An der Quelle

In einer weitläufigen Stadt mit gewaltigen Jugendstilgebäuden, die ich, obwohl es im Grunde wenig Übereinstimmungen gibt, mit Neustadt identifiziere, begebe ich mich auf den Weg nach Hause in die Vorstadt.
Auf dem Weg ändert sich die Umgebung und ich biege nach rechts in einen sonnigen Feldweg ein, der rechts und links von saftigen, dunkelgrünen Wiesen hoch aufgeschossenen Grases gesäumt wird.
Leute kommen mir auf dem Weg entgegen, Wanderer, darunter ein Mann mit glänzenden, braun gebrannten Gesicht mit seiner Frau. Für einen Augenblick spüre ich eine seltsame Faszination für den braun gebrannten Sonnenmenschen. Irgendetwas Besonderes ist in dieser Umgebung zu fühlen.
Ich gehe weiter und erkenne, dass ich auf den Wegen eines grasbegrünten Dammes unterwegs bin. Vor mir liegt ein schäumendes Meer.
Mich nach links wendend biege ich auf einen Weg parallel zum Ozean ein, der schnurgerade in die Ferne führt – in die Richtung, die mich in meiner Vorstellung in Richtung Vorstadt führen müsste.
Schließlich werde ich völlig luzid. Ich erkenne, dass ich ohne weitere Mühen das Sommerland erreicht habe.
Wie geplant suche ich etwas zu trinken, um etwas aus dieser Welt möglichst tief in mich aufzunehmen.
Und sogleich höre ich links neben mir in der Grasböschung Wasser plätschern.
Nah am Boden folge ich dem Rinnsal aufwärts und untersuche das Wasser. Hier unten scheint das zwischen den Grashalmen herausgeschöpfte Wasser von dunkler Erde verschmutzt zu sein. So ziehe ich weiter aufwärts in der Hoffnung, auf die Quelle zu stoßen.
Etwas weiter oben wird das Wasser reiner. Da meine Sicht sich etwas eintrübt, kann ich es aber nicht genau überprüfen. In den zusammengelegten Händen scheint das Wasser optisch noch etwas dunkel zu sein. Dennoch koste ich. Es ist nicht kühl, verursacht aber ein interessantes Prickeln im Mund und hat einen leicht herben Nachgeschmack. Ich trinke die aus Händen gebildete Schale aus und gehe weiter stromaufwärts.
Oben zeigt das fließende Wasser rein weiße Schaumkronen.
Alsbald gelange ich in eine beige verputzte Ummauerung. Im Inneren sieht es so aus, als befände ich mich in dem engen Hohlraum unter einer schmalen Treppe. Es scheint mir eine Sackgasse zu sein, doch kann ich unten durch eine Öffnung problemlos aus dem beengten Innenraum heraustauchen.
So gelange ich auf ein hohes Sandsteingebilde, dessen in die Luft hinausragende Felsnase ich seitlich erklimme. Dabei bemerke ich, dass ich hier mit meinem gewöhnlichen Nachtzeug bekleidet bin. Für einen Moment überlege ich, auf einen von Bäumen flankierten Weg hinabblickend, eine andere Kleidung zu materialisieren, beschließe aber, mich damit nicht weiter aufzuhalten.
Zudem erscheint rechts vorne bei einem Gebäude ein Mann in einem Blaumann, der nicht erfreut ist, jemanden auf dem Felsgebilde herumklettern zu sehen.
Ich verlasse den Felsen im Flug, wobei ich, ohne dass darüber direkt gesprochen worden wäre, weiß, dass der Mann im Blaumann ebenfalls über diese Fähigkeit verfügt; sie ist hier nichts Besonderes.
Ich drehe einen weiten Linkskreis um das Gebäude und fliege dann weiter.
Dabei fällt mir auf, wie lang und stabil dieser Klartraum inzwischen schon ist, und führe dies auf das Trinken des Wassers zurück; eine solche Aktion scheint in der Hauptwirkung traumstabilisierend zu sein.
Zugleich muss ich an die Sage denken, dass das Essen und Trinken in der Unter- oder Anderswelt dazu führe, dass man für immer an diesen Ort gebunden bleibe und ihn nie mehr verlassen könne. Obgleich ich das nicht als reale Gefahr einstufe, verursacht mir die Vorstellung unangenehme Gefühle.
Im Flug erreiche ich schließlich eine jäh und tief abfallende Böschung, eine kolossale Abbruchkante in die Dunkelheit.
Nur vom Licht aus der Oberwelt erhellt liegt dort eine große Stadt, wieder mit gewaltigen Jugendstilgebäuden, die aber in dräuender Düsternis liegt. Die Stadt in der Tiefebene hat eine geringe Tiefendimension, denn sie scheint nach hinten durch eine tiefgraue und undurchdringliche Nebelwand begrenzt.
Ich fliege einige Meter in die dunkle Ebene hinaus und wende mich dann zu dem Sommerland zurück. Ich kann kaum einen Blick darauf erhaschen, denn alles versinkt in grauem Nebel und ich erwache – diesmal nicht gegen meinen Willen, denn die negativen Gedanken des Festsitzens in der Anderswelt hatten den Aufwachprozess letztlich initiiert.
Beim nächsten Mal sollte ich im astralen Sommerland mal versuchen, die heilende Energie des Universums zu meditieren und schauen, wie sich das ausnimmt.
Ich bleibe noch eine Zeit lang liegen; als ich mich zum Notieren der Erfahrung aufraffe, ist es 6:07 Uhr.

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