Die jenseitige Ebene

Auf einer astralen Wanderung, die sich kontinuierlich zu voller Luzidität steigert, laufe ich gegen Abend einen langen, geraden Straßenzug in einer Häuserschlucht entlang, der zum Weihnachtsmarkt ausgeschmückt ist.
Am Ende des Marktes mache ich kurz hinter der Straßenabsperrung kehrt und laufe zurück.
Kurz denke ich darüber nach, was man wohl zuhause sagen wird, dass ich heute aus irgendeiner Laune heraus einfach so und ganz allein den weiten Weg zum Nürnberger Weihnachtsmarkt gefahren bin. Dabei interessiert mich der Markt jetzt gar nicht; ich bin ganz in die geistige Auseinandersetzung mit dem Thema des Astralwanderns verwickelt. Gedankenversunken wie ich unterwegs bin, werde ich etwas unsicher, ob ich die Stelle wiederfinden werde, wo ich mein Auto geparkt habe. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich es sicher schaffen werde.
Der Weihnachtsmarkt ist, sobald ich kehrt gemacht habe, verschwunden und ich vermute, dass ich in Gedanken den Weg in eine Parallelstraße eingeschlagen habe und gehe einfach weiter.
Vorne, nahe der Einmündung zu einer breiten Hauptstraße (von dort bin ich in diesem Traum auch hergekommen!), treffe ich auf eine Frau Anfang oder Mitte vierzig mit hellem Teint mit ersten Falten, schwarz gelocktem Haar und freundlichen tiefdunklen Augen. Sie trägt einen dunklen Mantel. Sie schaut mich wissend an und bestärkt mich weiterzugehen, da es schon der richtige Weg sei. Und sie spricht mich mit „Herr Lowinsky“ an. Ich stutze, denn die Frau ist mir völlig unbekannt.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“, frage ich verdutzt.
„Aber, Herr Lowinsky, wir kennen uns doch schon immer!“, antwortet sie milde lächelnd.
Sie geht nun an meiner rechten Seite und begleitet mich zur Hauptstraße.
Ich blicke die breite Straße entlang, verwirrt und verwundert – die Bewusstheit steigert sich ab jetzt mehr und mehr.
„Welche Stadt ist das?“, frage ich meine Begleitung.
„Es ist Neustadt!“, meint sie. Doch ist es ganz offensichtlich ein anderes Neustadt, ein Neustadt auf einer anderen Bewusstseinsebene: andere, breitere Straßen, andere öffentliche Plätze.
„Wissen Sie, wo hier mein Auto ist?“, frage ich.
Meine Begleitung führt mich daraufhin genau den Weg, den ich aus Eigenem auch eingeschlagen hätte und ich bin zufrieden, dass ich also auch ohne ihre Hilfe auf dieser Astralwanderung nicht völlig orientierungslos gewesen wäre.
Wir gehen an der Einmündung links ein aus rotem Ziegel gefügtes Trottoir an der breiten Hauptstraße entlang, vorbei am markisenüberdachten Eingang eines Hotels oder Ladens.
Die nächste Straße biegen wir links in eine von hohen Jugendstilhäusern (klobiger roter Sandstein und Gesimse zwischen den Stockwerken) gesäumte Wohnstraße ein. Einige Meter straßeneinwärts steht tatsächlich der weiße Opel am rechten Fahrbahnrand, genau dort, wo ich ihn in meiner Erinnerung geparkt hatte.
„Wo Sie ihn abgestellt haben!“, kommentiert meine Begleitung freundlich amüsiert.
Meine Begleitung hat sich jetzt merkwürdigerweise gewandelt; es ist dieselbe Person, doch erscheint sie mir nunmehr als hagerer Mann mit demselben hellen Teint, dunklen Augen und schwarzem Schnauzbart; er trägt einen graublauen Kapuzenpullover und hat die Kappe übergezogen. Wie auf einer Kanzel steht er nun in erhöhter Position an der Hausecke auf einem der Sandsteinsimse und blickt zu mir herab. Die Position enthält indes keine Machtdemonstration, sondern zeigt an, dass er und ich uns in einer anderen Ausgangslage befinden. Und ich ahne – inzwischen vollständig luzid -, was Sache ist.
„Wieso wissen Sie so viel über dieses Neustadt auf einer anderen Ebene?“, frage ich ihn.
Ich vermute, dass diese Person tot ist und ich hier mit jemanden aus der Anderswelt rede.
Er bejaht meine Vermutung umgehend.
Nun wieder rechts neben wir gehen wir ein wenig die Wohnstraße entlang. Auf der anderen Straßenseite erkenne ich ein altes blaues Straßenschild mit weißem Rand, angeschraubt knapp unterhalb des zweiten Stocks; die verblichene Schrift sagt mir, dass diese Straße hier „Nordring“ oder so ähnlich heißt. Eine solche Straße gibt es in Neustadt nicht. Schließlich frage ich ihn:
„Und wie ist das so?“
„Das Leben (ich weiß in diesem Moment, dass er damit seine vergangene diesseitige Existenz meint) hinterlässt Fehleindrücke“, antwortet er gedankenversunken. Das letzte Wort verstehe ich erst nicht genau und bitte ihn daher, es zu wiederholen.
„Fehleindrücke“, repetiert er.
„Ich wollte in den Himmel!“, fährt er sogleich ohne weitere Erläuterung fort. Dennoch begreife ich, was er meint: Ich weiß, dass er ihn, den Himmel, aber nicht erreichen kann, sondern nur diese andere oder anderen Ebenen, auf deren einer wir nun augenblicklich gemeinsam unterwegs sind.
Eine gewisse Traurigkeit geht von ihm aus. Er tut mir leid.
Wieder zurück an der Straßenecke befindet er sich wieder auf seiner erhöhten Position auf dem Sims.
„Wie komme ich wieder zurück in das Neustadt der Ebene, wo ich herkomme?“, frage ich nun.
Ich soll einfach losfahren, meint er, meistens geschehe es dann einfach, vielleicht z. B. beim Tanken. Es werde dann einfach die Ebene gewechselt, ganz unspektakulär, und schon sei der Besucher wieder zurück!
In diesem Moment erwache ich; die Rückkehr war tatsächlich unspektakulär; derselbe Vorgang, wie ich ihn vom Erwachen aus anderen Klarträumen kenne.
Als ich auf den Wecker schaue, zeigt er 6:44 Uhr.
Ich denke darüber nach, dass mir diese Begegnung heute wohl eine der Krankheiten unseres Existenz vor Augen geführt hat: Alle suchen wir. Doch was wir letztlich finden, suchen wir gar nicht.
Auch frage ich mich, ob die Person, mit der ich da geredet habe, nur eine Traumgestalt war oder ob es sich womöglich wirklich um einen jenseitigen Kontakt gehandelt hat.
Allerdings fiel mir bereits im Traum selbst auf, dass zumindest die Formulierung und Wortbildung meines Begleiters der ähnelt, die ich selber schon einmal in meiner Arbeit (z. B. im Zusammenhang mit dem Wort „Fehlkonzentrationen“) gebraucht habe. Mein Gegenüber bedient sich im Grunde also meiner eigenen Ausdrucksweise. Zudem ist die Theorie, dass die Traumebenen der Existenzweise nach der Tod entspricht, eine Gedankenführung und Vorstellung, mit der ich mich bereits vor diesem Traum beschäftigt habe. Die Traumfigur repräsentiert, referiert und reflektiert also meine eigene Theorie und Vorstellungsbildung zu diesem Themenkomplex. Insofern ist diese Traumfigur und alles, was sie sagt, irgendetwas von mir und aus mir. Und deshalb kanntest du es bzw. sie oder ihn auch schon immer! Eine esoterische Erklärung des Erlebnisses ist folglich nicht zwingend; andererseits beschränkt einen eine rein psychologische Sicht von vornherein in den Deutungsmöglichkeiten, da sie die Möglichkeit höherer Erkenntnis aus anderen jenseitigen Realitätsebenen kategorisch ausschließt. Ein bisschen Offenheit muss man sich bewahren.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de