Auf dem Spielbrett

Im trübgrauen Morgenlicht laufe ich, noch in den Schlafanzug gewandet, kurz nach dem Aufstehen einen betonierten Treppenweg hinab. Ich befinde mich in einer in Hanglage errichteten Wohnsiedlung aus zwei- bis dreistöckige Gebäuden, die Eigentumswohnungen beherbergen. In einer dieser Wohnungen sind derzeit meine Eltern untergebracht. Und ich suche sie, indem ich mithilfe eines quasi-telepathisch erweiterten akustischen Wahrnehmungsvermögens in die Wohnungen zur Rechten meines Weges hineinlausche.
Auch nach dem zweiten oder dritten erfolglosen Versuch, auf diese Weise meine Leute aufzuspüren, gelange ich auf einen länglichen, gepflasterten Platz, an dessen westlichem Rand ein Aussichtsgeländer einen Ausblick über die ausgedehnte Stadt am Fuß der Anhöhe gewährt.
Als blickte man von der Haardt in die Rheinebene hinaus, liegt unten Haus an Haus auf einer Fläche, die sich zum Horizont hin in morgendlichen Dunst hüllt. Luzid geworden überwinde ich mich, über das Aussichtsgeländer hinwegzufliegen und in schwindelerregender Höhe über die Hausdächer unter mir hinwegzugleiten. Kurz darauf beschließe ich, mich in die Stadt unter mir hinabsinken zu lassen.
In dem Moment, in dem ich den Abstieg einleite, weiß aber schon, dass mir diesmal erneut etwas widerfahren wird, das ich – beim ersten Mal noch zu meiner großen Überraschung und Enttäuschung – schon einmal erlebt habe: Die lebhafte Stadt verwandelt sich in eine Art gigantisches Spielbrett. Was zuvor dreidimensional erschien, nimmt den Charakter von schematischen Zeichnungen und ebenen geometrischen Formen an, die auf den dunkelgrauen Asphalt gemalt wurden. Auf diesem Spielfeld stehend bzw. knapp darüber schwebend, schwanke ich, was ich in dieser einförmigen und uninteressant gewordenen Umgebung nun unternehmen soll. Halbwegs bereitwillig überlasse mich schließlich der Auflösung der Szenerie und der Reintegration in die Wachwirklichkeit.
Das Ganze ist ein typisches Beispiel jener kurzen Luzidtraumerlebnisse, die sich auch dann noch bei mir einstellen, wenn ich, aufgrund der Verlagerung meiner Interessen, mehrere Wochen lang gar kein gezieltes Bewusstseinstraining mehr durchführe.

Ein reinweißes Haus und eine bisexuelle Eskapade

Heute besuche ich ein großes Mehrparteienhaus, in dem vorwiegend Personen afrikanischer Abstammung zu wohnen scheinen. Auffälligerweise sind alle Leute, die ich durch die offenen Wohnungstüren sehe, blütenweiß gekleidet. Überhaupt ist alles in diesem Gebäude in makellosem Weiß gehalten: die Wände, die Türen, das wenige Interieur, das ich in den Zimmern erspähe. Von oben kommend streife ich die linksdrehende Wendeltreppe hinab bis in den Eingangsbereich des Hauses.
Sogar der Fußboden ist dort mit einer reinweißen Raufasertapete beklebt, die doch hier eigentlich von den herein- und heraustretenden Leuten längst schmutzig und zertreten sein müsste – aber nichts Dergleichen ist zu erkennen!
„Das muss ein Traum sein!“, sage ich daraufhin zu Frau B., die gerade im Begriff ist, mit mir das Haus zu verlassen.
Zum Beweis meiner Vermutung hebe ich draußen vor der Tür auf der obersten Stufe einer kurzen Betontreppe in die Luft ab.
Über einer gepflegten Grünanlage mit betonierten Eingrenzungen und Gehwegen schwebend beschließe ich, mich auf die Suche nach P. zu begeben, einer Gestalt, die in meinen erotischen Fantasien der letzten Zeit eine Rolle spielt.
Ich schaue mich um, blicke den Leuten ins Gesicht, die im Umfeld unterwegs sind, entdecke aber niemanden, der der Gesuchten gleicht.
Weitersuchend fliege ich eine breite Straße entlang, auf der sich – auf halber Länge – ein gigantischer Container erhebt. Ich lande auf dessen Rand und springe diesen mühelos balancierend entlang. Im Container haben Kinder Unmengen Spielsachen gesammelt. Das ist erstaunlich und seltsam.
Zugleich schließen sich mir Kinder ein. Eines davon ist mir namentlich bekannt; es ist M. Auch nachdem ich mich wieder auf den Weg gemacht habe, bleibt er aufdringlich bei mir und quatscht mich mit allem Möglichen voll.
Erst am Ende einer schmalen, mit einem Alugeländer zu beiden Seiten gesicherten Überführung gelingt es mir, ihn abzuschütteln. Kehrtmachend fordere ich den Jungen auf, sich doch jemand anderen zum Spielen zu suchen, woraufhin er endlich (und im wahrsten Sinne des Wortes) verschwindet.
P. habe ich jedoch noch immer nicht entdecken können. Stattdessen treffe ich auf dem Rückweg auf C., die mit einer mir nicht bekannten Frau links am Geländer steht und in eine Unterhaltung vertieft ist.
Kurzentschlossen trete ich zu ihr hin und erlaube mir etwas, das sich bei einer Frau, von der ich weiß, dass sie einen festen Freund hat, eigentlich nicht so recht empfiehlt. Da dies aber nun einmal mein Traum ist, nehme ich mir die Freiheit und kraule sie einfach höchst vertraut am Kopf.
Daraufhin wendet sie sich mir zu. Bereits an ihrem leeren Blick erkenne ich, dass es sich bei dieser C. um eine jener identitäts- und willenlosen Traummarionetten handelt, denen man im Klartraum gelegentlich begegnen kann.
Wie um meine Vermutung zu prüfen, drücke ich ihr ohne viel Federlesens einen Kuss auf den Mund, woraufhin wir in einem tiefen Zungenkuss miteinander verschmelzen und schließlich sogar die Beine umeinanderschlingen. Weil C. aber nur wie eine Marionette relativ mechanisch auf meine Vorgaben reagiert, ist das keineswegs so interessant und intensiv, wie man es sich vorstellen oder wünschen würde.
Schließlich verändert sich die Szenerie. Als ich mich von meinem Gegenüber löse, stehe ich unter einer Überdachung vor einer Hauswand einem nackten jungen Mann mit Piercing im Gesicht gegenüber. Aus dem Experiment ist unversehens eine kleine bisexuelle Eskapade geworden! Wie ich den jungen Mann ins Gesicht blicke und über die seltsame Situation nachdenke, erwache ich. Es ist 7:40 Uhr.

Hochzeit und Zerstörung

Gerade erwache ich aus einem Traum, in dem ich mit einem seltsamen Gefühl des Unwohlseins die Spital- und Stettinerstraße entlanggelaufen bin. Ich finde mich in meinem Bett wieder. Von der Tür her erhellt das Licht eines bedeckten Morgens das Schlafzimmer. Links in meinem Gesichtsfeld entdecke ich etwas, das ich zunächst als eine runde Tischplatte aus Holz deute; es ist, als läge ich mit der linken Gesichtshälfte auf dieser Tischplatte.
Die Stimme eines wildfremden Herrn erklärt mir indes, dass es sich dabei nur um eine Täuschung handle. Was ich sähe, sei nichts anderes als mein rundlich verformtes Kopfkissen. Eine kurze Überprüfung zeigt, dass diese Aussage richtig ist. Zugleich stellt sich Klarheit über den Traumzustand ein, wobei ich feststelle, dass sich das Unwohlsein aus der vorhergehenden Traumsequenz auf die jetzige übertragen hat. Ich fühle mich leicht kränklich.
Der namenlose Herr in meinem Schlafzimmer, sehr formell mit hellgrauem Anzug, weißem Hemd und gestreifter Krawatte bekleidet, scheint um diesen Zustand zu wissen, will mich offenkundig ablenken und so zur Besserung beitragen.
Er fordert mich auf, mit ihm zu kommen und mir ein paar Steinewerfer vor dem Haus anzuschauen.
So führt er mich aus der Wohnung meiner Eltern (das Schlafzimmer in meinem Haus ist in diesem Traum in die elterliche Wohnung verlegt) in die Nachbarwohnung und dort an ein Südfenster im hintersten Raum.
Zunächst wundere ich mich darüber, da mein Zimmer drüben doch auch nach Süden weist, sodass man von dort aus doch eigentlich dasselbe sehen können müsste, wie von hier aus.
Doch ein Blick aus dem Fenster macht die Sache klar: Von dieser Stelle aus hat man einen wesentlich besseren Blickwinkel, um auf der Straße gegenüber, am gegenüberliegenden Wohnblock vorbei, eine turbulente Straßenfestszene einzusehen.
Eine kurdische Hochzeit ist in vollem Gange; viele Leute in farbenfroher Alltagskleidung tanzen und hüpfen ausgelassen umeinander. Und das „Steine werfen“ entpuppt sich als eine Art Hochzeitsbrauch, bei dem man sich gegenseitig mit kleinen Gegenständen bewirft. In dem rasanten Trubel ist das eigentlich Hochzeitspaar nicht auszumachen.
Als ich mich wieder auf die Situation im Zimmer konzentriere, hat sich der Herr in eine andere, sehr viel jüngere Person, Z., gewandelt.
Z. fragt mich, ob wir am kommenden Mittwoch nicht auch etwas zusammen unternehmen sollen, um die Tristesse des alltäglichen Lebens zu durchbrechen. Ich bejahe den Vorschlag.
Z. will den Beschluss besiegeln und mit zwei Gläsern anstoßen, die auf der Fensterbank stehen. Das größere, das ich nehmen soll, kommt mir gebraucht vor und bei der Betrachtung gegen das Licht stelle in tatsächlich Lippenspuren daran fest. Ein Rest Wasser schwappt darin herum und das Ganze kommt mir etwas eklig vor. Dennoch gehe ich darauf ein, wandle zuvor aber, indem ich meine Geisteskräfte fokussiere, den Wasserrest in einen Schlick Cola um.
Als ich nach dem Anstoßen davon trinke, bleibt etwas in meinem Mundwinkel hängen, das ich als Eis deute, obgleich es eine völlig andere Konsistenz hat. Ohne mich weiter darum zu kümmern, wische ich es mit dem Handrücken weg und wende mich an Z.
„Wir haben einen Klartraumzustand erreicht“, sage ich zu ihm. „Und jetzt ist die Frage, was wir weiter damit anstellen sollen! Sollen wir einen Besuch in der ewigen Heimat probieren?“
Z. stimmt diesem Vorschlag vorbehaltlos zu. Gemeinsam begeben wir uns in die Mitte des Raums. Wir fassen uns an den Händen, um die Translation einzuleiten. Dabei flüstert mir Z. allerdings zu, dass die ewige Heimat bald untergehen würde. Etwas irritiert hake ich nach und er gibt mir zu verstehen, dass wir es sein würden, die die ewige Heimat zerstören würden.
Die düstere Prophezeiung hält uns aber nicht davon ab, mit dem Überführungsritual zu beginnen. In einem Kreistanz wirble ich schließlich bei geschlossenen Augen mit Z. um eine gemeinsame Achse in der Raummitte. Doch wiederum geschieht, wie bei den Translationsexperimenten der letzten Zeit auch, nichts! Geraume Zeit halten wir den Zustand aufrecht in der Hoffnung, doch noch ein Ergebnis herbeizuführen, doch bemerke ich keinerlei Veränderung.
Schließlich lasse ich mich bewusst ins Erwachen übergleiten.
Nach dem Aufwachen wundere ich mich über die seltsame Qualität meiner luziden Träume in letzter Zeit. Irgendetwas hat sich verändert, doch noch kann ich nicht sagen, was nicht stimmt und was genau hier geschieht. Und was soll es nur bedeuten, dass ich selbst die Ursache für die Zerstörung jenes mystischen Ortes sein soll, den ich die „ewige Heimat“ getauft habe?
Es ist 8:50 Uhr.

Intensität und zeitliche Ausdehnung

Intensives Träumen geht heute Morgen ins luzide über, als ich unter einem blaugrau bedeckten Abendhimmel in den Grünanlagen bei einem Wohnblock umherlaufe und dabei schließlich schwerelos und gegen alle Gesetze der Physik Luftsprünge und akrobatische Übungen ausführe. Mein Weg führt mich auf ein weitläufiges, mir völlig fremdes Freizeitgelände hinaus. In dem Ansinnen, die in kleinen Grüppchen umherstehenden Leute von solchen Kunstwerken zu beeindrucken, hüpfe, schwebe und tanze ich auf die Wiese abseits des asphaltierten Weges hinaus und beginne dort mit übermütigen Kapriolen an einem hohen Schaukelgerüst, an dem ich, an einem langen Bungee-Seil schwingend, gegen die Schwerkraft und teilweise parallel zum Erdboden quer und hin und her über die Wiese schwinge. M., ein Freund von mir, beteiligt sich schließlich an dieser Übung in der Hoffnung, mir beweisen zu können, dass er das genauso gut und draufgängerisch zu bewerkstelligen versteht wie ich. Schließlich finden wir uns, noch immer mit unseren Bungee-Sprüngen befasst, im Inneren einer großen Erdgeschosswohnung mit weiß verputzten Innenwänden wieder. Der Traum ist stabil und vollluzid und nimmt nach und nach eine überraschende zeitliche Ausdehnung an. Mit M. fachsimple ich handlungsbegleitend über die Qualität dieses Klartraumerlebnisses, das auch nach einer gefühlten halben Stunde noch immer kein Zeichen der Destabilisierung zeigt. Am Ende bin ich es, der sich dazu entschließt, der Erfahrung gezielt ein Ende zu bereiten. Dazu lege ich mich in der beschriebenen Wohnung auf den Boden, um bewusst zu erwachen. Das funktioniert auch genau wie gedacht. Ich schließe die Augen und tauche durch eine kurze graue Dunkelheit in mein eigenes Zimmer hinüber. Der Wecker zeigt 5:24 Uhr.

"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 13. Schluss

Wolkeninsel

Am Montag, dem 22. Juni, erwachte Gina aus einem Traum, der sie aus einem nebligen und schrecklichen Dunkel in hellstes und wärmstes Licht geführt hatte. Leicht stand sie auf und dachte nicht mit Grauen an den Test in Mathematik, der für diesen Vormittag angekündigt war. In der Küche lärmte ihr Vater und summte zu einer Melodie im Radio. Ohne einen besonderen Gedanken im Kopf ging sie nach drüben.
„Guten Morgen, mein Schatz“, sagte ihr Vater, zog sie mit beiden Armen an sich und in die Höhe und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du bist also schon wach.“
„Ja“, sagte Gina und schaute auf die Küchenuhr. Es war 6:20 Uhr und ihr Wecker würde erst in zehn Minuten klingeln. Doch beschloss sie, nicht in ihr Zimmer zurückzugehen, sondern ihrem Vater die Brotdose fertig zu machen, damit er in Ruhe sitzen und frühstücken konnte. Als ihre Hände so beschäftigt waren, konnte sie nicht anders, als an den Traum zu denken, aus dem sie ohne nähere Erinnerung erwacht war. Es war ihr, als wäre es darum gegangen, nichts weniger als einen unheimlich wichtigen Teil von sich selbst zu verlieren, aber trotzdem nicht alles zu verlieren.
Nicht alles.
Wie seltsam, dachte sie. Und irgendwie hatte sie dabei das Gefühl, dass Träume eben doch keine Schäume waren.
Und gleich darauf musste sie an Olivia und Michael denken, ihre Freunde.
Nach der Schule würde sie die beiden anrufen, um ein Treffen auszumachen. Zum Skaten.
Als sie die Wohnung verließ, den Ranzen geschultert, warf sie keinen zweiten Blick in ihr Zimmer. Und so bemerkte sie nicht die Zuckerdose auf dem Fensterbrett, die mitten entzweigebrochen war, und die Münzen, die geschwärzt waren, als habe sie das Licht der hellen Sonne, die durch das Fenster strahlte, verbrannt und verkohlt.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 12. Wer die Mittagssonne berührt

Wolkeninsel

Gina hielt es nicht mehr aus. Sie ertrug das alles nicht mehr. Ihre Nerven brannten einfach durch. Sie konnte es einfach nicht begreifen, was hier geschah, konnte es nicht ertragen, mitanzusehen, was ihr eigener Vater tat, völlig blind, wie er war.
„Papa!“, schrie sie im Anrennen, die Augen blind vor Tränen. Frontal stürmte sie gegen den Bagger an, sprang in hohem Bogen ab, schlug donnernd gegen das Blech, prallte ab, stürzte rückwärts, die stählernen Zähne der Baggerschaufel im Rücken. Der Vater sah sie rückwärts fallen, erahnte das Ende der Sturzbahn und in diesem Moment schrie er „Gina!“ und das steinerne Gesicht brach, seine Augen weiteten sich, von der Blindheit befreit, und er schrie aus Leibeskräften, breitete die Arme aus, stürzte seinerseits über die Motorhaube des Baggers hinweg nach vorn: „Gina!!“
Gina sah das Gesicht ihres Vaters über sich; eine Handbreit über seinem Scheitel die Sonne, die am Mittagspunkt stand, und sein Schrei voller Verzweiflung und Schrecken hallte in ihren Ohren. Nur noch matt und von Ferne spürte sie, wie ihr Vater sie hoch und an sich zog, schreiend und die Augen in Tränen brechend. Und obgleich sie nur Augen für ihren Vater hatte, nahm sie am Rand ihres sich verkleinernden Gesichtsfelds wahr, wie Lea neben oder unter ihr aus den Untiefen der Baggerschaufel auftauchte, mit einer dicken roten Beule am Kopf, aber ansonsten unversehrt! Mit schreckensgeweiteten Augen sah Lea sie an.
„Alles ist gut!“, wollte Gina jetzt sagen und den Vater in die Arme schließen, Lea gleich noch dazu. Doch es ging nicht. Der Körper gehorchte ihr nicht mehr. In ihrem Rücken spürte sie nur ein dumpfes Gefühl, wie ein kalter Druck, der gleich vorbei war, als tiefer innerer Friede, Ruhe und ein Gefühl der Befreiung sie überkamen.
Sie wurde so leicht, trieb aufwärts, der Sonne über dem nassen Gesicht ihres Papas entgegen. Nach wie vor spürte sie die Geborgenheit der Arme ihres Vaters, während sie, mit der plötzlich freien Hand das Gesicht ihres Papas in einer Liebkosung streifend, aufwärts glitt und schon in der nächsten Sekunde die Mittagssonne berührte.
Die leere Hand voran tauchte sie in das gleißend weiße Licht ein und ging darin auf. Nur einen kleinen schwarzen Fleck auf der lichten Oberfläche hinterließ sie, klein und schwarz mit feinem leicht erhelltem Rand.
Dort schaute sie heraus wie durch ein kleines Fenster. Und ehe sich die helle Wärme endgültig um sie schloss, sah sie dort unten ihren Vater winzig beim Bagger kauern, sah die beiden Bauarbeiter hinzueilen, um zu schauen, was um Himmelswillen hier nur geschehen war, sah ihre beiden Freunde von der Böschung her hinzustoßen, sah die kleine, verwundete Insel gefährlich schwanken, sich aber dennoch sicher über dem schwarzen Nichts halten, während die formlosen Wesen, machtlos und leer, ihrem Abgrund entgegen sanken. Denn ihr Bann war nun gebrochen.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 11. Kampf

Wolkeninsel

Die unbarmherzige Maschine ratterte und grollte nicht nur den Tag über, sondern auch die ganze Nacht hindurch ohne Unterlass. Nach Einbruch der Dunkelheit erhellte eine auf einen Bauzaun gesetzte Leuchtbatterie das Gebiet der Landzunge mit weißem Licht, in dessen Schein alles kränklich und fahl aussah. Auch noch vom Lager, in das sich die Kinder am Abend zur Beratung zurückzogen, aus gut sichtbar glühte das Streulicht über dem Rand der Schlucht wie ein schreckliches Nordlicht, verschmutzte den Himmel und überstrahlte fast alle Sterne, tauchte die Nacht in ein tödliches Licht, grau und kalt wie auf einem fremden Planeten, der um einen ausgebrannten Stern kreiste.
Was sollten sie nun unternehmen? Keine Monster waren auf der Wolkeninsel erschienen, sondern Ginas eigener Vater, vom Trugbild eingesponnen, hier einen höchst wichtigen und unaufschiebbaren Bauauftrag ausführen zu müssen.
Gina saß am Feuer und rollte einen Speer zwischen den Handflächen und stierte in die Flammen. Damit würde sie doch nicht auf ihren Vater losgehen können, geschweige denn auf irgendeinen anderen Menschen!
„Wie gerissen und böse SIE sind“, dachte sie und erhob nicht den Blick nach oben, wo die grausamen Unwesen sich unablässig um sich selbst drehten.
„Und du denkst, es ist wirklich dein Vater?“, fragte Michael zum zweiten Mal an diesem Abend.
„Schon und doch nicht“, sagte sie, „ich weiß es nicht! Und letztendlich ist es sogar egal, ob ja oder nein! Kann es irgendwer von euch verantworten, kann ich es verantworten oder das Risiko eingehen, ihn mit Lanzen oder Pfeilen anzugreifen?“
„Das kann niemand“, stellte Lea fest. „IHR Plan ist perfekt.“
„Nahezu perfekt“, korrigierte Olivia, die aus dem Schatten in den Schein des Feuers trat. Hinter sich schleppte sie ein Bündel mit Speeren her. Sie löste einen aus dem Bund, legte ihn mit der Spitze über einen der flachen Steine, die das Feuerloch umrahmten, und drosch mit einem zweiten flachen Stein auf die feuergehärtete Spitze ein, bis sie abbrach und nur ein verkohlter Stumpf zurückblieb, den sie mit dem rauen Stein kugelig abschliff.
„Denkt doch mal nach“, sagte sie schließlich, „ob es Ginas Vater oder nur eine verhexte Kopie von ihm ist, ist nur wichtig, wenn wir gegen ihn und die anderen kämpfen wollen -“
„Ja, sicher, aber wie soll uns dieser Gedanke jetzt weiterhelfen?“, fragte Gina lahm.
„- wenn wir aber gar nicht bekämpfen wollen“, fuhr Olivia ungerührt fort, als hätte sie ihr gar nicht zugehört, „sondern nur erschrecken, ablenken, durcheinanderbringen wollen, wenn wir sie vielleicht für eine Weile auseinandertreiben wollen -“
„Selbst wenn es gelingt, was wäre damit gewonnen?“, brummte Gina.
Lea jedoch schien schneller zu begreifen. Und ihre Augen leuchteten, als sie zu sprechen begann:
„- dann hätten wir vielleicht die Möglichkeit, den Bagger zu erobern. Nehmen wir an, es glückt, die Baumaschine an uns zu bringen. Und wenn wir sie nur für Minuten in unsere Gewalt bekämen, so könnten wir sie wenden und über die Klippe schicken. Wir könnten sie in den Abgrund hinter dem Rand der Insel fahren lassen. Sie stürzt ab und weg ist sie!“
„Du hast es!“, sagte Olivia bestätigend. Und beide, Lea und Olivia, griffen nach weiteren Speeren und bewaffneten sich mit Sandsteinen. Gina und Michael schlossen sich schließlich an und nahmen nun ebenfalls Speere aus dem Bündel zur Hand und begannen sie in gleicher Weise zu behandeln, wie Olivia es mit dem Ersten getan hatte. Drei Stunden später waren alle Speere und Pfeile, bis auf einige Wenige, denen sie die gefährlichen Spitzen ließen, in stumpfe Geschosse verwandelt, nur noch zu Scheingefechten tauglich.
Am späten Vormittag pirschten sie sich an. Ihre Gesichter waren in einem braunen und grünen Tarnmuster bemalt. Und ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit lag auf ihnen. Hinter dem Sichtschutz aus hohem Gras legten sie ihre Waffen aus und robbten mit ihrem Fernglas bis zum Rand ihres Verstecks. Die Bauleute hatten mit ihrem monströsen Bagger ganze Arbeit geleistet. Der gesamte Westteil der Insel war in eine braune Ödnis verwandelt worden, von der üppig grünen Landzunge mit ihrem wogenden Ozean aus langen Halmen war nichts mehr übrig geblieben. Zurück blieb nur geschundenes Land, eine erbärmliche Wüstenei, über die der Bagger mit der gesenkten Schaufel einherfuhr, um die letzte Unebenheit zu planieren.
Genau kundschafteten sie die Lage auf dem wüsten Feld aus; auf dem Bagger saß nur ein einziger Mann, der zweite stand etwas weiter hinten auf dem bereits fertig begradigten Bereich, wischte sich den Schweiß unter der Kante seines Helmes ab und lauschte Ginas Vater, der an einem kleinen Campingtischchen stand, auf dem der zerknüllten Bauplan ausgebreitet war, den Gina schon gestern bei ihm gesehen hatte. Keine Minute verging, bis ihr Vater den Plan einrollte, zusammen mit dem anderen in Richtung des Bauwagens davonging und schließlich darin verschwand.
„Nur noch ein Mann und der Bagger“, sagte Michael. „Eine günstigere Gelegenheit wird nicht kommen!“
Das war das Zeichen! Olivia und Michael, die beiden Bogenschützen, spannten an. Lea und Gina machten sich mit ihren Speeren bereit.
Auf das geflüsterte „Los!“ von Michael eröffneten sie alle gleichzeitig das Feuer. Aus dem Hinterhalt hagelte es Speere und Pfeile, denen sie die Spitze genommen hatten, sodass Hoffnung bestand, dass niemand durch die Geschosse ernstlich Schaden nehmen würde. Sie prasselten auf den Bagger nieder wie ein Regen. Nach dem ersten Schub brachten sie sogleich den Nächsten und einen Dritten auf den Weg. Sie hörten, wie die Pfeile und Speere auf Blech, Glas und Kunststoff trafen, sahen, wie Speere am Schutzhelm des Mannes am Steuer abprallten! Doch die Maschine tuckerte weiter!
Wie auch immer das möglich war, aber der Mann auf der Maschine schien den Beschuss so wenig zu bemerken, wie die Mücken, die im Flug auf der kleinen Frontscheibe und auf dem gewaltigen Metallleib seiner Höllenmaschine zerschellten!
Unbeeindruckt fuhr der Fahrer fort, kramte aber in irgendeiner Ablage herum und holte, gerade als Michael und Olivia zur nächsten Salve ansetzten, einen Regenschirm heraus. Gina stutzte. War es möglich, dass SIE in der Lage waren, ihn so verrückt zu machen, dass er einen Angriff mit annähernd fünfzig Speeren, die nun teilweise im Boden steckten oder auf der Maschine oder deren Bedienungsraum lagen, mit einem Hagelschauer verwechselte? Es blieb ihr jedoch keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn schon ging die nächste Salve auf ihn und die Maschine nieder. Ein Speer durchstieß, der abgestumpften Spitze zum Trotz, den Stoff des aufgespannten Schirmes und blieb schaukelnd darin hängen, ein anderer prallte wirkungslos vom Helm des Arbeiters ab, aber ein dritter traf ihn unter den Sichtschutz. Und endlich schien er etwas zu bemerken!
Die Maschine stoppte abrupt, der Mann taumelte vom Sitz und hielt sich eine Hand vor das Auge. Lea stürmte zur Eroberung los, doch neben dem schmerzgebeugten Mann tauchte wie aus dem Nichts (und wiederum von Lea nicht bemerkt!) Ginas Vater auf, besprach sich für einen Moment mit dem Verletzten und schüttelte den Kopf, als konnte er kein Verständnis für die Arbeitsunterbrechung aufbringen. Behände sprang er auf die Maschine und übernahm selbst den Fahrersitz, startete eigenhändig die Maschine und ließ sie genau in dem Augenblick weiter voranrollen, als Lea – völlig fixiert auf ihr Ziel – gerade im Begriff war, vorn auf die Motorhaube zu springen. Lea rechnete nicht mit der Bewegung und verfehlte ihr Ziel, rutschte ab und fiel mit dumpfem Aufprall in die Baggerschaufel. Regungslos blieb sie darin liegen, kam nicht wieder hoch. Aber die Maschine knatterte weiter, denn Ginas Vater reagierte gar nicht auf das Geschehene, von Blindheit geschlagen reagierte er wie jemand, der von all dem rein nichts mitbekommen hatte.
Was geschah hier nur? Was zur Hölle ging hier vor? Gina konnte es nicht mehr begreifen.
„Stoppt das Ding“, schrie sie jetzt besinnungslos vor Angst. „Stoppt es!“
Sie packte einen der letzten verbliebenen spitzen Speere und nahmen ihn wie Lanzen in Anschlag und wollte schon losstürmen. Doch Michael packte sie am Arm und zog sie mit aller Kraft hinter seinen Rücken.
„Hör auf, sei ruhig!“, sagte er beschwichtigend, „das hat keinen Sinn!“
„Los“, sagte er zu Olivia gewandt.
„Nimm die spitzen Speere und versuch, die Reifen zu treffen! Ich schieße mit den Pfeilen darauf!“
Michael, ihr bester Bogenschütze, ließ einen spitzen Pfeil nach dem anderen von der Sehne surren und Olivia unterstützte ihn. Sechs spitze Pfeile brachten er ins Ziel; sie noch einmal so viele Speere; sie trafen die mächtigen Reifen der Höllenmaschine, doch es fruchtete nichts.
„Es bringt nichts! Die Pfeile prallen einfach ab!“, krächzte Michael.
„Sinnlos“, sagte Olivia. „Sogar mit so einem angespitzten Speer kommt man nicht durch diese Reifen!“
Da hielt Gina nichts an ihrem Platz. Achtlos warf sie den Speer beiseite und stürmte vor, ihre beiden Freunde schneller zurücklassend, als sie noch irgend eingreifen konnten.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 10. Noch eine böse Überraschung

Wolkeninsel

Gina, Lea, Olivia und Michael rannten wie entfesselt über den Trampelpfad nach unten. Keiner achtete auf die spitzen Steine unter ihren nackten Fußsohlen, geschweige denn dass sie sie überhaupt spürten. Kurz vor dem Ziel wurden sie langsamer, fassten sich und atmeten durch, um die Gedanken zu klären. Um die nächste Biegung würden sie sehen können, was unten vor sich ging.
Bäuchlings krochen Gina und ihre Gefährten vor und im Schutz hoch aufgeschossener Grasbüschel spähten sie nach unten. Gina bewaffnete ihr Auge wieder mit dem Fernglas und glarte das wogende Grasmeer entlang, bis die Eindringlinge in ihrem Gesichtsfeld auftauchten.
Keine Monster aus außerirdischen Fahrzeugen waren dort unten zugange. Nein, dem ersten Blick nach zu urteilen waren es ganz gewöhnliche Männer, Erwachsene von der anderen Seite der Realität, dessen war sie sich sofort sicher. Sie trugen die Montur von Bauarbeitern, gelbe Kunststoffhelme saßen auf ihren Köpfen, weiße Trägerunterhemden spannten sich über ihre wettergegerbten Oberkörper, gierig gerauchte Zigaretten kippten in ihren Mundwinkeln auf und ab.
Aber dann flutete kaltes Entsetzen durch Gina, als sie einem der Männer ins Gesicht sah: weiß war es wie Magerquark, unbewegt wie tot. Und die Augen – genau das hatte sie schon einmal gesehen!! – waren entsetzlich ausdruckslos und schwarz.
Einer der totenblassen Männer wuchtete einen Bauzaun in die Höhe und verankerte ihn in der Erde. Der andere saß auf einem mächtigen Bagger, einer monströsen Maschine, bullig und breit, einem Koloss aus Stahl. Mit dieser Maschine hatte er begonnen, die Landzunge im wahrsten Sinne des Wortes aufzurollen; in einem breiten Streifen schälte das mächtige Blatt der Baggerschaufel das Gras wie Rollrasen ab und hob, nachdem sie sich etwa zehn Meter vorgefressen hatte, den abgerollten Grünstreifen auf. Dann wendete die Maschine, knatterte mit hämmerndem Motor zum Rand der Insel und kippte die grüne Last achtlos in die Tiefe, hinab ins Nichts. Dann wendete der Fahrer erneut und setzte sein Zerstörungswerk fort. Gina beobachtete es mit solchem Entsetzen, dass sie den Blick gar nicht mehr abwenden konnte. Erst ein hallendes Krachen ließ sie vor Schreck das Fernglas verreißen.
Mit einem Scheppern, das noch hier oben zu vernehmen war, war die Tür eines Bauwagens ganz vorn auf der Spitze der Landzunge aufgestoßen worden. Ein Mann sprang heraus und begann ohne jeden erkennbaren Anlass haltlos, mit rauer, sich überschlagender Stimme herumzuschreien und unverständliche Kommandos zu brüllen, als wäre er mit der Arbeit der Männer ganz und gar nicht zufrieden.
„Diese Stimme!?“, dachte Gina.
Sie suchte den haltlosen Schreihals mit den Linsen ihres Glases – und erstarrte von Neuem.
Denn es war niemand anderes als ihr eigener Vater!
Nach ein paar weiteren sinn- und besinnungslosen Brüllern wandte er sich wieder um, knüllte herrisch einen zusammengerollten Bauplan unter seinem linken Arm zusammen, stampfte über das Metalltreppchen zurück in den Bauwagen und schlug die Tür energisch hinter sich zu.
„Das konnte nicht sein!“, dachte Gina. Wie hypnotisiert setzte sie sich in Bewegung, so plötzlich und unvermittelt, dass keiner ihrer Freunde eine Chance hatten, sie zurückzuhalten.
„Gina, nein!“
„Was ist los?“
„Was hat sie?“, wisperte es hinter ihr, doch sie war schon auf dem Weg nach unten. So gut sie konnte, nutzte sie die Deckungsmöglichkeiten des Geländes, um den Blicken der beiden Arbeiter zu entgehen, erst einen Busch, dann ein Dixi-Klo, zuletzt einen Stapel von Bauzäunen. So schlich sie sich Stück um Stück zu dem Bauwagen hinüber, pirschte sich zu der Tür, hinter der ihr Vater soeben verschwunden war.
Mit pochendem Herzen schlich sie die schmale Metalltreppe hoch und blickte sich noch einmal um; außerhalb ihres Sichtfeldes ratterte die Maschine und die klingenden Schläge eines schweren Hammers auf die Metallrohre eines Bauzauns erklangen. Das überzeugte sie davon, dass die beiden Bauarbeiter sie nicht bemerkt hatten. Noch einmal atmete sie ganz tief durch. Dann klopfte sie gegen die Tür.
„Herein“, ertönte es von drinnen und Gina öffnete die Tür.
Auf einem schäbigen Plastikstuhl hockte ihr Vater an einem länglichen Tisch unter dem kleinen Seitenfenster des Bauwagens.
Und auf eben diesem Tisch stand – die alte Zuckerdose! Gina beachtete sie jedoch nur einen flüchtigen Augenblick, denn schon im nächsten Moment hefteten sich die Augen im leichenblassen Gesicht ihres Vaters auf sie. Die Augen waren genauso schrecklich und leer wie die der Männer, wenn nicht noch schlimmer, weil Gina doch genau wusste, wie die Augen ihres Vaters sie normalerweise anschauten.
„Was willst du hier, Kleine?“, fragte er Gina wie eine Fremde.
In den Augen war kein Wiedererkennen auszumachen. Eine Sekunde lang blieb Gina unbewegt stehen, hoffte und bangte, dass es genauso sein würde, wie vor Zeiten in der geträumten Küche, wo ihr Papa zwar auch drei Anläufe benötigte, um sie als seine Tochter zu erkennen, zuletzt aber doch noch ihren Namen aussprach. Doch diesmal konnte Gina lange warten, kein Zeichen des Erkennens stellte sich ein, nichts verriet, dass es wusste, mit wem er es zu tun hatte.
„Was ist“, sagte er schließlich ungeduldig, „antworte oder bist du etwa auf den Kopf oder auf den Mund gefallen?“
Die barsche und unhöfliche Anrede, wie von einem Wildfremden ausgesprochen, verunsicherte Gina, aber sie fasste sich schnell wieder.
„Ich möchte wissen, was Sie hier tun“, sagte Gina fest, „wieso zerstören Sie die wunderschöne Wiese und die Pflanzen, wo doch da all die Schnecken, Käfer und Ameisen leben?“
„Zerstören?“, sagte der Mann, „wir zerstören gar nichts! Wir bauen auf! Wir erschaffen etwas aus dieser ungezieferdurchlebten Wildnis, führen diese Ödnis einem profitablen Zweck zu!“
„Sie reißen mit ihrer furchtbaren Maschine das herrliche Meer aus Gras weg, verjagen oder töten die Tiere, die hier leben!“
Gina wurde warm im Gesicht und ein seltsames Gefühl begann in ihr zu wachsen.
„Ungeziefer“, blaffte er. „Wuselnde und stechende Insekten! Darauf können wir doch keine Rücksicht nehmen, wo wir doch Wichtigeres zu schaffen haben! Unsere Aufgabe ist es, hier Platz zu schaffen! Ebenen und aufgeräumten Raum werden wir der planlosen Pampa abgewinnen, damit andere kommen können, um eine schöne, große und fortschrittliche Fabrik zu bauen, in der viele Leute Arbeit, Lohn und Brot finden werden, eine Fabrik, in der sie all die Dinge herstellen werden, die alle Welt braucht und kaufen will: Computerteile oder vielleicht Suppendosen oder Metallzäune oder Autos mit Zwölf-Zylinder-Motoren, irgendetwas Nützliches und Gewinnbringendes auf jeden Fall.
Und da kommst du hier reingeschneit und erzählst was von Ungeziefer und Gras!“
„Aber -“, wollte Gina weitermachen, doch er unterbrach sie mit erhobener Hand, schwenkte die Hand in der Luft hin und her und schüttelte den Kopf.
„Du brauchst gar nichts Weiteres mehr einzuwenden!“, sagte er, fast wirkte er dabei ein wenig nachdenklich. „Es ist nämlich völlig egal, was du dazu denkst.Und es ist sogar egal, was ich dazu denke! Andere befinden darüber und treffen die Entscheidungen! Und basta!“
Er griff nach einer Thermoskanne in seiner Tasche, die an einem Bein des Tisches lehnte, schüttete etwas von der schwarzen, dampfenden Flüssigkeit in eine benutzte Henkeltasse. Der scharfe Geruch von stark geröstetem Kaffee stieg Gina in die Nase. Und mit einem Plastiklöffel schaufelte er aus der Zuckerdose Vogelsand mit einigen der schäbigen Münzen in die Tasse, als wäre es Zucker.
Gina schaute baff zu und musste dabei an einige der Aufschriften denken, erinnerte sich der hoch- und hohltönenden Stichwörter auf den ollen Münzen in der Zuckerdose auf dem Tisch des Baustellenwagens, die in sinnloser Zusammensetzung die unwiderstehlichen Zauberwörter aus der Welt der Erwachsenen wiederholten: „Profit“, „Ordnung“, „Gewinn“, „Nutzwert“, „Produktivität“…
Ihr Papa rührte in der Tasse und führte dann das widerliche Gebräu an den Mund und trank begierige Schlücke von der sandigen Plörre.
„Ah, tut das gut“, stöhnte er und setzte die Tasse ab.
Von dem Zaubertrank gekräftigt, stieg eine andere Idee in ihm auf und hastig griff er nach einem abgegriffenen Aktenordner, der an der Ecke des Tisches unter dem Bauwagenfenster lag.
„Hier, sieh die offizielle Anweisung vom Oberbauleiter“, sagte er triumphierend, „er hat´s angeordnet und alles ist entschieden!“
Er knallte den grauen Aktenordner auf den Tisch und zog ein gelochtes Stück Papier heraus und hielt es Gina vor das Gesicht. Es war weiß und vollkommen leer.
„Ja, der Beweis, jetzt sagst du nichts mehr!“, frohlockte er.
Gina schüttelte den Kopf, als könne sie damit diesen bösen Traum verscheuchen.
„Papa, Papa“, flehte Gina und das eigentümliche Gefühl, das in ihrem Inneren gewachsen war, verstärkte sich. Sie musste es anders versuchen, irgendwie anders.
„Weißt du denn nicht, wer ich bin?“, stammelte Gina leise und fühlte dabei, wie ihr Gesicht heiß und ihre Augen feucht und glasig wurden. „Ich bin deine Tochter, Gina, und du zerstörst meine Welt.“
Der Vater blickte sie aus schwarzen Augen an und beinahe glaubte Gina, endlich Erkennen und Verständnis in ihnen aufschimmern zu sehen.
Doch es war nur ein flüchtiger Augenblick, dann war es wieder weg.
Und das tote Gesicht brauste auf und verzog sich hässlich.
„Du kleine Wilde, schau dich doch an, halb nackig, wie du hier herumläufst, du willst meine Tochter sein?“, fragte er mit urplötzlich wutverzerrtem Gesicht und der Moment war vorbei, als habe es ihn nie gegeben, „du bist ganz sicher nicht meine Gina. Die ist zuhause und lernt fleißig, dass mal was aus ihr wird: Ärztin, Rechtsanwältin, Produktionsleiterin, irgendetwas Ordentliches und Gewinnbringendes auf jeden Fall – aber doch nicht du …“ Mehr und mehr schien er sich maßlos zu erregen, sodass ihn nichts mehr auf seinem schäbigen Stuhl hielt, nichts sehend, vor sich hinstierend lief in dem Bauwagen auf und ab. „Was glaubst du denn nur, unverschämte kleine Lügnerin, so eine verschmutzte Göre will sich bei mir als meine Gina ausgeben? Nein“, sagte er und starrte sie mit seinen leeren Augen an. „Niemals, dass ich nicht lache!“
Und damit riss er die Tür des Bauwagens auf und brüllte die beiden kräftigen Männer herbei. Der Maschinenlärm und die Hammerschläge verstummten und einen Moment später traten die beiden Bauarbeiter mit ihren Bauhelmen und Trägerunterhemden schwerfällig vor die Wagentür hin.
„Habt ihr keine Augen im Kopf?“, schnauzte Ginas Vater sie an. „Hier tobt ein Kind auf der Baustelle rum! Und jetzt wütet die Kleine sogar im Bauleiterwagen herum! Schafft sie weg! Und zwar schnell!“
Die beiden Männer bewegten sich wie Marionetten an ihren Schnüren, doch ihr Griff, mit dem sie Gina links und rechts an den Armen packten, war fest. Verständnislos starrte Gina ihren Vater an und konnte sich nicht mehr helfen; voll Zorn und Verzweiflung schrie sie, wandte sich und strampelte, wehrte sich nach Kräften gegen den eisernen Griff der Männer, doch es war nichts auszurichten. Für Augenblicke rang Gina noch mit ihrer Fassung, konnte aber nicht anders, als den Kampf verlieren. Schließlich rollten ihr heiße Tränen über das Gesicht.
„Papa“, murmelte sie, „Papa!?“ Wie war das nur möglich, sie konnte es nicht, sie wollte es nicht verstehen. Noch nicht.
Die Männer hoben sie ungerührt hoch und trugen sie davon, vorbei an dem neu errichteten Bauzaun, an dem ein gelbes Schild mit schwarzem Rand hing. Darauf stand:
„Betreten der Baustelle verboten! Kinder haften für ihre Eltern!“
„Verschwinde hier“, sagte einer der Männer mechanisch und anteilnahmslos. „Es ist gefährlich hier für Kinder! Siehst du nicht das Schild?“
Weit vor dem Zaun setzten sie Gina ab, wandten ihr die breiten Rücken zu und gingen davon.
Gina sank auf die Knie und weinte ohnmächtig.
Sie bebte am ganzen Körper, in mehreren, aufeinanderbrandenden Wellen rollte ein Schluchzen und Zittern durch ihren Leib, aber von Welle zu Welle spürte sie, wie sich dabei ihr Geist wieder langsam beruhigte.
Nach einer oder zwei Minuten hatte sich Gina wieder so weit im Griff, dass sie zurück zu ihren Freunden gehen konnte, die noch immer wie angewurzelt hinter dem Sichtschutz aus hohem Gras kauerten.
Noch während sie nach oben ging, spürte sie, dass der Weinkrampf ihre Gedanken so weit gereinigt und geklärt hatte, dass sie wieder völlig klar denken konnte. Ihre wurde klar, was hier vor sich ging und dass ihr Vater nur eingeschränkt verantwortlich war für das, was er hier tat und gesagt hatte.
„Sie träumen“, dachte sie, „sie handeln wie Träumende, die von ihren Trauminhalten hin und hergeworfen werden, umhergewirbelt werden wie ein kleines Schiffchen im tobenden Sturm! Man sieht es an ihren Augen, sie erkennen nichts und sehen in leeren Blättern Handlungsanweisungen!“
Mit erneut aufloderndem Zorn blickte sie zum Himmel auf, als sie die Böschung hinaufkrabbelte.
„Dafür also braucht IHR Traumportale“, sagte sie leise. „Um bewusstlos träumende Menschen hierher zu zerren, Erwachsene, die so in ihre Vorstellungen eingesponnen sind, dass sie für EUCH ausführen müssen, was IHR nicht selbst tun könnt, weil IHR, denen alles nutz- und wertlos ist, was das Sein schön und lebenswert macht, vielleicht schon seit Millionen Jahren zu einem endlosen Todesleben erstarrt seid! Zu großen, teerverklebten Steinen seid IHR geworden, die keinerlei eigene Fähigkeit mehr besitzen außer der, EURE bösen Gedanken des Zornes und der bodenlosen Nichtigkeit in die Gehirne anderer einzupflanzen!“
Als Gina den oberen Rand der Böschung erreicht hatte, richtete sie sich zu ihrer vollen Körpergröße auf, blickte zum Himmel hoch und drohte IHNEN mit der Faust.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 9. SIE

Wolkeninsel

Die zahllose Male durchdachten Abläufe für den Tag X halfen, Panik zu vermeiden. Das war ein zusätzlicher Vorteil von unschätzbarem Wert. Alles lief wie ein perfekt geöltes Uhrwerk. In der Mitte des Lagers loderte das Feuer, entrindete, kerzengerade Äste lagen, die angespitzten Enden, kreisförmig in der Glut. So entstanden Speere mit feuergehärteten Spitzen. Darüber hinaus vermochten die vier Insulaner zwei weitere Waffengattungen aufzubieten: Pfeile, nach dem gleichen Verfahren gehärtet wie die Speere, und Bogen sowie aus Astgabeln gefertigte Steinschleudern, die aus Bauchtaschen mit kleinen Flusskieseln bestückt wurden. So schickten sich die Kinder mit primitiver, aber nicht ganz nutzloser Bewaffnung an, ihr kleines Reich gegen einen Feind unbekannter Art, Anzahl, Größe und Fähigkeit zu verteidigen. Wieder führten sie mit vor Konzentration angespannten Gesichtern Zielübungen auf Zielscheiben durch, die aus Schilf und Gras geflochten waren. Essen, ruhen, üben, die fertiggestellten Speere und Pfeile zu tragbaren Bündeln zusammenstellen, das Lager unkenntlich machen, Tarnfarben für Gesichter und Körper aus Erde und Pflanzensäften anrühren, alles dies vollzog sich in weitgehend wortlosem Einverständnis. Auf diese Weise verstrich der Tag der Vorlaufzeit, die ihnen die Aufzeichnungen der Buchrolle zusicherte, ehe das Ende begann.
In der Nacht zwangen sich alle in ihre Decken und lagerten sich um das Feuer, das nun sicherheitshalber in einer den Schein abblendenden Erdgrube brannte. An richtigen Schlaf war im Grunde nicht zu denken und wurde gänzlich unmöglich, als Mitternacht überschritten war. Das Brummen schwoll ab diesem Zeitpunkt zu einem Lärm an, den beim besten Willen niemand mehr ignorieren konnte. Die Lärmquelle wanderte langsam von dem Raum unterhalb der Insel zu ihren Seiten hinauf und positionierte sich letztlich in einer bestimmten Höhe über der Insel. Ängstlich spähten die Kinder zum nächtlichen Himmel auf. Irgendetwas, schwärzer als schwarz, verdeckte an einer Reihe von Stellen am Himmel die Sterne. Und es brummte, als schwebten riesenhafte Hornissennester in gut hundert Metern Höhe im Luftraum über der Wolkeninsel.
Doch erst im Licht der frühen Morgendämmerung wurde erkennbar, was geschehen war. SIE – waren es SIE? – waren eingetroffen.
SIE sahen aus wie kantige und schartige Brocken zerschlagenen Straßenasphalts, schwarz und porös schimmerten sie, als seien sie von einem dünnen Schmierfilm übelriechenden Altöls überzogen. Wie ungeformte Asteroiden, an den breitesten Stellen gut und gern fünfzig Meter im Durchmesser, hingen sie in ineinander geschachtelten Kreisen aufgereiht in der Luft um die Insel und rotierten träge, aber allesamt im gleichen Rhythmus um den eigenen Schwerpunkt.
„Sind es Schiffe?“, fragte Lea leise und mehr zu sich selbst.
Wenn es fremdartige Flugschiffe waren, würden ihnen dann bald entsetzliche Wesen entströmen und eine Invasion der Insel anlaufen?
Endlich stieg die Sonne über den Horizont und bahnte sich ihren Weg ins erstrahlende Blau. Die ekelhaften Teerklumpen am Himmel wurden entsetzlich deutlich, sahen von der Sonne direkt beschienen noch weit missgestalteter und hässlicher aus als im Zwielicht; Fremdkörper waren sie; sie gehörten der ewigen Nacht an; hier gehörten sie nicht her. Zwar änderte sich rein äußerlich nichts an ihnen, doch konnte man spüren, dass von ihnen eine Ausstrahlung wie von bösen, übelwollenden Gedanken ausging, die einem kalte Schauer über den Rücken jagten, sobald sie einen wie anbrandende Wellen trafen.
Gina suchte, einen kühlen Kopf zu bewahren, und wandte sich an Olivia.
„Hol das Fernglas“, kommandierte sie.
Akribisch suchte Gina IHRE Oberflächen der Reihe nach mit dem Fernglas ab, doch die toten, grindigen Krusten zeigten keinerlei Bewegung und auch keine Ansätze von Öffnungen, durch die irgendwelche Insassen diesen schrecklichen Himmelsgefährten entsteigen könnten.
Lange sagte Gina nichts zu ihren Beobachtungen.
„Und? Was siehst du?“, drängte sie schließlich die nervösen Stimmen ihrer Kumpanen.
Gina blickte in die Runde.
„Was soll ich da sehen“, sagte sie, „Nicht mehr als ihr mit bloßen Augen!“
„Nichts, gar nichts“, fügte Gina noch hinzu, doch ihre nichtssagende Antwort wurde von einem donnernden Lärm geschluckt und von keinem ihrer Freunde vernommen.
Erschreckt wirbelten die Kinder herum und blickten gehetzt Richtung Westen, von woher der Krach zu ihnen gedrungen war. Zugleich setzten sich ihre Beinpaare in Bewegung und rannten durch das kleine Wäldchen, rasten den Serpentinenweg hoch und starrten oben zu der Landzunge, dem westlichsten Ausläufer der Insel hinüber. Eine Säule schwarzen Rußes stieg dort kerzengerade zum Himmel auf. Und dann erkannten sie das Geräusch: Ein mächtiger Dieselmotor war donnernd gezündet worden und tiefes Maschinenröhren, Rattern und Knattern wehte durch die Luft zu ihnen herüber.

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"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 8. Zeit des Übergangs

Wolkeninsel

Eine knappe Stunde, nachdem Gina und Lea ins Lager zurückgekehrt waren, kamen Michael und Olivia von ihrem Rundgang zurück. Gina erzählte ihnen, dass – mit Ausnahme des Rochens, der sich mit dem Ankerstein vereinigt hatte – keine weiteren Auffälligkeiten zu verzeichnen gewesen seien.
„Wir sind“, berichtete Michael, „bis zu den Schilfteichen im Norden und von dort aus über den schmalen Pfad hinter den Bergen entlang bis zu den südlichen Mooren gegangen. Dort haben wir über den Steilhang nach unten geblickt, weil wir hofften, vielleicht etwas von der Quelle dieses Geräusches auszumachen. Aber ich kann nicht sagen, dass wir irgendetwas Besonderes gesehen hätten.“
„Höchstens, dass das Geräusch etwas leiser geworden ist“, ergänzte Olivia hoffnungsvoll.
„Geräusche erscheinen in der Nacht lauter und sind kilometerweit zu hören“, sagte Lea. „Tagsüber erscheinen sie zurückgenommener. Da wir keinen Dezibelmesser haben, können wir das nicht feststellen!“
Niemand wollte Lea zu weiteren ermutigenden Ausführungen anregen. Daher widersprach ihr keiner.
„Wie auch immer! Es gibt nichts, was wir heute noch tun können“, schlussfolgerte Gina. „Die Wächter haben für heute ihre Aufgabe erfüllt. Nachdem wir gegessen haben, sollten wir etwas ruhen.“
Alle leisteten diesem Vorschlag bereitwillig Folge, denn inzwischen hatte die Sonne den Mittagspunkt schon weit überschritten und es dürfte gegen drei Uhr Nachmittag gehen. Nachdem sie Fladenbrote mit Beerenmus verspeist hatten, zogen sich die übrigen an den Fischweiher zurück. Dort dösten sie nahe bei den Gärten, wo die Kartoffeln und die Tomaten und der Löwenzahn wuchsen, im Schatten der überhängenden Silberweide am Ufer oder gingen schwimmen zwischen dem Schilfrohr im seichten Wasser. Obwohl Gina selbst Ruhe verordnet hatte, fühlte sie sich gar nicht danach. Sie sonderte sich bald ab und trug den Sack mit den Hirsekolben zu den ungeduldigen Wellensittichen. Gina war froh, dass sie niemand auf diesen einsamen Marsch begleiten wollte. Sie nutzte die Unternehmung, um ihre Gedanken zu sortieren.
Buchrollen und Zuckerdosen gingen ihr durch den Sinn und nur zu gerne ließ sie sich deshalb von den Vögeln für ihre nachlässige Fürsorge ausschimpfen, wie sie es verdient hatte. Mit Heißhunger stürzten sich die blauen und grünen Vögel auf die Hirse und waren ganz ausgelassen; für sie war es ein ganz normaler Tag. Nichts schien sie zu beunruhigen. Und das beruhigte dann auch Gina. Ein wenig.
Der nächste und der übernächste Tag verliefen nicht anders. Nur dass sie, als Lea und sie am übernächsten Flug wieder an der Reihe waren, nur einer Hand voll weitläufig versprengter Rochen begegneten, die ohne Interesse an ihrer Gegenwart im Wind trieben.
„Muss nichts heißen“, meinte Lea – Gina staunte insgeheim über diese merkwürdige Umkehrung der sonst üblichen Rollenverteilung – „wie oft hatten wir das schon, dass wir die Rochenschule verpasst haben und die große Masse der Tiere ganz einfach woanders war.“
Es war eine Erklärung, aber Gina war sich dessen nicht so sicher.
Am dritten Tag stieg Gina in den Bauch der Insel in der Hoffnung, dem seltsamen Brummen, das nach wie vor und wie es schien immer aufdringlicher zu hören war, auf den Grund zu gehen. Sie kraxelte, eine Fackel aus geölten Tüchern in der Rechten, durch die Klüfte und kroch durch felsige Maulwurfgänge. Nachdem sie gut drei Stunden in der Dunkelheit zugebracht hatte, war sie sich sicher, dass der Ton nicht aus den Eingeweiden der Wolkeninsel erklang, sondern weit darunter aufstieg. So kletterte sie in den Schacht, der zur Kaverne am tiefsten Punkt der Insel führte. Und da war es sonnenklar. Wie in einem Schalltrichter bündelte sich in dem birnenförmigen Hohlraum das sonore Geräusch, das aus dem Nichts unter der Insel drang. Der wie ein Glocke surrende Hohlraum versetzte die gesamte Insel in Schwingung, sang wie die Dampfpfeife eines alten Ozeankreuzers und, durch das Gestein übertragen, drang der Schall nach oben. Diese Entdeckung erzeugte ein äußerst ungutes Gefühl in Ginas Magen. Bedrückt machte sie sich auf den Weg zur Oberfläche, trottete dort über die mageren Wiesen am Grund der Schlucht zu dem kleinen Wäldchen zurück, das ihr Lager beherbergte.
Im Lager steckten schon alle die Köpfe zusammen, denn Gina war nicht die Einzige, die Neuigkeiten mitbrachte. Sie ahnte schon, dass es die Art von Nachrichten war, die sie alle befürchtet hatten.
„Die Rochen sind endgültig verschwunden, keine Spur mehr von ihnen, weit und breit“, sagte Michael.
Endlich also war es soweit, dachte Gina und das grässliche Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich, der letzte Tag war angebrochen.
„Und noch etwas anderes ist da – mindestens genauso seltsam!“, fuhr Michael fort. „Der Ankerstein: Er ist begrünt und atmet voller Leben. Er ist jetzt kein öder, toter Stein mehr! Und eine kleine Quelle sprudelt aus einer der vielen komischen Narben an seiner Oberfläche! Auch scheint er zu wachsen, irgendwie in die Breite zu gehen! Wisst ihr was? Ich glaube, da wird eine neue Insel draus; da wette ich drauf!“
Das wäre in der Tat eine erstaunliche Nachricht gewesen, wenn sie Zeit gehabt hätten, sich darüber klar zu werden. Ohne es zu wissen, hatte Gina die Geburt einer neuen Insel miterlebt, die zugleich und immer dann entsteht, wenn auf der Erde Mutter und Vater sich im Innersten berührt haben und ein neuer Erdenbürger sich entwickelt. Aber jetzt stand ihr nicht der Sinn danach, über dieses Wunder nachzusinnen. Ohnehin war Michael noch nicht ganz fertig.
„Und ebenfalls ziemlich seltsam“, sagte er, „der Ankerstein scheint sich in Bewegung gesetzt zu haben; er treibt in Südrichtung davon. Bemerkenswert schnell sogar! Noch zwei oder drei Tage, schätze ich, und er wird von der Südroute verschwunden sein!“
„Wenn er zur Insel wird, ist es wahrscheinlich besser, dass er sich davon macht – wie die Rochen auch!“, sagte Lea. Es klang pessimistisch, doch wahrscheinlich hatte sie diesmal vollkommen recht! „Immerhin, dann werden wir jetzt ja endlich erfahren, wer oder was SIE sind!“

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