch habe ich die Hoffnung, dass ich dennoch die Wende schaffe und ich dem Verhängnis von der Schippe springen kann. Diese mir unverfügbare Hoffnungsdimension, dass sich doch alles zum Guten wendet und letztlich doch zur Entfaltung und Fülle des Lebens tendiert, ist nichts anderes, als die Hoffnung, dass sich „Gott“ in meinem Leben ereignet („Gott“ ist nicht, er ereignet sich!). Artikuliere ich diese Hoffnung als Anruf, als Klage, als Bitte bin ich beim Gebet. Dieses, das Gebet oder wahlweise der Dialog mit sich selbst, mag heute als sinnloser, verzweifelter oder gar lächerlicher Versuch erachten werden, das Schicksal zu beeinflussen. Doch sollten wir bei dieser Verachtung vielleicht nicht stehen bleiben. Schließlich ist allein schon aus der Psychologie bekannt, dass es gut ist und ein Anfang sein kann, eine Notlage überhaupt erst einmal in Worte zu fassen! Und zu noch größerer Tiefe stoßen wir vor, wenn wir uns vor Augen halten, dass die Wirklichkeit unseres Universums in nichts anderem als in uns, in unserem Geist, zu Bewusstsein kommt und somit zu sich selbst gelangt – und zwar in jedem Individuum in je einzigartiger Weise mit gänzlich verschiedenen Ausprägungen, Bewusstseinshöhen und Qualitäten. Damit haben wir es mit einer Wirkmacht des Universums, dem Wesen des Alls zu tun, das in uns selbstreflexiv und – sich in uns auf sich selbst zurückbeziehend – ansprechbar für uns wird! Es entsteht somit eine komplexe Selbstbeziehung zu dem Bewusstsein, das in diesem Kosmos entstanden und von diesem hervorgebracht wurde. Insofern lässt sich im Dialog mit sich selbst und im Gebet ein Bezug zu sich selbst und zum Weltganzen aufbauen. Der Bezug darauf wird für uns zumeist dann wichtig, wenn wir – z.B. in Krisenfällen – bemerken müssen, dass wir die Wendungen unseres Lebens nicht in der Hand haben. Gläubige Menschen wollen sich mit der bloßen Reaktion auf die Grenz- und Krisensituationen des Daseins nicht begnügen, sondern dieser übergreifenden Dimension des Seins im Alltag ihres Lebens generell einen festen Raum geben. Sie ergänzen die sich aus Not und Bedürftigkeit ergebende Bitte durch den Dank für die Gaben des Lebens allgemein.

9. Vom Scheitern der Existenz
Wo diese Dimension der Hoffnung dem Menschen verloren geht oder gar nicht mehr bewusst ist, macht sich Resignation und Kraftlosigkeit breit. Der Verlust der Sinnperspektive kann in eine rein vegetative Existenz einmünden, die man vielleicht umso treffender mit dem alten Begriff der „Gottesferne“ charakterisieren könnte. Ihr begegnet der schockierte Helfer von Jugendamt und Polizei, der verwahrloste Kinder, schuldlos Leidende, aus einer Wohnung mit exkrementengefüllter Badewanne, unbenutzbaren Waschbecken und Duschen und verwesenden Abfallbergen in den Zimmerecken birgt. Hier sind die infernalischen Zustände einer Hölle auf Erden augenscheinlich geworden. Der Totalverlust von existenziellem Sinn und Antrieb hat übergreifende, im Wortsinn übergriffige Konsequenzen in der Existenz der Menschen. Scheiternde und misslingende Lebensverhältnisse sind nicht nur ein Problem des betroffenen Einzelnen, sondern haben weiterreichende Konsequenzen für diejenigen, die schuldlos in den Sog abwärts mit hineingezogen werden. Aus eigener Kraft lassen sie sich oft nicht mehr überwinden und häufig scheitern Hilfsangebote, weil die Betroffenen (ein treffender Terminus Martin Luthers) in einer Weise in sich selbst verkrümmt und unerreichbar geworden sind, dass sie die Infernalität der eigenen Lebensverhältnisse gar nicht mehr als solche erkennen und aus Eigenem gar nichts ändern wollen. Niemand darf sich durch das Extrembeispiel täuschen lassen: Wohl jeder Mensch hat in seinem Leben irgendeinen größeren oder kleineren Bereich, in dem er sich, ohne dies ganz bewusst vollzogen haben zu müssen, im eigenen Elend wohnlich eingerichtet hat. Hier sind wir selbst blind geworden und sehen die eigene Angewiesenheit und Abhängigkeit von einer Sinn- und Seinsdimension außer uns selbst nicht mehr.

10. Das Oberlicht der Wirklichkeit
Die Hoffnung auf die umgreifende Wirklichkeit zielt nicht auf eine bloße Verlängerung, Wiederholung oder Wiederaufnahme des gelebten Lebens in einer sich gleich bleibenden Welt, sondern um eine völlig neue Existenzweise, die über das Gewesene hinausweist. Darum geht es in der biblischen Auferstehungshoffnung, wenn Paulus vom „geistlichen Leib“ spricht, der ein ganz anderer als der „natürliche Leib“ ist (1. Korinther 15, 44). Hier wird, als umwälzende Veränderung der bestehenden Verhältnisse, durch die das Sein durch die umfassende Realität der Hoffnung hindurch geht, das individuelle Dasein in ein ganz anderes und neues Sein hineingenommen. Und da der Mensch ein soziales Wesen ist, betrifft diese Umwandlung (in der biblischen Metaphorik das alles neu ein- und ausrichtende „Gericht“, das die Dinge „richtet“, also erneuert und in eine neue Ordnung bringt) freilich auch die menschliche Gemeinschaft, die diese neuen Individuuen bilden. Das Bildwort der Neuen Testaments für diesen Gemeinschaftszusammenhang ist „Reich Gottes“. Und die neue, aus der Hoffnung allein und unmöglich aus dem menschlichen Vermögen selbst heraus getragene Entwicklung des Menschen mit und in der Natur zeitigt einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ (Offenbarung 21,1), die nicht mehr unter der Mitherrschaft von Leid, Trauer, Tod und selbstverschuldeter Zerstörung stehen. Dann ist die Ausdifferenzierung des Kosmos am und im Menschen zu sich selbst ans Ziel gelangt. „Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge!“ (Römer 11,36). Alles ist durch die eine Realität genauso wie diese eine Wirklichkeit selbst erst durch alle Dinge zu dem wird, was sie sein wird: „ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist“ (Epheser 4,6).

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