"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 13. Schluss

Wolkeninsel

Am Montag, dem 22. Juni, erwachte Gina aus einem Traum, der sie aus einem nebligen und schrecklichen Dunkel in hellstes und wärmstes Licht geführt hatte. Leicht stand sie auf und dachte nicht mit Grauen an den Test in Mathematik, der für diesen Vormittag angekündigt war. In der Küche lärmte ihr Vater und summte zu einer Melodie im Radio. Ohne einen besonderen Gedanken im Kopf ging sie nach drüben.
„Guten Morgen, mein Schatz“, sagte ihr Vater, zog sie mit beiden Armen an sich und in die Höhe und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du bist also schon wach.“
„Ja“, sagte Gina und schaute auf die Küchenuhr. Es war 6:20 Uhr und ihr Wecker würde erst in zehn Minuten klingeln. Doch beschloss sie, nicht in ihr Zimmer zurückzugehen, sondern ihrem Vater die Brotdose fertig zu machen, damit er in Ruhe sitzen und frühstücken konnte. Als ihre Hände so beschäftigt waren, konnte sie nicht anders, als an den Traum zu denken, aus dem sie ohne nähere Erinnerung erwacht war. Es war ihr, als wäre es darum gegangen, nichts weniger als einen unheimlich wichtigen Teil von sich selbst zu verlieren, aber trotzdem nicht alles zu verlieren.
Nicht alles.
Wie seltsam, dachte sie. Und irgendwie hatte sie dabei das Gefühl, dass Träume eben doch keine Schäume waren.
Und gleich darauf musste sie an Olivia und Michael denken, ihre Freunde.
Nach der Schule würde sie die beiden anrufen, um ein Treffen auszumachen. Zum Skaten.
Als sie die Wohnung verließ, den Ranzen geschultert, warf sie keinen zweiten Blick in ihr Zimmer. Und so bemerkte sie nicht die Zuckerdose auf dem Fensterbrett, die mitten entzweigebrochen war, und die Münzen, die geschwärzt waren, als habe sie das Licht der hellen Sonne, die durch das Fenster strahlte, verbrannt und verkohlt.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 12. Wer die Mittagssonne berührt

Wolkeninsel

Gina hielt es nicht mehr aus. Sie ertrug das alles nicht mehr. Ihre Nerven brannten einfach durch. Sie konnte es einfach nicht begreifen, was hier geschah, konnte es nicht ertragen, mitanzusehen, was ihr eigener Vater tat, völlig blind, wie er war.
„Papa!“, schrie sie im Anrennen, die Augen blind vor Tränen. Frontal stürmte sie gegen den Bagger an, sprang in hohem Bogen ab, schlug donnernd gegen das Blech, prallte ab, stürzte rückwärts, die stählernen Zähne der Baggerschaufel im Rücken. Der Vater sah sie rückwärts fallen, erahnte das Ende der Sturzbahn und in diesem Moment schrie er „Gina!“ und das steinerne Gesicht brach, seine Augen weiteten sich, von der Blindheit befreit, und er schrie aus Leibeskräften, breitete die Arme aus, stürzte seinerseits über die Motorhaube des Baggers hinweg nach vorn: „Gina!!“
Gina sah das Gesicht ihres Vaters über sich; eine Handbreit über seinem Scheitel die Sonne, die am Mittagspunkt stand, und sein Schrei voller Verzweiflung und Schrecken hallte in ihren Ohren. Nur noch matt und von Ferne spürte sie, wie ihr Vater sie hoch und an sich zog, schreiend und die Augen in Tränen brechend. Und obgleich sie nur Augen für ihren Vater hatte, nahm sie am Rand ihres sich verkleinernden Gesichtsfelds wahr, wie Lea neben oder unter ihr aus den Untiefen der Baggerschaufel auftauchte, mit einer dicken roten Beule am Kopf, aber ansonsten unversehrt! Mit schreckensgeweiteten Augen sah Lea sie an.
„Alles ist gut!“, wollte Gina jetzt sagen und den Vater in die Arme schließen, Lea gleich noch dazu. Doch es ging nicht. Der Körper gehorchte ihr nicht mehr. In ihrem Rücken spürte sie nur ein dumpfes Gefühl, wie ein kalter Druck, der gleich vorbei war, als tiefer innerer Friede, Ruhe und ein Gefühl der Befreiung sie überkamen.
Sie wurde so leicht, trieb aufwärts, der Sonne über dem nassen Gesicht ihres Papas entgegen. Nach wie vor spürte sie die Geborgenheit der Arme ihres Vaters, während sie, mit der plötzlich freien Hand das Gesicht ihres Papas in einer Liebkosung streifend, aufwärts glitt und schon in der nächsten Sekunde die Mittagssonne berührte.
Die leere Hand voran tauchte sie in das gleißend weiße Licht ein und ging darin auf. Nur einen kleinen schwarzen Fleck auf der lichten Oberfläche hinterließ sie, klein und schwarz mit feinem leicht erhelltem Rand.
Dort schaute sie heraus wie durch ein kleines Fenster. Und ehe sich die helle Wärme endgültig um sie schloss, sah sie dort unten ihren Vater winzig beim Bagger kauern, sah die beiden Bauarbeiter hinzueilen, um zu schauen, was um Himmelswillen hier nur geschehen war, sah ihre beiden Freunde von der Böschung her hinzustoßen, sah die kleine, verwundete Insel gefährlich schwanken, sich aber dennoch sicher über dem schwarzen Nichts halten, während die formlosen Wesen, machtlos und leer, ihrem Abgrund entgegen sanken. Denn ihr Bann war nun gebrochen.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 11. Kampf

Wolkeninsel

Die unbarmherzige Maschine ratterte und grollte nicht nur den Tag über, sondern auch die ganze Nacht hindurch ohne Unterlass. Nach Einbruch der Dunkelheit erhellte eine auf einen Bauzaun gesetzte Leuchtbatterie das Gebiet der Landzunge mit weißem Licht, in dessen Schein alles kränklich und fahl aussah. Auch noch vom Lager, in das sich die Kinder am Abend zur Beratung zurückzogen, aus gut sichtbar glühte das Streulicht über dem Rand der Schlucht wie ein schreckliches Nordlicht, verschmutzte den Himmel und überstrahlte fast alle Sterne, tauchte die Nacht in ein tödliches Licht, grau und kalt wie auf einem fremden Planeten, der um einen ausgebrannten Stern kreiste.
Was sollten sie nun unternehmen? Keine Monster waren auf der Wolkeninsel erschienen, sondern Ginas eigener Vater, vom Trugbild eingesponnen, hier einen höchst wichtigen und unaufschiebbaren Bauauftrag ausführen zu müssen.
Gina saß am Feuer und rollte einen Speer zwischen den Handflächen und stierte in die Flammen. Damit würde sie doch nicht auf ihren Vater losgehen können, geschweige denn auf irgendeinen anderen Menschen!
„Wie gerissen und böse SIE sind“, dachte sie und erhob nicht den Blick nach oben, wo die grausamen Unwesen sich unablässig um sich selbst drehten.
„Und du denkst, es ist wirklich dein Vater?“, fragte Michael zum zweiten Mal an diesem Abend.
„Schon und doch nicht“, sagte sie, „ich weiß es nicht! Und letztendlich ist es sogar egal, ob ja oder nein! Kann es irgendwer von euch verantworten, kann ich es verantworten oder das Risiko eingehen, ihn mit Lanzen oder Pfeilen anzugreifen?“
„Das kann niemand“, stellte Lea fest. „IHR Plan ist perfekt.“
„Nahezu perfekt“, korrigierte Olivia, die aus dem Schatten in den Schein des Feuers trat. Hinter sich schleppte sie ein Bündel mit Speeren her. Sie löste einen aus dem Bund, legte ihn mit der Spitze über einen der flachen Steine, die das Feuerloch umrahmten, und drosch mit einem zweiten flachen Stein auf die feuergehärtete Spitze ein, bis sie abbrach und nur ein verkohlter Stumpf zurückblieb, den sie mit dem rauen Stein kugelig abschliff.
„Denkt doch mal nach“, sagte sie schließlich, „ob es Ginas Vater oder nur eine verhexte Kopie von ihm ist, ist nur wichtig, wenn wir gegen ihn und die anderen kämpfen wollen -“
„Ja, sicher, aber wie soll uns dieser Gedanke jetzt weiterhelfen?“, fragte Gina lahm.
„- wenn wir aber gar nicht bekämpfen wollen“, fuhr Olivia ungerührt fort, als hätte sie ihr gar nicht zugehört, „sondern nur erschrecken, ablenken, durcheinanderbringen wollen, wenn wir sie vielleicht für eine Weile auseinandertreiben wollen -“
„Selbst wenn es gelingt, was wäre damit gewonnen?“, brummte Gina.
Lea jedoch schien schneller zu begreifen. Und ihre Augen leuchteten, als sie zu sprechen begann:
„- dann hätten wir vielleicht die Möglichkeit, den Bagger zu erobern. Nehmen wir an, es glückt, die Baumaschine an uns zu bringen. Und wenn wir sie nur für Minuten in unsere Gewalt bekämen, so könnten wir sie wenden und über die Klippe schicken. Wir könnten sie in den Abgrund hinter dem Rand der Insel fahren lassen. Sie stürzt ab und weg ist sie!“
„Du hast es!“, sagte Olivia bestätigend. Und beide, Lea und Olivia, griffen nach weiteren Speeren und bewaffneten sich mit Sandsteinen. Gina und Michael schlossen sich schließlich an und nahmen nun ebenfalls Speere aus dem Bündel zur Hand und begannen sie in gleicher Weise zu behandeln, wie Olivia es mit dem Ersten getan hatte. Drei Stunden später waren alle Speere und Pfeile, bis auf einige Wenige, denen sie die gefährlichen Spitzen ließen, in stumpfe Geschosse verwandelt, nur noch zu Scheingefechten tauglich.
Am späten Vormittag pirschten sie sich an. Ihre Gesichter waren in einem braunen und grünen Tarnmuster bemalt. Und ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit lag auf ihnen. Hinter dem Sichtschutz aus hohem Gras legten sie ihre Waffen aus und robbten mit ihrem Fernglas bis zum Rand ihres Verstecks. Die Bauleute hatten mit ihrem monströsen Bagger ganze Arbeit geleistet. Der gesamte Westteil der Insel war in eine braune Ödnis verwandelt worden, von der üppig grünen Landzunge mit ihrem wogenden Ozean aus langen Halmen war nichts mehr übrig geblieben. Zurück blieb nur geschundenes Land, eine erbärmliche Wüstenei, über die der Bagger mit der gesenkten Schaufel einherfuhr, um die letzte Unebenheit zu planieren.
Genau kundschafteten sie die Lage auf dem wüsten Feld aus; auf dem Bagger saß nur ein einziger Mann, der zweite stand etwas weiter hinten auf dem bereits fertig begradigten Bereich, wischte sich den Schweiß unter der Kante seines Helmes ab und lauschte Ginas Vater, der an einem kleinen Campingtischchen stand, auf dem der zerknüllten Bauplan ausgebreitet war, den Gina schon gestern bei ihm gesehen hatte. Keine Minute verging, bis ihr Vater den Plan einrollte, zusammen mit dem anderen in Richtung des Bauwagens davonging und schließlich darin verschwand.
„Nur noch ein Mann und der Bagger“, sagte Michael. „Eine günstigere Gelegenheit wird nicht kommen!“
Das war das Zeichen! Olivia und Michael, die beiden Bogenschützen, spannten an. Lea und Gina machten sich mit ihren Speeren bereit.
Auf das geflüsterte „Los!“ von Michael eröffneten sie alle gleichzeitig das Feuer. Aus dem Hinterhalt hagelte es Speere und Pfeile, denen sie die Spitze genommen hatten, sodass Hoffnung bestand, dass niemand durch die Geschosse ernstlich Schaden nehmen würde. Sie prasselten auf den Bagger nieder wie ein Regen. Nach dem ersten Schub brachten sie sogleich den Nächsten und einen Dritten auf den Weg. Sie hörten, wie die Pfeile und Speere auf Blech, Glas und Kunststoff trafen, sahen, wie Speere am Schutzhelm des Mannes am Steuer abprallten! Doch die Maschine tuckerte weiter!
Wie auch immer das möglich war, aber der Mann auf der Maschine schien den Beschuss so wenig zu bemerken, wie die Mücken, die im Flug auf der kleinen Frontscheibe und auf dem gewaltigen Metallleib seiner Höllenmaschine zerschellten!
Unbeeindruckt fuhr der Fahrer fort, kramte aber in irgendeiner Ablage herum und holte, gerade als Michael und Olivia zur nächsten Salve ansetzten, einen Regenschirm heraus. Gina stutzte. War es möglich, dass SIE in der Lage waren, ihn so verrückt zu machen, dass er einen Angriff mit annähernd fünfzig Speeren, die nun teilweise im Boden steckten oder auf der Maschine oder deren Bedienungsraum lagen, mit einem Hagelschauer verwechselte? Es blieb ihr jedoch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn schon ging die nächste Salve auf ihn und die Maschine nieder. Ein Speer durchstieß, der abgestumpften Spitze zum Trotz, den Stoff des aufgespannten Schirmes und blieb schaukelnd darin hängen, ein anderer prallte wirkungslos vom Helm des Arbeiters ab, aber ein dritter traf ihn unter den Sichtschutz. Und endlich schien er etwas zu bemerken!
Die Maschine stoppte abrupt, der Mann taumelte vom Sitz und hielt sich eine Hand vor das Auge. Lea stürmte zur Eroberung los, doch neben dem schmerzgebeugten Mann tauchte wie aus dem Nichts (und wiederum von Lea nicht bemerkt!) Ginas Vater auf, besprach sich für einen Moment mit dem Verletzten und schüttelte den Kopf, als konnte er kein Verständnis für die Arbeitsunterbrechung aufbringen. Behände sprang er auf die Maschine und übernahm selbst den Fahrersitz, startete eigenhändig die Maschine und ließ sie genau in dem Augenblick weiter voranrollen, als Lea – völlig fixiert auf ihr Ziel – gerade im Begriff war, vorn auf die Motorhaube zu springen. Lea rechnete nicht mit der Bewegung und verfehlte ihr Ziel, rutschte ab und fiel mit dumpfem Aufprall in die Baggerschaufel. Regungslos blieb sie darin liegen, kam nicht wieder hoch. Aber die Maschine knatterte weiter, denn Ginas Vater reagierte gar nicht auf das Geschehene, von Blindheit geschlagen reagierte er wie jemand, der von all dem rein nichts mitbekommen hatte.
Was geschah hier nur? Was zur Hölle ging hier vor? Gina konnte es nicht mehr begreifen.
„Stoppt das Ding“, schrie sie jetzt besinnungslos vor Angst. „Stoppt es!“
Sie packte einen der letzten verbliebenen spitzen Speere und nahmen ihn wie Lanzen in Anschlag und wollte schon losstürmen. Doch Michael packte sie am Arm und zog sie mit aller Kraft hinter seinen Rücken.
„Hör auf, sei ruhig!“, sagte er beschwichtigend, „das hat keinen Sinn!“
„Los“, sagte er zu Olivia gewandt.
„Nimm die spitzen Speere und versuch, die Reifen zu treffen! Ich schieße mit den Pfeilen darauf!“
Michael, ihr bester Bogenschütze, ließ einen spitzen Pfeil nach dem anderen von der Sehne surren und Olivia unterstützte ihn. Sechs spitze Pfeile brachten er ins Ziel; sie noch einmal so viele Speere; sie trafen die mächtigen Reifen der Höllenmaschine, doch es fruchtete nichts.
„Es bringt nichts! Die Pfeile prallen einfach ab!“, krächzte Michael.
„Sinnlos“, sagte Olivia. „Sogar mit so einem angespitzten Speer kommt man nicht durch diese Reifen!“
Da hielt Gina nichts an ihrem Platz. Achtlos warf sie den Speer beiseite und stürmte vor, ihre beiden Freunde schneller zurücklassend, als sie noch irgend eingreifen konnten.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 10. Noch eine böse Überraschung

Wolkeninsel

Gina, Lea, Olivia und Michael rannten wie entfesselt über den Trampelpfad nach unten. Keiner achtete auf die spitzen Steine unter ihren nackten Fußsohlen, geschweige denn dass sie sie überhaupt spürten. Kurz vor dem Ziel wurden sie langsamer, fassten sich und atmeten durch, um die Gedanken zu klären. Um die nächste Biegung würden sie sehen können, was unten vor sich ging.
Bäuchlings krochen Gina und ihre Gefährten vor und im Schutz hoch aufgeschossener Grasbüschel spähten sie nach unten. Gina bewaffnete ihr Auge wieder mit dem Fernglas und glarte das wogende Grasmeer entlang, bis die Eindringlinge in ihrem Gesichtsfeld auftauchten.
Keine Monster aus außerirdischen Fahrzeugen waren dort unten zugange. Nein, dem ersten Blick nach zu urteilen waren es ganz gewöhnliche Männer, Erwachsene von der anderen Seite der Realität, dessen war sie sich sofort sicher. Sie trugen die Montur von Bauarbeitern, gelbe Kunststoffhelme saßen auf ihren Köpfen, weiße Trägerunterhemden spannten sich über ihre wettergegerbten Oberkörper, gierig gerauchte Zigaretten kippten in ihren Mundwinkeln auf und ab.
Aber dann flutete kaltes Entsetzen durch Gina, als sie einem der Männer ins Gesicht sah: weiß war es wie Magerquark, unbewegt wie tot. Und die Augen – genau das hatte sie schon einmal gesehen!! – waren entsetzlich ausdruckslos und schwarz.
Einer der totenblassen Männer wuchtete einen Bauzaun in die Höhe und verankerte ihn in der Erde. Der andere saß auf einem mächtigen Bagger, einer monströsen Maschine, bullig und breit, einem Koloss aus Stahl. Mit dieser Maschine hatte er begonnen, die Landzunge im wahrsten Sinne des Wortes aufzurollen; in einem breiten Streifen schälte das mächtige Blatt der Baggerschaufel das Gras wie Rollrasen ab und hob, nachdem sie sich etwa zehn Meter vorgefressen hatte, den abgerollten Grünstreifen auf. Dann wendete die Maschine, knatterte mit hämmerndem Motor zum Rand der Insel und kippte die grüne Last achtlos in die Tiefe, hinab ins Nichts. Dann wendete der Fahrer erneut und setzte sein Zerstörungswerk fort. Gina beobachtete es mit solchem Entsetzen, dass sie den Blick gar nicht mehr abwenden konnte. Erst ein hallendes Krachen ließ sie vor Schreck das Fernglas verreißen.
Mit einem Scheppern, das noch hier oben zu vernehmen war, war die Tür eines Bauwagens ganz vorn auf der Spitze der Landzunge aufgestoßen worden. Ein Mann sprang heraus und begann ohne jeden erkennbaren Anlass haltlos, mit rauer, sich überschlagender Stimme herumzuschreien und unverständliche Kommandos zu brüllen, als wäre er mit der Arbeit der Männer ganz und gar nicht zufrieden.
„Diese Stimme!?“, dachte Gina.
Sie suchte den haltlosen Schreihals mit den Linsen ihres Glases – und erstarrte von Neuem.
Denn es war niemand anderes als ihr eigener Vater!
Nach ein paar weiteren sinn- und besinnungslosen Brüllern wandte er sich wieder um, knüllte herrisch einen zusammengerollten Bauplan unter seinem linken Arm zusammen, stampfte über das Metalltreppchen zurück in den Bauwagen und schlug die Tür energisch hinter sich zu.
„Das konnte nicht sein!“, dachte Gina. Wie hypnotisiert setzte sie sich in Bewegung, so plötzlich und unvermittelt, dass keiner ihrer Freunde eine Chance hatten, sie zurückzuhalten.
„Gina, nein!“
„Was ist los?“
„Was hat sie?“, wisperte es hinter ihr, doch sie war schon auf dem Weg nach unten. So gut sie konnte, nutzte sie die Deckungsmöglichkeiten des Geländes, um den Blicken der beiden Arbeiter zu entgehen, erst einen Busch, dann ein Dixi-Klo, zuletzt einen Stapel von Bauzäunen. So schlich sie sich Stück um Stück zu dem Bauwagen hinüber, pirschte sich zu der Tür, hinter der ihr Vater soeben verschwunden war.
Mit pochendem Herzen schlich sie die schmale Metalltreppe hoch und blickte sich noch einmal um; außerhalb ihres Sichtfeldes ratterte die Maschine und die klingenden Schläge eines schweren Hammers auf die Metallrohre eines Bauzauns erklangen. Das überzeugte sie davon, dass die beiden Bauarbeiter sie nicht bemerkt hatten. Noch einmal atmete sie ganz tief durch. Dann klopfte sie gegen die Tür.
„Herein“, ertönte es von drinnen und Gina öffnete die Tür.
Auf einem schäbigen Plastikstuhl hockte ihr Vater an einem länglichen Tisch unter dem kleinen Seitenfenster des Bauwagens.
Und auf eben diesem Tisch stand – die alte Zuckerdose! Gina beachtete sie jedoch nur einen flüchtigen Augenblick, denn schon im nächsten Moment hefteten sich die Augen im leichenblassen Gesicht ihres Vaters auf sie. Die Augen waren genauso schrecklich und leer wie die der Männer, wenn nicht noch schlimmer, weil Gina doch genau wusste, wie die Augen ihres Vaters sie normalerweise anschauten.
„Was willst du hier, Kleine?“, fragte er Gina wie eine Fremde.
In den Augen war kein Wiedererkennen auszumachen. Eine Sekunde lang blieb Gina unbewegt stehen, hoffte und bangte, dass es genauso sein würde, wie vor Zeiten in der geträumten Küche, wo ihr Papa zwar auch drei Anläufe benötigte, um sie als seine Tochter zu erkennen, zuletzt aber doch noch ihren Namen aussprach. Doch diesmal konnte Gina lange warten, kein Zeichen des Erkennens stellte sich ein, nichts verriet, dass es wusste, mit wem er es zu tun hatte.
„Was ist“, sagte er schließlich ungeduldig, „antworte oder bist du etwa auf den Kopf oder auf den Mund gefallen?“
Die barsche und unhöfliche Anrede, wie von einem Wildfremden ausgesprochen, verunsicherte Gina, aber sie fasste sich schnell wieder.
„Ich möchte wissen, was Sie hier tun“, sagte Gina fest, „wieso zerstören Sie die wunderschöne Wiese und die Pflanzen, wo doch da all die Schnecken, Käfer und Ameisen leben?“
„Zerstören?“, sagte der Mann, „wir zerstören gar nichts! Wir bauen auf! Wir erschaffen etwas aus dieser ungezieferdurchlebten Wildnis, führen diese Ödnis einem profitablen Zweck zu!“
„Sie reißen mit ihrer furchtbaren Maschine das herrliche Meer aus Gras weg, verjagen oder töten die Tiere, die hier leben!“
Gina wurde warm im Gesicht und ein seltsames Gefühl begann in ihr zu wachsen.
„Ungeziefer“, blaffte er. „Wuselnde und stechende Insekten! Darauf können wir doch keine Rücksicht nehmen, wo wir doch Wichtigeres zu schaffen haben! Unsere Aufgabe ist es, hier Platz zu schaffen! Ebenen und aufgeräumten Raum werden wir der planlosen Pampa abgewinnen, damit andere kommen können, um eine schöne, große und fortschrittliche Fabrik zu bauen, in der viele Leute Arbeit, Lohn und Brot finden werden, eine Fabrik, in der sie all die Dinge herstellen werden, die alle Welt braucht und kaufen will: Computerteile oder vielleicht Suppendosen oder Metallzäune oder Autos mit Zwölf-Zylinder-Motoren, irgendetwas Nützliches und Gewinnbringendes auf jeden Fall.
Und da kommst du hier reingeschneit und erzählst was von Ungeziefer und Gras!“
„Aber -“, wollte Gina weitermachen, doch er unterbrach sie mit erhobener Hand, schwenkte die Hand in der Luft hin und her und schüttelte den Kopf.
„Du brauchst gar nichts Weiteres mehr einzuwenden!“, sagte er, fast wirkte er dabei ein wenig nachdenklich. „Es ist nämlich völlig egal, was du dazu denkst.Und es ist sogar egal, was ich dazu denke! Andere befinden darüber und treffen die Entscheidungen! Und basta!“
Er griff nach einer Thermoskanne in seiner Tasche, die an einem Bein des Tisches lehnte, schüttete etwas von der schwarzen, dampfenden Flüssigkeit in eine benutzte Henkeltasse. Der scharfe Geruch von stark geröstetem Kaffee stieg Gina in die Nase. Und mit einem Plastiklöffel schaufelte er aus der Zuckerdose Vogelsand mit einigen der schäbigen Münzen in die Tasse, als wäre es Zucker.
Gina schaute baff zu und musste dabei an einige der Aufschriften denken, erinnerte sich der hoch- und hohltönenden Stichwörter auf den ollen Münzen in der Zuckerdose auf dem Tisch des Baustellenwagens, die in sinnloser Zusammensetzung die unwiderstehlichen Zauberwörter aus der Welt der Erwachsenen wiederholten: „Profit“, „Ordnung“, „Gewinn“, „Nutzwert“, „Produktivität“…
Ihr Papa rührte in der Tasse und führte dann das widerliche Gebräu an den Mund und trank begierige Schlücke von der sandigen Plörre.
„Ah, tut das gut“, stöhnte er und setzte die Tasse ab.
Von dem Zaubertrank gekräftigt, stieg eine andere Idee in ihm auf und hastig griff er nach einem abgegriffenen Aktenordner, der an der Ecke des Tisches unter dem Bauwagenfenster lag.
„Hier, sieh die offizielle Anweisung vom Oberbauleiter“, sagte er triumphierend, „er hat´s angeordnet und alles ist entschieden!“
Er knallte den grauen Aktenordner auf den Tisch und zog ein gelochtes Stück Papier heraus und hielt es Gina vor das Gesicht. Es war weiß und vollkommen leer.
„Ja, der Beweis, jetzt sagst du nichts mehr!“, frohlockte er.
Gina schüttelte den Kopf, als könne sie damit diesen bösen Traum verscheuchen.
„Papa, Papa“, flehte Gina und das eigentümliche Gefühl, das in ihrem Inneren gewachsen war, verstärkte sich. Sie musste es anders versuchen, irgendwie anders.
„Weißt du denn nicht, wer ich bin?“, stammelte Gina leise und fühlte dabei, wie ihr Gesicht heiß und ihre Augen feucht und glasig wurden. „Ich bin deine Tochter, Gina, und du zerstörst meine Welt.“
Der Vater blickte sie aus schwarzen Augen an und beinahe glaubte Gina, endlich Erkennen und Verständnis in ihnen aufschimmern zu sehen.
Doch es war nur ein flüchtiger Augenblick, dann war es wieder weg.
Und das tote Gesicht brauste auf und verzog sich hässlich.
„Du kleine Wilde, schau dich doch an, halb nackig, wie du hier herumläufst, du willst meine Tochter sein?“, fragte er mit urplötzlich wutverzerrtem Gesicht und der Moment war vorbei, als habe es ihn nie gegeben, „du bist ganz sicher nicht meine Gina. Die ist zuhause und lernt fleißig, dass mal was aus ihr wird: Ärztin, Rechtsanwältin, Produktionsleiterin, irgendetwas Ordentliches und Gewinnbringendes auf jeden Fall – aber doch nicht du …“ Mehr und mehr schien er sich maßlos zu erregen, sodass ihn nichts mehr auf seinem schäbigen Stuhl hielt, nichts sehend, vor sich hinstierend lief in dem Bauwagen auf und ab. „Was glaubst du denn nur, unverschämte kleine Lügnerin, so eine verschmutzte Göre will sich bei mir als meine Gina ausgeben? Nein“, sagte er und starrte sie mit seinen leeren Augen an. „Niemals, dass ich nicht lache!“
Und damit riss er die Tür des Bauwagens auf und brüllte die beiden kräftigen Männer herbei. Der Maschinenlärm und die Hammerschläge verstummten und einen Moment später traten die beiden Bauarbeiter mit ihren Bauhelmen und Trägerunterhemden schwerfällig vor die Wagentür hin.
„Habt ihr keine Augen im Kopf?“, schnauzte Ginas Vater sie an. „Hier tobt ein Kind auf der Baustelle rum! Und jetzt wütet die Kleine sogar im Bauleiterwagen herum! Schafft sie weg! Und zwar schnell!“
Die beiden Männer bewegten sich wie Marionetten an ihren Schnüren, doch ihr Griff, mit dem sie Gina links und rechts an den Armen packten, war fest. Verständnislos starrte Gina ihren Vater an und konnte sich nicht mehr helfen; voll Zorn und Verzweiflung schrie sie, wandte sich und strampelte, wehrte sich nach Kräften gegen den eisernen Griff der Männer, doch es war nichts auszurichten. Für Augenblicke rang Gina noch mit ihrer Fassung, konnte aber nicht anders, als den Kampf verlieren. Schließlich rollten ihr heiße Tränen über das Gesicht.
„Papa“, murmelte sie, „Papa!?“ Wie war das nur möglich, sie konnte es nicht, sie wollte es nicht verstehen. Noch nicht.
Die Männer hoben sie ungerührt hoch und trugen sie davon, vorbei an dem neu errichteten Bauzaun, an dem ein gelbes Schild mit schwarzem Rand hing. Darauf stand:
„Betreten der Baustelle verboten! Kinder haften für ihre Eltern!“
„Verschwinde hier“, sagte einer der Männer mechanisch und anteilnahmslos. „Es ist gefährlich hier für Kinder! Siehst du nicht das Schild?“
Weit vor dem Zaun setzten sie Gina ab, wandten ihr die breiten Rücken zu und gingen davon.
Gina sank auf die Knie und weinte ohnmächtig.
Sie bebte am ganzen Körper, in mehreren, aufeinanderbrandenden Wellen rollte ein Schluchzen und Zittern durch ihren Leib, aber von Welle zu Welle spürte sie, wie sich dabei ihr Geist wieder langsam beruhigte.
Nach einer oder zwei Minuten hatte sich Gina wieder so weit im Griff, dass sie zurück zu ihren Freunden gehen konnte, die noch immer wie angewurzelt hinter dem Sichtschutz aus hohem Gras kauerten.
Noch während sie nach oben ging, spürte sie, dass der Weinkrampf ihre Gedanken so weit gereinigt und geklärt hatte, dass sie wieder völlig klar denken konnte. Ihre wurde klar, was hier vor sich ging und dass ihr Vater nur eingeschränkt verantwortlich war für das, was er hier tat und gesagt hatte.
„Sie träumen“, dachte sie, „sie handeln wie Träumende, die von ihren Trauminhalten hin und hergeworfen werden, umhergewirbelt werden wie ein kleines Schiffchen im tobenden Sturm! Man sieht es an ihren Augen, sie erkennen nichts und sehen in leeren Blättern Handlungsanweisungen!“
Mit erneut aufloderndem Zorn blickte sie zum Himmel auf, als sie die Böschung hinaufkrabbelte.
„Dafür also braucht IHR Traumportale“, sagte sie leise. „Um bewusstlos träumende Menschen hierher zu zerren, Erwachsene, die so in ihre Vorstellungen eingesponnen sind, dass sie für EUCH ausführen müssen, was IHR nicht selbst tun könnt, weil IHR, denen alles nutz- und wertlos ist, was das Sein schön und lebenswert macht, vielleicht schon seit Millionen Jahren zu einem endlosen Todesleben erstarrt seid! Zu großen, teerverklebten Steinen seid IHR geworden, die keinerlei eigene Fähigkeit mehr besitzen außer der, EURE bösen Gedanken des Zornes und der bodenlosen Nichtigkeit in die Gehirne anderer einzupflanzen!“
Als Gina den oberen Rand der Böschung erreicht hatte, richtete sie sich zu ihrer vollen Körpergröße auf, blickte zum Himmel hoch und drohte IHNEN mit der Faust.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 9. SIE

Wolkeninsel

Die zahllose Male durchdachten Abläufe für den Tag X halfen, Panik zu vermeiden. Das war ein zusätzlicher Vorteil von unschätzbarem Wert. Alles lief wie ein perfekt geöltes Uhrwerk. In der Mitte des Lagers loderte das Feuer, entrindete, kerzengerade Äste lagen, die angespitzten Enden, kreisförmig in der Glut. So entstanden Speere mit feuergehärteten Spitzen. Darüber hinaus vermochten die vier Insulaner zwei weitere Waffengattungen aufzubieten: Pfeile, nach dem gleichen Verfahren gehärtet wie die Speere, und Bogen sowie aus Astgabeln gefertigte Steinschleudern, die aus Bauchtaschen mit kleinen Flusskieseln bestückt wurden. So schickten sich die Kinder mit primitiver, aber nicht ganz nutzloser Bewaffnung an, ihr kleines Reich gegen einen Feind unbekannter Art, Anzahl, Größe und Fähigkeit zu verteidigen. Wieder führten sie mit vor Konzentration angespannten Gesichtern Zielübungen auf Zielscheiben durch, die aus Schilf und Gras geflochten waren. Essen, ruhen, üben, die fertiggestellten Speere und Pfeile zu tragbaren Bündeln zusammenstellen, das Lager unkenntlich machen, Tarnfarben für Gesichter und Körper aus Erde und Pflanzensäften anrühren, alles dies vollzog sich in weitgehend wortlosem Einverständnis. Auf diese Weise verstrich der Tag der Vorlaufzeit, die ihnen die Aufzeichnungen der Buchrolle zusicherte, ehe das Ende begann.
In der Nacht zwangen sich alle in ihre Decken und lagerten sich um das Feuer, das nun sicherheitshalber in einer den Schein abblendenden Erdgrube brannte. An richtigen Schlaf war im Grunde nicht zu denken und wurde gänzlich unmöglich, als Mitternacht überschritten war. Das Brummen schwoll ab diesem Zeitpunkt zu einem Lärm an, den beim besten Willen niemand mehr ignorieren konnte. Die Lärmquelle wanderte langsam von dem Raum unterhalb der Insel zu ihren Seiten hinauf und positionierte sich letztlich in einer bestimmten Höhe über der Insel. Ängstlich spähten die Kinder zum nächtlichen Himmel auf. Irgendetwas, schwärzer als schwarz, verdeckte an einer Reihe von Stellen am Himmel die Sterne. Und es brummte, als schwebten riesenhafte Hornissennester in gut hundert Metern Höhe im Luftraum über der Wolkeninsel.
Doch erst im Licht der frühen Morgendämmerung wurde erkennbar, was geschehen war. SIE – waren es SIE? – waren eingetroffen.
SIE sahen aus wie kantige und schartige Brocken zerschlagenen Straßenasphalts, schwarz und porös schimmerten sie, als seien sie von einem dünnen Schmierfilm übelriechenden Altöls überzogen. Wie ungeformte Asteroiden, an den breitesten Stellen gut und gern fünfzig Meter im Durchmesser, hingen sie in ineinander geschachtelten Kreisen aufgereiht in der Luft um die Insel und rotierten träge, aber allesamt im gleichen Rhythmus um den eigenen Schwerpunkt.
„Sind es Schiffe?“, fragte Lea leise und mehr zu sich selbst.
Wenn es fremdartige Flugschiffe waren, würden ihnen dann bald entsetzliche Wesen entströmen und eine Invasion der Insel anlaufen?
Endlich stieg die Sonne über den Horizont und bahnte sich ihren Weg ins erstrahlende Blau. Die ekelhaften Teerklumpen am Himmel wurden entsetzlich deutlich, sahen von der Sonne direkt beschienen noch weit missgestalteter und hässlicher aus als im Zwielicht; Fremdkörper waren sie; sie gehörten der ewigen Nacht an; hier gehörten sie nicht her. Zwar änderte sich rein äußerlich nichts an ihnen, doch konnte man spüren, dass von ihnen eine Ausstrahlung wie von bösen, übelwollenden Gedanken ausging, die einem kalte Schauer über den Rücken jagten, sobald sie einen wie anbrandende Wellen trafen.
Gina suchte, einen kühlen Kopf zu bewahren, und wandte sich an Olivia.
„Hol das Fernglas“, kommandierte sie.
Akribisch suchte Gina IHRE Oberflächen der Reihe nach mit dem Fernglas ab, doch die toten, grindigen Krusten zeigten keinerlei Bewegung und auch keine Ansätze von Öffnungen, durch die irgendwelche Insassen diesen schrecklichen Himmelsgefährten entsteigen könnten.
Lange sagte Gina nichts zu ihren Beobachtungen.
„Und? Was siehst du?“, drängte sie schließlich die nervösen Stimmen ihrer Kumpanen.
Gina blickte in die Runde.
„Was soll ich da sehen“, sagte sie, „Nicht mehr als ihr mit bloßen Augen!“
„Nichts, gar nichts“, fügte Gina noch hinzu, doch ihre nichtssagende Antwort wurde von einem donnernden Lärm geschluckt und von keinem ihrer Freunde vernommen.
Erschreckt wirbelten die Kinder herum und blickten gehetzt Richtung Westen, von woher der Krach zu ihnen gedrungen war. Zugleich setzten sich ihre Beinpaare in Bewegung und rannten durch das kleine Wäldchen, rasten den Serpentinenweg hoch und starrten oben zu der Landzunge, dem westlichsten Ausläufer der Insel hinüber. Eine Säule schwarzen Rußes stieg dort kerzengerade zum Himmel auf. Und dann erkannten sie das Geräusch: Ein mächtiger Dieselmotor war donnernd gezündet worden und tiefes Maschinenröhren, Rattern und Knattern wehte durch die Luft zu ihnen herüber.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 8. Zeit des Übergangs

Wolkeninsel

Eine knappe Stunde, nachdem Gina und Lea ins Lager zurückgekehrt waren, kamen Michael und Olivia von ihrem Rundgang zurück. Gina erzählte ihnen, dass – mit Ausnahme des Rochens, der sich mit dem Ankerstein vereinigt hatte – keine weiteren Auffälligkeiten zu verzeichnen gewesen seien.
„Wir sind“, berichtete Michael, „bis zu den Schilfteichen im Norden und von dort aus über den schmalen Pfad hinter den Bergen entlang bis zu den südlichen Mooren gegangen. Dort haben wir über den Steilhang nach unten geblickt, weil wir hofften, vielleicht etwas von der Quelle dieses Geräusches auszumachen. Aber ich kann nicht sagen, dass wir irgendetwas Besonderes gesehen hätten.“
„Höchstens, dass das Geräusch etwas leiser geworden ist“, ergänzte Olivia hoffnungsvoll.
„Geräusche erscheinen in der Nacht lauter und sind kilometerweit zu hören“, sagte Lea. „Tagsüber erscheinen sie zurückgenommener. Da wir keinen Dezibelmesser haben, können wir das nicht feststellen!“
Niemand wollte Lea zu weiteren ermutigenden Ausführungen anregen. Daher widersprach ihr keiner.
„Wie auch immer! Es gibt nichts, was wir heute noch tun können“, schlussfolgerte Gina. „Die Wächter haben für heute ihre Aufgabe erfüllt. Nachdem wir gegessen haben, sollten wir etwas ruhen.“
Alle leisteten diesem Vorschlag bereitwillig Folge, denn inzwischen hatte die Sonne den Mittagspunkt schon weit überschritten und es dürfte gegen drei Uhr Nachmittag gehen. Nachdem sie Fladenbrote mit Beerenmus verspeist hatten, zogen sich die übrigen an den Fischweiher zurück. Dort dösten sie nahe bei den Gärten, wo die Kartoffeln und die Tomaten und der Löwenzahn wuchsen, im Schatten der überhängenden Silberweide am Ufer oder gingen schwimmen zwischen dem Schilfrohr im seichten Wasser. Obwohl Gina selbst Ruhe verordnet hatte, fühlte sie sich gar nicht danach. Sie sonderte sich bald ab und trug den Sack mit den Hirsekolben zu den ungeduldigen Wellensittichen. Gina war froh, dass sie niemand auf diesen einsamen Marsch begleiten wollte. Sie nutzte die Unternehmung, um ihre Gedanken zu sortieren.
Buchrollen und Zuckerdosen gingen ihr durch den Sinn und nur zu gerne ließ sie sich deshalb von den Vögeln für ihre nachlässige Fürsorge ausschimpfen, wie sie es verdient hatte. Mit Heißhunger stürzten sich die blauen und grünen Vögel auf die Hirse und waren ganz ausgelassen; für sie war es ein ganz normaler Tag. Nichts schien sie zu beunruhigen. Und das beruhigte dann auch Gina. Ein wenig.
Der nächste und der übernächste Tag verliefen nicht anders. Nur dass sie, als Lea und sie am übernächsten Flug wieder an der Reihe waren, nur einer Hand voll weitläufig versprengter Rochen begegneten, die ohne Interesse an ihrer Gegenwart im Wind trieben.
„Muss nichts heißen“, meinte Lea – Gina staunte insgeheim über diese merkwürdige Umkehrung der sonst üblichen Rollenverteilung – „wie oft hatten wir das schon, dass wir die Rochenschule verpasst haben und die große Masse der Tiere ganz einfach woanders war.“
Es war eine Erklärung, aber Gina war sich dessen nicht so sicher.
Am dritten Tag stieg Gina in den Bauch der Insel in der Hoffnung, dem seltsamen Brummen, das nach wie vor und wie es schien immer aufdringlicher zu hören war, auf den Grund zu gehen. Sie kraxelte, eine Fackel aus geölten Tüchern in der Rechten, durch die Klüfte und kroch durch felsige Maulwurfgänge. Nachdem sie gut drei Stunden in der Dunkelheit zugebracht hatte, war sie sich sicher, dass der Ton nicht aus den Eingeweiden der Wolkeninsel erklang, sondern weit darunter aufstieg. So kletterte sie in den Schacht, der zur Kaverne am tiefsten Punkt der Insel führte. Und da war es sonnenklar. Wie in einem Schalltrichter bündelte sich in dem birnenförmigen Hohlraum das sonore Geräusch, das aus dem Nichts unter der Insel drang. Der wie ein Glocke surrende Hohlraum versetzte die gesamte Insel in Schwingung, sang wie die Dampfpfeife eines alten Ozeankreuzers und, durch das Gestein übertragen, drang der Schall nach oben. Diese Entdeckung erzeugte ein äußerst ungutes Gefühl in Ginas Magen. Bedrückt machte sie sich auf den Weg zur Oberfläche, trottete dort über die mageren Wiesen am Grund der Schlucht zu dem kleinen Wäldchen zurück, das ihr Lager beherbergte.
Im Lager steckten schon alle die Köpfe zusammen, denn Gina war nicht die Einzige, die Neuigkeiten mitbrachte. Sie ahnte schon, dass es die Art von Nachrichten war, die sie alle befürchtet hatten.
„Die Rochen sind endgültig verschwunden, keine Spur mehr von ihnen, weit und breit“, sagte Michael.
Endlich also war es soweit, dachte Gina und das grässliche Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich, der letzte Tag war angebrochen.
„Und noch etwas anderes ist da – mindestens genauso seltsam!“, fuhr Michael fort. „Der Ankerstein: Er ist begrünt und atmet voller Leben. Er ist jetzt kein öder, toter Stein mehr! Und eine kleine Quelle sprudelt aus einer der vielen komischen Narben an seiner Oberfläche! Auch scheint er zu wachsen, irgendwie in die Breite zu gehen! Wisst ihr was? Ich glaube, da wird eine neue Insel draus; da wette ich drauf!“
Das wäre in der Tat eine erstaunliche Nachricht gewesen, wenn sie Zeit gehabt hätten, sich darüber klar zu werden. Ohne es zu wissen, hatte Gina die Geburt einer neuen Insel miterlebt, die zugleich und immer dann entsteht, wenn auf der Erde Mutter und Vater sich im Innersten berührt haben und ein neuer Erdenbürger sich entwickelt. Aber jetzt stand ihr nicht der Sinn danach, über dieses Wunder nachzusinnen. Ohnehin war Michael noch nicht ganz fertig.
„Und ebenfalls ziemlich seltsam“, sagte er, „der Ankerstein scheint sich in Bewegung gesetzt zu haben; er treibt in Südrichtung davon. Bemerkenswert schnell sogar! Noch zwei oder drei Tage, schätze ich, und er wird von der Südroute verschwunden sein!“
„Wenn er zur Insel wird, ist es wahrscheinlich besser, dass er sich davon macht – wie die Rochen auch!“, sagte Lea. Es klang pessimistisch, doch wahrscheinlich hatte sie diesmal vollkommen recht! „Immerhin, dann werden wir jetzt ja endlich erfahren, wer oder was SIE sind!“

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 7. Der Ritt auf dem ersten Sonnenstrahl

Wolkeninsel

Als ob die Wächter (überflüssigerweise) noch einmal eindringlich daran erinnert werden müssten, dass sich bald vieles ändern würde, blieb Ginas Rückkehr aus dem Strudel nicht die einzige Besonderheit dieses Tages. Wenige Stunden, nachdem sie sich schlafen gelegt hatten, fing in dieser Nacht das Brummen an. Urplötzlich begann ein gleichförmiger, surrender Ton, der aus großer Tiefe aus dem Boden zu dringen schien, die Luft zu erfüllen, leise genug, dass er den Schlaf nicht unmöglich machte, laut genug, um als beunruhigende Veränderung deutlich wahrgenommen zu werden.
Das fremdartige Geräusch trieb die Wächter früher als üblich aus ihren Deckenlagern. Die unheimliche Neuheit traf sie ohne jede Vorbereitung und keiner konnte sich einen Reim darauf machen. Sie nahmen nur einen kleinen Imbiss zu sich, denn sie mussten umgehend herausfinden, ob es etwas mit IHNEN zu tun hatte. Lea und Gina würden den Ritt unternehmen, die anderen das Lager in Ordnung bringen und dann später zum Rundgang über die Insel aufbrechen.
Eilenden Schrittes brachen Lea und Gina zu den Bergen auf, die sich schwarz vor der Morgendämmerung abzeichneten, jagten dem höchsten Punkt der Insel zu. Ihre durchtrainierten Muskeln bewältigten den gewohnten Aufstieg auf das felsige Gipfelplateau klaglos, doch die Stimmung war beklommen. Sonst erfüllte die Aussicht auf den magischen Ritt ihre Herzen mit Freude und „Reiterpaar“ zu sein, galt als die Aufgabe, um die sich jeder riss und um die auch Streitereien entbrannt waren, bis die beiden Paarkombinationen fest geregelt und der tägliche Wechsel der Paare eingeführt wurde. Heute jedoch kreiste nur die Frage, was sie da draußen vorfinden oder vielleicht nicht mehr vorfinden würden, in ihren Köpfen.
Unterhalb des Gipfels, auf einem kleinen dreieckigen Flecken, stand windgeschützt die alte Linde mit den Wellensittichhöhlen. Gina fiel schuldbewusst ein, dass sie den Sack mit den Hirsekolben im Lager vergessen hatte. Zwar versorgte sich die Vogelfamilie auf der Insel selbst, doch Hirsekörner waren dennoch heiß begehrt. Noch war Ruhe im Baum, keiner ihrer Schützlinge war zu sehen, wohl ruhten noch alle in den Höhlen des Baumes oder saßen, von unten unsichtbar, die Köpfe unter die Flügel gesteckt, irgendwo in den dichten Blättern der Baumkrone. Später, wenn Gina vom Ritt zurückkam, würden die Vögel bestimmt alle nach Wellensittichart gehörig mit ihr schimpfen, weil sie den Futtersack vergessen hatte.
Nach wenigen Schritten erreichten Gina und Lea das kahle Gipfelplateau, wo der morgendliche Wind frisch über das gelbe und braune Sandsteingeröll pfiff. Am äußersten Rand der freien Fläche standen zwei turmförmige Sandsteine, Menhire, aufrecht nahe nebeneinander. Sie markierten den Aufgangspunkt der Sonne am Mittsommertag. Und auf der Insel war jeder Tag Mittsommertag. Die schmale Spalte war von unten her bereits hellrot erleuchtet.
„Gleich ist es soweit“, sagte Lea mit Spannung.
„Bereit?“
„Bereit“, bestätigte Gina.
Sogleich würde die Morgenröte verblassen und das Licht der aufgehenden Sonnenscheibe durch den Spalt kanalisiert werden.
Ein Strahl weißen Lichts, am Rand regenbogenfarben gestreut, trat durch den Spalt. Gleichzeitig sprangen die beiden Mädchen auf den Strahl auf und wurden fortgetragen vom Strom des Lichts. Gina stand vorne. Lea unmittelbar in ihrem Rücken. Lea juchzte aus ganzem Herzen hinter ihr. Die Füße parallel gegen die Flugrichtung gestellt, als stünden sie zu zweit auf einem Surfbrett, jagten sie dahin. In beständigem Fluss strichen die Lichtteilchen unter ihren Fußsohlen vorbei und trugen sie binnen Sekunden vom Berggipfel weg über die Wiese weit unten und über den äußersten Rand der Insel hinaus in die blaue Einsamkeit des Himmels. Das Gewicht auf den Fußsohlen verlagernd konnten sie die Richtung des Ritts ungefähr beeinflussen, wenngleich die Richtungskontrolle recht träge reagierte und man sich daran erst einmal gewöhnen musste. Der Flussrichtung der Lichtteilchen musste man sich anpassen und mit ihr arbeiten, das war das A und O.
Alsbald war um sie nur der leere Himmelsraum, über ihnen, unter ihnen, nach allen Seiten sich ausweitende Unendlichkeit. Die Haare peitschten ihnen im Flugwind um die Ohren, die voll Windheulen und Rauschen waren.
„Heute ist es die Nordroute“, rief Gina gegen den Lärm an. Wollten sie jemals zur Insel zurückkehren, mussten sie gleich einem Kometen im Sonnensystem eine langgezogene Ellipse fliegen, indem sie ihr Körpergewicht langsam stärker werdend immer mehr auf die Fersen verlagerten. Dann würden sie bei der Kolonie oder knapp dahinter den Wendepunkt ihrer Bahn erreichen und, gegen den Uhrzeigersinn treibend, den trägen Teilchenstrom zurück zum Ausgangspunkt dirigieren können. Manchmal, wenn es über die Südroute ging, mussten sie auch das Umgekehrte tun, doch merkwürdigerweise wusste man nie im Voraus, welchen Weg der heutige Morgen bringen würde. Und egal wie, irgendwann wurde es auf jeden Fall immer sehr sehr anstrengend, immer dieselbe Lagerung des Körpergewichts beizubehalten. Nach einer guten Stunde Flug war man vollkommen kaputt.
„Nordroute“, sagte Lea, die jetzt die Arme ausbreitete, um ihr Gleichgewicht zu verbessern, „dann wirst du aber heute keinen Zwischenstopp am Ankerstein machen! Bis wir dort sind, bin ich schon zu fertig für diese Spielereien!“
„Mal sehen“, grinste Gina in sich hinein und hörte Lea in ihrem Rücken nur leise stöhnen. Und obwohl sie es nicht sah, wusste sie, dass sie hinter ihr die Augen verdrehte.
Eine Viertelstunde später stießen sie durch erste Nebelbänke hindurch. Es waren die ersten Ausläufer jener dicken watteweißen Wolkentürme, in denen die Wolkenrochen lebten.
Voller Erleichterung hörten sie die Tiere, noch bevor sie sie sahen. Ein melodisches Singen wie von Walen. Sie waren also noch da!
Dann tauchen sie neben ihnen und über ihnen auf. Elegante Tiere, flach wie Papierdrachen und ganz ähnlich geformt, aber mit bis zu drei Metern Spannweite. Zuoberst waren sie blaugrau, zuunterst reinweiß. Und hinten liefen ihre stromlinienförmigen Körper in einen langen, mit einer Flosse zum Steuern besetzten Schwanz aus. In ausgelassenen Sprüngen tollten und tummelten sie neben den beiden Mädchen her, umkreisten sie in eleganten Schwüngen, ehe sie abließen und zurückfielen und andere Tiere neugierig ihre Stelle einnahmen; sich rufend und antwortend in vielstimmigem Gesang. In Schwärmen zu Hunderten spielten sie in den Wolken, ihrem Zuhause. Gina und Lea waren von Herzen froh bei diesem Anblick. Noch war alles in Ordnung, noch war alles im Lot. Wenn die Tiere noch da waren, bedeutete das, dass auch von dem brummenden Ton, der seit heute Nacht auf der Insel erklang, so seltsam und unergründlich er auch war, fürs Erste keine unmittelbare Gefahr ausging.
Auf der anderen Seite der Wolken schossen Gina und Lea hinaus ins Blaue, fanden zehn Kilometer weiter draußen den Wendepunkt, tauchten durch die von singenden Drachen bevölkerten Wolken zurück und schwenkten auf die Südroute ein, die sie heimwärts führte.
Auf halbem Weg zurück kam der Ankerstein in Sicht, ein kleiner runder Steinbrocken gleich dem winzigen Planeten des kleinen Prinzen, der einsam im Himmel schwebte.
„Und, wie sieht es aus?“, fragte Gina. „So anstrengend war´s doch heute nicht, dass das nicht auch noch drin ist?“
„Es wird dich doch sowieso keiner abhalten können. Was fragst du also noch?“, sagte Lea schicksalsergeben. Immer ist sie ein wenig miesepetrig und sieht nur zu gerne schwarz, dachte Gina wieder, aber am Ende macht sie doch alles mit; eine beste Freundin eben, die die Macken ihrer besten Freundin geduldig hinnahm und ertrug.
Gleichzeitig verlagerten sie das Gewicht hart nach vorn und standen nun wie Balletttänzerinnen auf den Zehenspitzen und ruderten mit den Armen, um die Balance zu halten. So jagten sie links am Ankerstein vorbei und zwangen sich, auf dem Lichtstrom balancierend, in eine weite Umlaufbahn um den kleinen Planeten. Mit jedem rasanten Umlauf brachten sie die Bahn an einer Stelle immer näher an den Planeten heran, bis Gina aus zwei Metern über der Oberfläche absprang, während Lea nun ganz allein die Schwünge um den Ankerstein kontrollierte. Noch nie war Lea auf den Ankerstein heruntergegangen. Und das würde sie wohl auch nie, nachdem sie Gina einmal einen Tag und eine Nacht dort zurücklassen musste, weil Gina das Wiederaufspringen auf den um den Ankerstein jagenden Lichtbogen nicht gelungen war. Total erschöpft musste Lea irgendwann aufgeben und ohne Gina zur Insel zurückkehren. Erst als Lea am anderen Morgen wiederkam, gelang Gina die Rückkehr. Zum Glück hatte es in der Nacht ein wenig geregnet, sodass sich in einem der kraterartigen Mulden des Kleinplaneten Wasser sammeln konnte. Sonst hätte Gina auf der kargen und unwirtlichen Kleinstwelt nicht nur Hunger, sondern auch noch Durst erleiden müssen.
Gina ging einmal um die kleine braune und völlig unbelebte Felskugel herum, stand oben aufrecht und auf der Unterseite des Planeten im Kopfstand und musste lachen. Es war so herrlich, dieses kleine Spiel zu treiben! Schließlich griff sie nach der kleinen Ledertasche an ihrer Seite und holte ein kleines Fernglas heraus. Der Stopp am Ankerstein sollte ja nicht nur ihrer persönlichen Erbauung dienen (das hätte Lea dann auch nicht mitgemacht!), sondern war Teil der Aufklärungsarbeit der Wächter! Mit dem Fernglas starrte sie rundum ins Blaue, entdeckte gut fünfhundert Meilen östlich ihre Insel, die, von hier aus selbst im Fernglas nur als winziger Fleck erkennbar, friedlich an ihrem angestammten Platz schwebte. Alles war unverändert. Das Geräusch, das in der Nacht aufgetreten war, schien vorerst das Einzige zu sein, was in irgendeiner Weise auf Veränderungen oder Neuerungen hinwies. Zweimal drehte sich Gina um ihre Achse und sah nichts als Blau und Weiß, bis sie bei der dritten Umdrehung an einem bewegten schwarzen Fleck hängen blieb, der sich von Westen her näherte! Kurz setzte sie das Fernglas ab, rieb sich die Augen und blickte zu Lea auf, die auf dem weiß gestreuten Lichtbogen um den Ankerstein jagte. Sie hob die Hand als Zeichen, dass sie etwas entdeckt hatte; Winken hätte bedeutet, dass Lea sich nun wieder so nah an den Ankerstein begeben sollte, dass Gina wieder aufspringen konnte.
„Was ist los da unten?“, schrie Lea, aber Gina hob nur die Schultern zur Antwort. Sie wusste es selbst nicht. Noch einmal rieb sich Gina konzentriert die Augen und hob dann das Fernglas. Da war es wieder – und sie erkannte jetzt einen sich schnell nähernden Wolkenrochen. Er hatte sich von der Gruppe getrennt. War er ihnen bis hierher gefolgt? Oder hatte er den Anschluss verloren und sich verirrt?
Geradlinig, geradezu zielstrebig, hielt er auf den Ankerstein zu. Er hatte sich nicht verirrt. Und um Lea oder sie ging es ihm ganz offenkundig auch nicht! Der Rochen stieß geradewegs auf den kleinen Planeten vor und verschwand unter der Wölbung der Horizontlinie dieser winzigen Welt. Gina sprang vorwärts, war nach wenigen Sprüngen über die gekrümmte Horizontlinie hinaus und sah jetzt erstaunt, wie sich das Tier, den Kopf voran, wie ein Pfeil in die Oberfläche des kleinen Planeten bohrte. Es zappelte und wand sich und schlug mit dem Schwanz wie mit einer Geißel um sich, bis es den Widerstand der felsigen Oberfläche gebrochen hatte und im Inneren des Planeten verschwand. Sofort zerbröselte die braune Steinfläche an der Stelle des Eintritts und nur ein kleines kraterartiges Loch blieb zurück. Gina stand wie angewurzelt da und starrte mit offenem Mund auf das Loch. Das war doch etwas Neues und Überraschendes. Und noch Überraschender: Unter ihren Füßen ertönte jetzt der Gesang des Rochens aus dem Kern des kleinen Planeten! Ein fröhliches Lied voller Lebensfreude, ganz anders als das freudlose Brummen, das auf ihrer Insel erklungen war. Gina hörte noch einen Augenblicke lang (sie wusste, dass sie ihre Freundin nicht mehr all zu lange schmoren lassen durfte!) gebannt und verwundert zu, ehe sie Lea winkte, damit sie sich bereit machte, um sie wieder aufzunehmen.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 6. Die Buchrolle in der Höhle

Wolkeninsel

Am abendlichen Lagerfeuer musste Gina genauer von ihrem Abenteuer berichten und darüber, was sie herausgefunden hatte. An Holzstecken brieten die Forellen aus dem kleinen gestauten Teich, sie dufteten herrlich, und in den Kohlen garten die Feuerkartoffeln.
„Es war, wie wir vermutet haben. SIE haben mir drüben ein Traumportal geschickt. Aber abgeschnitten und vereinzelt, wie man dort nun einmal ist, habe ich es nicht erkannt. Und als ich mich selbst schließlich gefunden hatte, war es nicht da und die andere Gina hatte es auch nicht bei sich oder konnte mir sagen, wo es ist. Vermutlich steht es noch auf der anderen Seite auf der Fensterbank meines Zimmers.“
„Aber wenn es noch da ist“, sagte Lea, ein Mädchen, mit dem sich Gina vor vielen Jahren im Urlaub am Gardasee angefreundet, aber in der realen Welt danach nie mehr gesehen hatte, doch auf der Wolkeninsel hatte sie diese Freundin nie verloren, „dann heißt das doch, dass -“
„Dann heißt das, dass noch einer oder mehrere kommen müssen, richtig!“
„Aber zu welchem Zweck?“, fragte Olivia. „Keine Idee!“, beantwortete sie nach einem Augenblick selbst ihre Frage. Lea schüttelte den Kopf.
„Davon steht nichts in den Aufzeichnungen.“
„Richtig, es sei denn, die Aufzeichnungen sind falsch oder wir haben sie fehlerhaft gedeutet!“, warf Michael ein, während er seinen Fisch über den rot flackernden Flammen wendete. „Aber wir haben sie tausendmal gelesen. Und es ist unwahrscheinlich, dass es so ist.“
„Da ist nichts falsch zu deuten“, meinte Lea kurz angebunden. „Vielleicht sollen wir es gar nicht richtig wissen. Schließlich sollten wir auch fragen, wer die Aufzeichnungen dort hinterlegt hat und zu welchem Zweck. Womöglich sollen sie uns ja auch in die Irre führen!“
„Bis jetzt waren sie sehr hilfreich“, schritt Gina ein. „Ohne sie hätten wir nicht gewusst, wie ich mit dem violetten Strudel umgehen soll. Und wenn du meinst, SIE hätten sie geschickt, wieso hätten sie uns vor sich selbst warnen sollen und uns die Hinweise mit den Wolkenrochen geben sollen, dass wir vorab erkennen können, wann sie erscheinen! Das gäbe doch keinen Sinn!“
Lea nickte etwas widerwillig.
„Außerdem macht die Frage nach irgendwem, der sie hinterlegt haben könnte, auf der Insel keinen Sinn. Denn in einer Welt, die der des Traumes so ähnlich ist, hat alles ganz einfach im Kopf seine Ursache. Deshalb war die Felsenkammer mit der Buchrolle erschienen, ganz einfach, weil es so sein musste und wir die Informationen brauchten!“
„Ich hoffe, du hast Recht!“, meinte Lea.
„Sie hat Recht“, meldete sich Michael wieder zu Wort. „Und es ist doch sonnenklar, warum die Buchrolle jetzt nicht mehr weiterhilft! Die Aufzeichnungen reichen nicht über den Zeitpunkt hinaus, an dem SIE anfangen, die Portale zu verteilen! Danach gibt es keine Informationen mehr, außer der, dass das Ende kommt!“
„Sehr ernüchternd“, grunzte Lea. Immer sah sie alles schwarz, dachte Gina, aber das war nun einmal ihre Art; alle hatten sich inzwischen daran gewöhnt und wussten meist damit umzugehen.
„So werden wir sicher nicht erraten, was SIE im Schilde führen“, sagte Gina entschieden, „indem wir anfangen, uns über die Einzelheiten zu streiten. Aber es wird bald losgehen. Und wann es sein wird, das zumindest werden wir es immerhin ganz genau erkennen können. Es wird ganz sicher bald, sehr bald losgehen!“
Michael zog seinen Stecken vom Feuer weg, grub mit dem anderen Ende eine große Kartoffel aus der Glut frei und prüfte sie mit dem spitzen Ende des Spießes.
„Fertig“, sagte er.
Sie aßen jetzt schweigend von den Forellen aus dem Stauteich und Salat von Löwenzahn. Und die ganze Zeit über dachte Gina an die Rolle, die sie vor Wochen in einer der Höhlen unter der Insel entdeckt hatten. Sie lag in einer Kammer auf einem steinernen Sockel unter einem gut zwanzig Meter langen künstlichen Lichtschacht, der sie mit der Helligkeit der mittäglichen Sonne beschien. Durch diese Rolle hatte sie ihr anderes Ich in der Welt der Erwachsenen gefunden und mit sich nehmen können. Und sie sagte ihnen auch, woran sie IHRE Wiederkunft mit wenigstens einem Tag Vorlaufzeit erkennen könnten:

„Reite auf den ersten Sonnenstrahlen und schaue nach den Kolonien der Wolkenrochen, den Delfinen der Lüfte, findest du sie, besteht keine Gefahr. Denn wie die Tiere des Landes das Erdbeben oder den Vulkanausbruch vorab spüren und aufgeregt das Weite suchen, so schwinden die Rochen von ihren angestammten Plätzen, wenn SIE nahen.“

Jeden Morgen aufs Neue prüften sie seither die Kolonie dieser seltsamen Tiere, die sie gut tausend Seefahrermeilen westlich der Insel in den Luftmassen entdeckt hatten. Es war seitdem das erste Werk der Wächter an jedem neuen Tag.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 5. Die Wolkeninsel

Wolkeninsel

Gina stand auf einem Bett aus Wolken, weich, luftig und warm, von überirdischer Beschaffenheit, nichts Vergleichbares hatte sie je unter ihren nackten Füßen verspürt. Auf der Wolkenoberfläche trieb sie sacht dahin, auf einen länglichen Ausläufer der Wolkendecke hin, der wie eine Pfeilspitze in das stählerne Blau des Himmelsraums hinausragte. Wie sie langsam näher trieb, bildete sich am äußeren Rand der Wolkenspitze eine Luftverwirbelung, erst völlig durchsichtig und einige feine Dunstfäden spiralig mit sich reißend, dann aber fester und undurchdringlicher. Über der Spitze entstand ein tunnelförmiger Farbwirbel in dunkelblau und tiefem Violett, der sie aufnahm. Mit angstlosem Erstaunen trieb Gina in den Wirbel ein, tauchte, ohne ihr eigenes Zutun in die Bauchlage gleitend, hindurch, nicht etwa rasant wie in der Röhre einer Wasserrutsche, in der sie immer ein flaues Gefühl im Magen bekam, sondern sanft und langsam wie eine Feder. Nachdem sie durch den Wirbel hindurchgetreten war, schwamm sie, nun mit einem leichten Drall nach vorn nach unten sinkend, scheinbar wieder im Blau desselben Himmels. In der Sinkrichtung aber gewahrte sie jetzt eine kleine, grüne, bergige Insel, die in dem Himmel schwebte, über der Insel das stahlblaue Firmament, knapp unter ihr jedoch gähnte das unendliche, schwarze Nichts, still und unbewegt, doch irgendwie furchterregend anzusehen. Der Sinkflug verschnellerte sich, sodass die Oberfläche der Insel bald ihr gesamtes Blickfeld einnahm und das unheimliche Schwarz unter der Landmasse verschwand. Schließlich setzten ihre Fußsohlen weich auf einer grasbewachsenen Landzunge der sattgrünen, hügeligen Insel auf. Wie auf einer Hochebene im Gebirge stoben Windböen durch das Meer hohen Grases, das wie Wellen auf dem brausenden Ozean bewegt zu sein schien. Es war weder kalt noch warm, sondern einfach nur vollkommen angenehm. Und sie fror nicht, obwohl Gina erkannte, dass sie nur noch die braunen Leinenstreifen am Körper trug, mit denen ihr die andere Gina in der Küche entgegengetreten war. Wo sie stand, war das Gras weit weniger hoch und bildete einen Pfad, der sich in leichten Windungen ins Inselinnere hinzog. Überhaupt wusste Gina, obgleich sie selbst das erste Mal hier war, dass ein Netz dieser Trampelpfade über die gesamte Insel verlief. Der Hauptpfad, auf dem sie jetzt stand, lief mehr oder minder geradlinig hinauf zu der Kette von drei Bergen, die dunkelblau in westlicher Richtung thronten. Auf dem höchsten stand der Vogelbaum, in dessen Höhlen die Wellensittiche nisteten, die einst in einer Voliere im Schrebergarten ihres Vaters gelebt hatten, bis die letzten drei Tiere, bereits über zehn Jahre alt, verendet waren, noch ehe Gina neun Jahre alt geworden war. Danach wurden die Voliere und das Schutzhaus für den Winter abgebaut. Doch nach wie vor lebten die Tiere hier weiter, auf dieser Insel. Gedankenverloren folgte Gina dem Weg und sah an den Seiten im Gras die roten Gartenameisen und die Feuerwanzen wuseln, die sie als kleines Kind beobachtet und in Schraubdeckelgläsern gefangen hatte – es war wie ein Blick in eine längst vergangene Zeit, auf urälteste Erinnerungen, die grau und verwaschen sein müssten, jetzt aber ungetrübt und völlig real waren. Gina wurde klar, dass dies die Insel ihrer Kindheit war, von der sie wehmütig dachte, dass sie vorbei war, weil ihr eine Beschäftigung wie das Fangen von Ameisen in ausgedienten Marmeladengläsern heute eigentlich nur noch ein müdes Gähnen abnötigte und sie nichts dergleichen heute mehr tun würde, diese Zeiten waren vorbei. Doch hier waren sie noch da und völlig lebendig, sicher ein vergangener, aber dennoch wahrer und unmittelbarer Teil ihres Lebens, der damals Bedeutung für sie besaß und jetzt irgendwie noch immer. Sie wollte es nicht missen. Ohne sich nähere Rechenschaft darüber abzulegen, warum, schlug Gina einen von dem Hauptpfad nach rechts abweichenden Pfad ein, der eine Weile parallel zu der Hügelkette verlief. Nachdem sie vielleicht fünfzig Meter sacht bergauf gegangen war, stieg sie auf die grüne Böschung zu ihrer Rechten. Dank ihrer perfekten Orientierung auf dieser Insel wusste sie genau um den überwältigenden Anblick, der sich ihr hier bot. Gina stand über dem Rand einer breiten und flachen Schlucht, die sich nach Osten bis zum Rand der Wolkeninsel erstreckte, eine Art Grand Canyon in Miniaturausgabe. Nur war ihr Grund gleichfalls grasbedeckt wie alles auf der Insel. Auf der anderen Seite erstreckte sich eine ebene, dichtbewachsene Buschlandschaft in gedeckten Grüntönen bis an die Grenze von Ginas Blickfeld, dahinter tat sich ein leicht dunstiger Horizont auf. Nirgendswo waren menschliche Siedlungen oder Bauten zu sehen. Es war eine gewaltige, scheinbar unbehauste Einsamkeit (freilich wusste Gina auch das besser). An der gegenüberliegenden Steinwand der Schlucht erkannte sie eine von hier aus klein und dunkel erscheinende Öffnung im gelben Sandstein. Die Öffnung führte in ein Höhlensystem, das die andere Gina und ihre Freunde bereits ausgiebig erkunden hatten. Es durchzog die ganze Insel bis in ihre tiefsten Tiefen. Durchquerte man es bis zu seinem tiefsten Punkt, gelangte man in eine nach unten geöffnete birnenförmige Kaverne von vielleicht dreißig Metern Höhe und zehn Metern Breite (an der breitesten Stelle). Trat man an den Rand der Öffnung ganz unten hatte man einen beängstigend freien Blick unter die Insel und konnte in das ewige Nichts, die grenzenlose Leere schauen, ein falscher Tritt und es gab keine Rettung mehr!
Gina riss sich vom Anblick des Höhleneingangs am Fuß der Schlucht los. Es war an der Zeit weiterzugehen, zurückzukehren! Zielsicher ging sie den Pfad weiter, bis sie zu einer Wegkehre kam, die sie seitlich über eine schmale Serpentine in die Schlucht selbst hinabführte. Über den Wipfeln von Bäumen schritt sie den Weg ab, bis sie ins Grün des Blätterdachs eintauchte und unten auf einen freien Platz zwischen den Stämmen hinaustrat. Dort bildeten die Äste und die knorrigen Wurzeln natürlich gewachsene Behausungen an den kühlen Windungen eines Quellbachs, der wenige Meter links von mir aus der Felswand trat, jenseits des Wäldchens zu einem künstlichen kleinen See gestaut war, weiterrann bis zum Rand der Insel, wo er als fein sprühender Wasserfall ins Unendliche rieselte, um irgendwann als Dunst wieder aufzusteigen und sich an den Bergkuppen von Neuem abzuregnen.
„Ich bin zuhause angelangt!“, rief Gina in die Stille hinein. Und augenblicklich kam Leben auf den Platz. Von den Bäumen und aus den Astlöchern sprangen und schwangen sich drei Kinder hinab. Olivia war da und auch Michael. Sie hatten irgendwo ganz sicher ihre eigenen Welteninseln, aber ein Teil von ihnen war hier bei ihr, wie ein wichtiger Teil von ihr bei ihnen war, immer. Einer nach dem anderen legten ihr die anderen schweigend die Hand an oder auf die Schulter, genauso, wie es auch die andere Gina getan hatte, offenkundig war es hier die übliche Art der Begrüßung – ohne Lärm, ohne Unruhe.
„Du hast es wirklich gewagt, durch den violetten Strudel oben an der Landzunge zu gehen?“, fragte Olivia mit bewunderndem Blick.
„Ja“, antwortete Gina, „das habe ich.“
„Und – hast du sie gefunden? Wo hast du sie?“
„Ich habe sie bei mir“, antwortete Gina und deutete mit dem Zeigefinger auf ihr Herz.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 4. Die Doppelgängerin

Wolkeninsel

Am anderen Tag, dem Dritten bis zum Sonntag, dem 21. Juni, fühlte sich Gina schon wieder ganz wie die Alte. Sie ging mit Olivia skaten und wunderte sich nur nebenbei über die unsinnigen Gedanken, die ihr infolge ihres Traumes gekommen waren. Dabei waren Träume doch nichts als Schäume und was sollte denn an dem besagten Sonntag Besonderes geschehen? Es würde ein Sonntag wie jeder andere sein und alle Merkwürdigkeiten würden sich in Luft auflösen so schnell, wie der Schaum in der Badewanne vergeht. Ein vager Gedanke blieb zwar in ihrem Hinterkopf. Tatsache aber war, dass sie mit der Mahnung ihres Großvaters im Traum, bereit zu sein, ja ohnehin nichts anfangen konnte. Denn sie besaß schließlich keinen einzigen Hinweis, wofür sie sich bereit machen und wie sie sich für was auch immer wappnen sollte. Insofern war das alles, so schlussfolgerte sie mit glasklarer Logik, in der Tat völlig bedeutungslos. So kam es, dass sie Sonntagmorgen ohne jede besondere Erwartung in den Tag startete, und der Tag denn auch ohne jedes herausragende Ereignis verstrich.
Ohne einen weiteren Gedanken an olle Zuckerdosen oder Sommersonnwendtage zu verschwenden, ging sie gegen neun Uhr zu Bett, denn sie wollte für den Montag ausgeschlafen sein, da für Mathematik in der zweiten Stunde ein Test angekündigt war. Gina schlief ruhig und völlig traumlos, bis das Mondlicht die Zuckerdose auf dem Fensterbrett traf.
Sie wusste es freilich nicht, aber genau in dem Moment, als das geschah, fand sich Gina auf der Party zu ihrem zwölften Geburtstag wieder. Sie hatte das peinliche, zuckerhutförmige Papierhütchen auf, das Michael, neben Olivia einer ihrer engsten Freunde, ihr übergestülpt hatte. Und nun kam auch Olivia vorbei, drückte ihr ein langstieliges Glas mit Kindersekt in die Hand und sagte ihr, dass sie hinten an einem der mit weißem Papier gedeckten Partytische einen Toast für ihre Gäste ausbringen solle. Gina hasste derartige Auftritte wie die Pest. Angestrengt überlegte sie hin und her, was sie überhaupt sagen sollte. Doch ehe sie sich auch nur ein einziges Wort überlegt hatte, geschah etwas Merkwürdiges. Zwar hatte sie nichts mitbekommen oder gesehen, doch wusste sie urplötzlich instinktiv, dass sie von ihrer Aufgabe befreit war, denn irgendjemand – es musste eine Art Doppelgänger ihrer Selbst sein, so viel war ihr klar – hatte die Aufgabe soeben bereits zu allseitiger Zufriedenheit gemeistert und die Gäste klatschten Applaus. Gina ging einige Schritte durch die Menge, um die Doppelgängerin zu Gesicht zu bekommen, und bemerkte dabei, dass sie nunmehr sehr zielstrebig durch den Flur der elterlichen Wohnung Richtung Küche ging. Party und Gäste hatten sich schlagartig in Luft aufgelöst. Mit dem sicheren Wissen, die Person, die sie suchte, genau hinter der geöffneten Küchentür vorzufinden, betrat sie die Küche und zog die Tür von der Wand weg, an die sie angelehnt war. Ohne jede Überraschung oder Erschrecken sah sie dem blauäugigen Mädchen hinter der Tür ins Gesicht. Das glatte dunkelbraune Haar fiel ihr über die Schultern und einige Sommersprossen zogen sich über die Oberseite ihrer Nase. Gina kannte den skeptischen Blick dieses Mädchens aus dem Badezimmerspiegel. Es war ihr exaktes Ebenbild, eine Doppelgängerin, vollkommener und gleicher als jede eineiige Zwillingsschwester. Nur ihre Kleidung unterschied sich gewaltig. Während Gina T-Shirt und Jeans trug, hatte dieses Mädchen einen einfachen Lendenschurz aus ausgefranstem braunem Stoff angelegt; im Brustbereich ein gleichfarbiges, am Rücken gebundenes Stoffband. Diese Aufmachung verlieh ihrer Erscheinung etwas Wildes und Ungezwungenes, von der Freiheit und Ungebundenheit, wie sie nur ein wildes und freies, naturverbundenes Leben verhießen.
„Da bist du ja“, sagte das Mädchen, von der Begegnung genauso wenig überrascht oder erschreckt wie Gina selbst. „Ich habe schon auf dich gewartet!“
Damit trat sie aus dem Schatten der Küchentür und legte Gina vertraulich eine Hand auf die Schulter.
„Ich bin du, das weißt du“, meinte sie, „aber mehr vermutlich nicht, oder?“
Gina schüttelte den Kopf.
„Macht nichts“, sagte sie unbekümmert, „da wir ein und dieselbe sind, wirst du´s wohl schnell kapieren.“
„Komm, gehen wir doch ein Stück“, sagte ihr Gegenstück forsch. „Es bringt nichts, hier nur langweilig herumzustehen.“
Sie setzte sich in Bewegung und lief hinaus auf dem Flur. Gina folgte ihr, holte schnell auf, um an ihre Seite zu kommen.
„SIE haben ein Traumportal geschickt, stimmt´s? Sonst wärst du schließlich nicht hier?“
Gina fühlte sich begriffsstutzig.
„Ein Portal?“
„Na ja, irgendso ein Ding, das dich am Sonnwendtag hergezogen hat! Irgendetwas, das urplötzlich bei dir auftaucht und meistens keinen Sinn ergibt.“
Gina legte die Stirn in Falten.
„Die Zuckerdose mit den komischen Münzen?“, fragte sie leise.
„Ja, möglich, so was in der Art kann es sein“, sagte sie nur mäßig interessiert. „Es kann allmöglicher Krempel sein.“
„Auf den Münzen stand „Disziplin“, „Ordnung“, „Produktivität“ und so ein Zeug!“
„Das könnte IHNEN womöglich ähnlich sehen. Wahrscheinlich es also wirklich diese Dose“, meinte sie und klang dabei plötzlich nicht mehr ganz so fröhlich und unbeschwert. „Zeig her, wo hast du sie?“
Gina schaute an sich herunter und blickte irritiert im Raum umher. Sollte sie diese Dose etwa bei sich führen?
„Du hast sie nicht?“, fragte die andere Gina und legte einen verstehenden Blick auf. „Dann bist du nicht die Einzige, die hergeholt werden soll. Je nachdem, wie viele Personen kommen sollen, wird sie erst mit der Letzten auftauchen. Wir werden sehen, was das soll. Es könnte interessant werden …“
Gina überwand sich und sagte: „Ich verstehe noch immer gar nichts! Was soll das hier und was machen wir hier?“
„Ganz einfach, du und ich oder kurz: Wir sind hier, um unsere Aufgabe zu erfüllen! Und es wird bald Zeit, denn die Pflicht ruft und wir müssen bald wieder daran gehen!“
„Welche Aufgabe?“
„Wir sind Wächterinnen!“, antwortete sie mit größter Selbstverständlichkeit, „alles, was wir haben und sind, müssen wir vor IHNEN schützen – eine gewaltige Aufgabe, die nicht leicht ist und nicht leicht genommen werden kann.“
„Wer oder was sind SIE?“
„Frag mich nicht, wenn das einer wüsste, wäre es vielleicht einfacher. Oder womöglich sogar noch schwieriger? (Sie druckst herum, dachte Gina, und lässt alles nebulös erscheinen, wie jemand, der dir nur mit einer Gruselgeschichte Angst einjagen will!) Wir wissen es nicht, aber es heißt, sie hätten schon Milliarden Welten gleich der unseren vernichtet! Und nur ununterbrochene Achtung und Wachsamkeit kann uns davor bewahren, das gleiche Schicksal zu erleiden.“
Gina erinnerte sich an die Mahnung, die ihr der geträumte Großvater zu der Zuckerdose gegeben hatte: den nutzlosen Hinweis, aufzupassen, ohne überhaupt zu erwähnen, worauf.
„Und worauf müssen wir achten, auf was sollen wir denn eigentlich aufpassen?“, hakte Gina fordernd nach.
Die andere Gina schaute sie mit großen Augen an.
„Ich weiß die Antwort auch nicht. Wir sind einfach so wachsam, Tag für Tag, und hoffen, auf diese Weise alles richtig zu machen. Dich verrückt zu machen, nützt dir auch nichts! Wichtig ist jetzt nur, dass du da bist und dass wir zusammen schnellstens gehen müssen, um an den Ort unserer gemeinsamen Aufgabe zu gelangen!“
„Wir gehen doch schon zusammen“, meinte Gina. „Die ganze Zeit laufen wir jetzt schon zusammen, kommen aber nirgendwohin!“
Noch immer liefen sie im Flur der Wohnung von Ginas Eltern entlang; er schien sich, wie in zwei Spiegeln gespiegelt, ins Unendliche verlängert zu haben.
„Wir gehen nebeneinander, aber nicht zusammen“, korrigierte die andere Gina. „Wenn wir los wollen, müssen wir aber eins werden! Wir müssen uns zu der Einheit wiedervereinen, die wir gewesen sind, ehe wir begannen, auseinanderzudriften.“
„Wann sind wir ´auseinandergedriftet´?“
„Jeder Mensch driftet auseinander, treibt von sich selber weg, sobald er das Ende seiner Kindertage erreicht“, antwortete sie. „Aber jetzt haben wir die Chance, wieder zusammen zu kommen! Nicht, dass SIE uns diese Chance geben, weil sie so edelmütig sind, nein, ganz im Gegenteil – ich kann nur vermuten, dass SIE das alles, das Hinüberziehen in die Anderswelt mittels der Traumportale und so, inszenieren, damit SIE uns zusammen und damit restlos in ihre Gewalt bringen und für alle Zeiten endgültig zerreißen können! Ich glaube, das würde IHNEN sehr gefallen!“
Gina hatte noch immer nicht das Gefühl, viel begriffen zu haben.
„Wie auch immer“, meinte die andere ernst, „jetzt kommen wir jedenfalls wieder zusammen. Wenn wir großes Glück haben, für immer!“
Mit diesen Worten vollzog die andere Gina den Akt der Einswerdung. Sie wandte sich mit dem Blick zurück zur Küchentür um und schob sich selbst von links in Gina hinein. Gina wunderte sich, dass sie dabei eigentlich gar nichts Besonderes fühlte; der Vorgang fühlte sich ganz selbstverständlich und unspektakulär an, wie das tausendste Hineinschlüpfen in ein Paar warmer, altbekannter Hausschuhe. Die Küchentür und der ins Endlose gespiegelte Flur jedoch verflogen in diesem Augenblick wie von einem seichten Wind davongetragen. Und Gina stand unter einem endlos hohen und strahlend blauen Himmel, der in den Randbereichen in einen dünnen weißen Dunst überging.

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