Auf schmalem Grat

Dieses Wochenende setze ich meine Experimente mit der Hypericum-Droge fort. Samstagmorgen wecke ich mich für 3:30 Uhr mit dem Wecker, nehme einen Esslöffel der Tinktur ein und stelle den Wecker für 4:30 Uhr, um der Substanz eine Stunde Zeit zur Entfaltung der Wirkung zu geben. Dennoch verschlafe ich es, um 4:30 Uhr mit der konzentrierten Einleitung der Fernblick-Methode zu beginnen. Trotzdem kommt ein intensiver, sehr heller Flugtraum zustande. Mit einem Fluggerät, das aus zwei mit einem schwebenden Rotor verbundenen Seilen mit Handgriffen besteht, fliege ich über eine äußerst beeindruckende Landschaft. Durch Drücken zweier roter Knöpfe an den Handgriffen kann ich den Rotor aktivieren, der mich geschwind und mühelos durch die Luft zieht. Das Gerät ist wie ein Lenkdrache durch Ziehen an den Seilen steuerbar. Südlich von Diedesfeld fliege ich in eine herrlich wilde Naturlandschaft hinein, eine moosbewachsene Ödnis, die ich überfliegen will, bis ich in südöstlicher Richtung auf die Landstraße Richtung Landau stoße. Auf meinem Weg achte ich zumeist darauf, nicht allzu hoch zu fliegen, doch als ich eine kreisrunde Vertiefung ohne sichtbaren Boden überquere, lässt sich die Flughöhe nicht mehr kalkulieren, was mir ein mulmiges Gefühl verschafft. Vor lauter Schauen drifte ich schließlich auf einen Bergrücken, auf dessen Gipfelgrat ich eine schmerzlose Bruchlandung hinlege. Fasziniert greife ich – über mir nur der blaue Himmel – in den bläulich gerandeten Schnee, der den einsamen, wohl um die 1500 m hohen Grat bedeckt. Ganz so einsam ist es jedoch nicht, denn von unten nahen Wanderer, darunter eine Frau auf Langlaufskiern und ein Mädchen, das mich an eines aus meiner ehemaligen ersten Klasse erinnert. Versehentlich löse ich einen Schneeklumpen auf dem Grat, der eine dritte Person links von mir, einen Mann, trifft. Der Schnee ist nicht hart und er nimmt es mir nicht übel.
Ich beschließe, zu meinem Ausgangspunkt zu starten. Zügig gleite ich zurück und komme auf ein Feriengelände, auf dem ich über einen gesplitteten Weg zu einer aus dunklen Holzbalken gefügten Hütte fliege, einem Unterstand, den ich hier als mein Quartier ansehe. Mit dem Rotor manövriere ich mich durch die oberen Querbalken ins Innere des Häuschens, eine fliegerische Geschicklichkeitsleistung, in deren Vollzug ich erwache.

Am Sonntagmorgen kommt es erneut zu einem stark intensivierten, durch seine wechselhaften Inhalte aber auch sehr ablenkenden Traumerleben, das durch seltsame Verdopplungen der Realitäten geprägt ist. Mehrmals bin ich im Astralzustand mit Versuchen beschäftigt, in diesen überzugehen, verkenne jedoch in der Vielzahl der ablenkenden Faktoren, dass ich diesen längst erreicht habe. Trotz mehrerer Anläufe bekomme ich keinen stabilen Zustand hin; auch die Hypnagogie verleitet extrem zum Abgleiten, da es u.a. akustische Wahrnehmungen gibt. Die Stimmen unsichtbarer Präsenzen stellen mir Fragen und konfrontieren mich mit Problemen, die mich von meinem Ziel abdrängen. Immer wieder muss ich mich selbst auffordern, diese Eindrücke zu ignorieren und bei der Sache zu bleiben. Gegen 8:15 Uhr breche ich die Vertiefungsbemühungen ab, da ich mir sicher bin, heute auf keinen grünen Zweig mehr zu kommen. Nächstes Wochenende werde ich die Dosis auf einen Teelöffel Hypericum verringern; eventuell hilft dies, Traumintensivierung und Fokussierungsfähigkeit in ein günstigeres Gleichgewicht zu bringen.

Zukunft und Vergangenheit

In einem lebhaften Traum irre ich mit meiner zweiten Schulklasse auf einem fremden Schulgelände herum und suche die überall versprengten Kinder zusammen. Irgendwann finde ich mich dabei auf einer abendlich dunklen Wiese wieder, auf der erwachsene Personen meine Suche stören, ohne dass ich erahne, warum sie sich so verhalten. Einer magischen Eingebung folgend pflücke ich auf dem hinteren Teil des Wiese Kräuter und stelle einen Kräuterbusch zusammen in der Überzeugung, dies würde das störende Treiben beenden, genauso wie nach der Vorstellung der volkstümlichen Magie das Sammeln bestimmter Kräuter die Hexen banne und ihren Sabbat beende. Bemerkenswerterweise klappt es tatsächlich. Befreit von den Störenfrieden gehe ich mit den Kindern los über ein weites, nunmehr in morgendlichem Licht liegendes Wiesengelände, das östlich in das Haardtgebirge übergeht. Im Lauf erkenne ich den Traum, löse mich von ihm und fliege in eine unbestimmte helle Void hinein, in der ich mich durch seitliches Rollen in den OBE-Zustand versetze. Dabei stellt sich das Gefühl ein, nach links über die Bettmatratze zu rollen und über deren Rand aus dem Bett zu gleiten. Links neben dem Bett lande ich auf den Füßen und stelle verwundert fest, dass ich zwergenhaft klein bin. Ich reiche gerade mal bis zur Bettkante. Allerdings verschwende ich mit dieser Eigenartigkeit keine Zeit, sondern verlasse umgehend das Schlafzimmer. Auf dem Flur treffe ich auf ein Fenster, durch das ich ein seltsames, oben am blauen Himmel schwebendes Objekt entdecke: es handelt sich um eine weiße Kugel mit einem freischwebenden manschettenartigen Ring außen herum. Beim Durchfliegen der Fensterscheibe macht es den Eindruck, als würde dieses Flugobjekt, wie durch einen Brechungseffekt im Glas, nach oben hin weggekippt. Als ich draußen bin, ist es verschwunden.
Nun stehe ich auf dem Hof und beschließe, jetzt eben diese Umgebung zu untersuchen. Ich hebe ab und fliege auf das Dach des Gebäudes, wo ich im Kies des Flachdaches ein schwarzes Gebilde entdecke, das wie ein auf dem Dach installierter Tank aussieht. Viele schwarze Kunststoffschläuche sind dem Tank aufgesetzt und verbinden sich in komplexer Weise. Auch gibt es mindestens zwei große Messanzeigen mit Skalen und Zeigern. Die Funktion dieser Einrichtung erschließt sich mir nicht, doch meine ich, eine futuristische Heizungsanlage für mein Wohnhaus darin zu erblicken und vermute daher, dass mich diese Astralreise einige Jahrzehnte in die Zukunft versetzt habe. Mich Richtung Süden über das Dach weiterbewegend gelange ich auf ein zweites, etwas niedrigeres Flachdach, über welches ich in einem Rechtsschwenk nach unten in meinen Garten im Osten des Gebäudes gerate. Dort sieht alles gealtert und etwas verwittert aus, als wären tatsächlich Jahre vergangen. In den Blumenkästen links im Garten findet sich an der Seite nur noch eine kümmerliche Erdbeerpflanze. Daneben stecken ein getrockneter Fisch und ein ausgeblichener Krebs (!) mit dem Kopf voran in der Blumenerde. Da es sich definitiv um meinen Garten handelt, meine ich, dass es sich bei diesem merkwürdigen Arrangement um eines meiner zukünftigen Experimente handeln müsse, dessen Sinn und Ziel sich mir jedoch heute noch nicht erschließt. Durch eine verwitterte dunkle Holztür mit Glaseinsatz und abblätternder Holzlasur will ich in das Haus zurückkehren. Anstatt die geschlossene Tür zu durchfliegen, möchte ich sie aufschließen. Schließlich besitze ich ja als Eigentümer des Hauses auch die Schlüssel. Beim Versuch, die Tür zu öffnen, spüre ich jedoch schnell, wie ich den Anschluss an die Szenerie verliere und erwache.
Obgleich nicht viel geschehen ist, vermittelt mir diese Astralwanderung ein gutes, ein äußerst positives Gefühl, als hätten hier Zukunft und Vergangenheit in einem lichten Moment voller Erinnerungen an vergangene und zukünftige Sommer zusammengefunden.
Erst nach dem Erwachen wird mir völlig klar, wie sehr sich die Gegebenheiten des Hauses in der anderen Wirklichkeit von denen in der Wachrealität unterscheiden: mein Haus besitzt kein Flachdach und wird auch in Zukunft ganz sicher keines besitzen; gartenseitige Holztüren, ob verwittert oder nicht, existieren ebenfalls nicht. Alles ist anders und eigentlich fremd, kam mir aber dennoch absolut bekannt vor.

Hartheu als „Reisekraut“

Um 4:30 Uhr nehme ich einen knappen Esslöffel einer selbstangesetzten Johanniskrauttinktur ein und vertiefe mich in die Fernblickmethode mit dem Ziel, die lichtreiche Hypnagogie, wie man sie nach Einnahme von Hartheu erwarten kann, zu einem lichten Traum zu nutzen.

Es dauert etwas, bis die Wirkung einsetzt, aber tatsächlich sehe ich in der Meditation grau-weiße, sehr dynamische, teils pulsierende Lichteffekte über das Gesichtsfeld ziehen. Es wirkt wie ein verstärktes und weit beweglicheres Leuchten des Eigengraus; es sieht genauso aus, wie bei meinem ersten Versuch mit einem Johanniskrauttee, den ich aber vor dem abendlichen Einschlafen eingenommen hatte und daher dessen Wirkung nicht zu einem meditativen Triggern astraler Erlebnisse in den frühen Morgenstunden nutzen konnte.

Heute morgen gelingt es mir jedoch ganz natürlich, mich nicht auf das Lichtspektakel einzulassen, sondern mich auf das zu konzentrieren, was dahinter auftaucht! Lässt man sich auf hypnagoge Wahrnehmungen ein und beobachtet sie aufmerksam und interessiert, führt dies immer zum bewusstlosen Einschlafen!

Schließlich gelingen mir eine Reihe von Abhebungen in den außerkörperlichen Zustand, wobei ich mich teilweise im falschen Wachliegen in einem undefinierbaren Umfeld (dunkle Void) wiederfinde, teils aber auch den Eindruck habe, bei stark beschränkter Sehfähigkeit in einer Stadt zu sein, in der ich in einer engen Gasse zwischen Häusern gen Himmel starte.

Mehrfach hebe ich ab und lande wieder, übe den Start in den Flug, gerate an eine Zimmerdecke, an der ich herumtaste und dann, spielerisch schwebend, Hände und Füße gleichzeitig an die Decke bringe, was im halbschweren Schwebezustand gar nicht so leicht ist.

Als ich in den gewöhnlichen Wachzustand zurückkehre, ist es 7:10 Uhr.

Richtig und zum korrekten Zeitpunkt eingenommen erweist sich das Hartheu also tatsächlich als echtes „Hexenkraut“, dessen psychoaktive Wirkung, die meditativen Bemühungen unterstützend, als „Reisekraut“ zum Triggern außerkörperlicher Erfahrungen eingesetzt werden kann. Vielleicht wusste schon Carl von Linné davon und nannte das Johanniskraut nicht nur aufgrund der durchscheinenden Blattdrüsen „Hypericum perforatum“, also „über dem Bild“ ( hyper eikon) durchstoßen, perforiert, was ja genau dem meditativen Vorgang entspricht, hinter und durch die hypnagogen Bildwahrnehmungen zur Anderwelterfahrung vorzudringen!

Christian Rätsch lag jedenfalls daneben, als er sich entschied, das Johanniskraut nicht in seine „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ aufzunehmen (vgl. Rätsch, S. 24). Paracelsus nannte das Hartheu nicht umsonst ein „Arcanum, ein Universalmittel mit höchster Wirkkraft, eine Monarchei, der sich alle beugen müssen“.