"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 7. Der Ritt auf dem ersten Sonnenstrahl

Wolkeninsel

Als ob die Wächter (überflüssigerweise) noch einmal eindringlich daran erinnert werden müssten, dass sich bald vieles ändern würde, blieb Ginas Rückkehr aus dem Strudel nicht die einzige Besonderheit dieses Tages. Wenige Stunden, nachdem sie sich schlafen gelegt hatten, fing in dieser Nacht das Brummen an. Urplötzlich begann ein gleichförmiger, surrender Ton, der aus großer Tiefe aus dem Boden zu dringen schien, die Luft zu erfüllen, leise genug, dass er den Schlaf nicht unmöglich machte, laut genug, um als beunruhigende Veränderung deutlich wahrgenommen zu werden.
Das fremdartige Geräusch trieb die Wächter früher als üblich aus ihren Deckenlagern. Die unheimliche Neuheit traf sie ohne jede Vorbereitung und keiner konnte sich einen Reim darauf machen. Sie nahmen nur einen kleinen Imbiss zu sich, denn sie mussten umgehend herausfinden, ob es etwas mit IHNEN zu tun hatte. Lea und Gina würden den Ritt unternehmen, die anderen das Lager in Ordnung bringen und dann später zum Rundgang über die Insel aufbrechen.
Eilenden Schrittes brachen Lea und Gina zu den Bergen auf, die sich schwarz vor der Morgendämmerung abzeichneten, jagten dem höchsten Punkt der Insel zu. Ihre durchtrainierten Muskeln bewältigten den gewohnten Aufstieg auf das felsige Gipfelplateau klaglos, doch die Stimmung war beklommen. Sonst erfüllte die Aussicht auf den magischen Ritt ihre Herzen mit Freude und „Reiterpaar“ zu sein, galt als die Aufgabe, um die sich jeder riss und um die auch Streitereien entbrannt waren, bis die beiden Paarkombinationen fest geregelt und der tägliche Wechsel der Paare eingeführt wurde. Heute jedoch kreiste nur die Frage, was sie da draußen vorfinden oder vielleicht nicht mehr vorfinden würden, in ihren Köpfen.
Unterhalb des Gipfels, auf einem kleinen dreieckigen Flecken, stand windgeschützt die alte Linde mit den Wellensittichhöhlen. Gina fiel schuldbewusst ein, dass sie den Sack mit den Hirsekolben im Lager vergessen hatte. Zwar versorgte sich die Vogelfamilie auf der Insel selbst, doch Hirsekörner waren dennoch heiß begehrt. Noch war Ruhe im Baum, keiner ihrer Schützlinge war zu sehen, wohl ruhten noch alle in den Höhlen des Baumes oder saßen, von unten unsichtbar, die Köpfe unter die Flügel gesteckt, irgendwo in den dichten Blättern der Baumkrone. Später, wenn Gina vom Ritt zurückkam, würden die Vögel bestimmt alle nach Wellensittichart gehörig mit ihr schimpfen, weil sie den Futtersack vergessen hatte.
Nach wenigen Schritten erreichten Gina und Lea das kahle Gipfelplateau, wo der morgendliche Wind frisch über das gelbe und braune Sandsteingeröll pfiff. Am äußersten Rand der freien Fläche standen zwei turmförmige Sandsteine, Menhire, aufrecht nahe nebeneinander. Sie markierten den Aufgangspunkt der Sonne am Mittsommertag. Und auf der Insel war jeder Tag Mittsommertag. Die schmale Spalte war von unten her bereits hellrot erleuchtet.
„Gleich ist es soweit“, sagte Lea mit Spannung.
„Bereit?“
„Bereit“, bestätigte Gina.
Sogleich würde die Morgenröte verblassen und das Licht der aufgehenden Sonnenscheibe durch den Spalt kanalisiert werden.
Ein Strahl weißen Lichts, am Rand regenbogenfarben gestreut, trat durch den Spalt. Gleichzeitig sprangen die beiden Mädchen auf den Strahl auf und wurden fortgetragen vom Strom des Lichts. Gina stand vorne. Lea unmittelbar in ihrem Rücken. Lea juchzte aus ganzem Herzen hinter ihr. Die Füße parallel gegen die Flugrichtung gestellt, als stünden sie zu zweit auf einem Surfbrett, jagten sie dahin. In beständigem Fluss strichen die Lichtteilchen unter ihren Fußsohlen vorbei und trugen sie binnen Sekunden vom Berggipfel weg über die Wiese weit unten und über den äußersten Rand der Insel hinaus in die blaue Einsamkeit des Himmels. Das Gewicht auf den Fußsohlen verlagernd konnten sie die Richtung des Ritts ungefähr beeinflussen, wenngleich die Richtungskontrolle recht träge reagierte und man sich daran erst einmal gewöhnen musste. Der Flussrichtung der Lichtteilchen musste man sich anpassen und mit ihr arbeiten, das war das A und O.
Alsbald war um sie nur der leere Himmelsraum, über ihnen, unter ihnen, nach allen Seiten sich ausweitende Unendlichkeit. Die Haare peitschten ihnen im Flugwind um die Ohren, die voll Windheulen und Rauschen waren.
„Heute ist es die Nordroute“, rief Gina gegen den Lärm an. Wollten sie jemals zur Insel zurückkehren, mussten sie gleich einem Kometen im Sonnensystem eine langgezogene Ellipse fliegen, indem sie ihr Körpergewicht langsam stärker werdend immer mehr auf die Fersen verlagerten. Dann würden sie bei der Kolonie oder knapp dahinter den Wendepunkt ihrer Bahn erreichen und, gegen den Uhrzeigersinn treibend, den trägen Teilchenstrom zurück zum Ausgangspunkt dirigieren können. Manchmal, wenn es über die Südroute ging, mussten sie auch das Umgekehrte tun, doch merkwürdigerweise wusste man nie im Voraus, welchen Weg der heutige Morgen bringen würde. Und egal wie, irgendwann wurde es auf jeden Fall immer sehr sehr anstrengend, immer dieselbe Lagerung des Körpergewichts beizubehalten. Nach einer guten Stunde Flug war man vollkommen kaputt.
„Nordroute“, sagte Lea, die jetzt die Arme ausbreitete, um ihr Gleichgewicht zu verbessern, „dann wirst du aber heute keinen Zwischenstopp am Ankerstein machen! Bis wir dort sind, bin ich schon zu fertig für diese Spielereien!“
„Mal sehen“, grinste Gina in sich hinein und hörte Lea in ihrem Rücken nur leise stöhnen. Und obwohl sie es nicht sah, wusste sie, dass sie hinter ihr die Augen verdrehte.
Eine Viertelstunde später stießen sie durch erste Nebelbänke hindurch. Es waren die ersten Ausläufer jener dicken watteweißen Wolkentürme, in denen die Wolkenrochen lebten.
Voller Erleichterung hörten sie die Tiere, noch bevor sie sie sahen. Ein melodisches Singen wie von Walen. Sie waren also noch da!
Dann tauchen sie neben ihnen und über ihnen auf. Elegante Tiere, flach wie Papierdrachen und ganz ähnlich geformt, aber mit bis zu drei Metern Spannweite. Zuoberst waren sie blaugrau, zuunterst reinweiß. Und hinten liefen ihre stromlinienförmigen Körper in einen langen, mit einer Flosse zum Steuern besetzten Schwanz aus. In ausgelassenen Sprüngen tollten und tummelten sie neben den beiden Mädchen her, umkreisten sie in eleganten Schwüngen, ehe sie abließen und zurückfielen und andere Tiere neugierig ihre Stelle einnahmen; sich rufend und antwortend in vielstimmigem Gesang. In Schwärmen zu Hunderten spielten sie in den Wolken, ihrem Zuhause. Gina und Lea waren von Herzen froh bei diesem Anblick. Noch war alles in Ordnung, noch war alles im Lot. Wenn die Tiere noch da waren, bedeutete das, dass auch von dem brummenden Ton, der seit heute Nacht auf der Insel erklang, so seltsam und unergründlich er auch war, fürs Erste keine unmittelbare Gefahr ausging.
Auf der anderen Seite der Wolken schossen Gina und Lea hinaus ins Blaue, fanden zehn Kilometer weiter draußen den Wendepunkt, tauchten durch die von singenden Drachen bevölkerten Wolken zurück und schwenkten auf die Südroute ein, die sie heimwärts führte.
Auf halbem Weg zurück kam der Ankerstein in Sicht, ein kleiner runder Steinbrocken gleich dem winzigen Planeten des kleinen Prinzen, der einsam im Himmel schwebte.
„Und, wie sieht es aus?“, fragte Gina. „So anstrengend war´s doch heute nicht, dass das nicht auch noch drin ist?“
„Es wird dich doch sowieso keiner abhalten können. Was fragst du also noch?“, sagte Lea schicksalsergeben. Immer ist sie ein wenig miesepetrig und sieht nur zu gerne schwarz, dachte Gina wieder, aber am Ende macht sie doch alles mit; eine beste Freundin eben, die die Macken ihrer besten Freundin geduldig hinnahm und ertrug.
Gleichzeitig verlagerten sie das Gewicht hart nach vorn und standen nun wie Balletttänzerinnen auf den Zehenspitzen und ruderten mit den Armen, um die Balance zu halten. So jagten sie links am Ankerstein vorbei und zwangen sich, auf dem Lichtstrom balancierend, in eine weite Umlaufbahn um den kleinen Planeten. Mit jedem rasanten Umlauf brachten sie die Bahn an einer Stelle immer näher an den Planeten heran, bis Gina aus zwei Metern über der Oberfläche absprang, während Lea nun ganz allein die Schwünge um den Ankerstein kontrollierte. Noch nie war Lea auf den Ankerstein heruntergegangen. Und das würde sie wohl auch nie, nachdem sie Gina einmal einen Tag und eine Nacht dort zurücklassen musste, weil Gina das Wiederaufspringen auf den um den Ankerstein jagenden Lichtbogen nicht gelungen war. Total erschöpft musste Lea irgendwann aufgeben und ohne Gina zur Insel zurückkehren. Erst als Lea am anderen Morgen wiederkam, gelang Gina die Rückkehr. Zum Glück hatte es in der Nacht ein wenig geregnet, sodass sich in einem der kraterartigen Mulden des Kleinplaneten Wasser sammeln konnte. Sonst hätte Gina auf der kargen und unwirtlichen Kleinstwelt nicht nur Hunger, sondern auch noch Durst erleiden müssen.
Gina ging einmal um die kleine braune und völlig unbelebte Felskugel herum, stand oben aufrecht und auf der Unterseite des Planeten im Kopfstand und musste lachen. Es war so herrlich, dieses kleine Spiel zu treiben! Schließlich griff sie nach der kleinen Ledertasche an ihrer Seite und holte ein kleines Fernglas heraus. Der Stopp am Ankerstein sollte ja nicht nur ihrer persönlichen Erbauung dienen (das hätte Lea dann auch nicht mitgemacht!), sondern war Teil der Aufklärungsarbeit der Wächter! Mit dem Fernglas starrte sie rundum ins Blaue, entdeckte gut fünfhundert Meilen östlich ihre Insel, die, von hier aus selbst im Fernglas nur als winziger Fleck erkennbar, friedlich an ihrem angestammten Platz schwebte. Alles war unverändert. Das Geräusch, das in der Nacht aufgetreten war, schien vorerst das Einzige zu sein, was in irgendeiner Weise auf Veränderungen oder Neuerungen hinwies. Zweimal drehte sich Gina um ihre Achse und sah nichts als Blau und Weiß, bis sie bei der dritten Umdrehung an einem bewegten schwarzen Fleck hängen blieb, der sich von Westen her näherte! Kurz setzte sie das Fernglas ab, rieb sich die Augen und blickte zu Lea auf, die auf dem weiß gestreuten Lichtbogen um den Ankerstein jagte. Sie hob die Hand als Zeichen, dass sie etwas entdeckt hatte; Winken hätte bedeutet, dass Lea sich nun wieder so nah an den Ankerstein begeben sollte, dass Gina wieder aufspringen konnte.
„Was ist los da unten?“, schrie Lea, aber Gina hob nur die Schultern zur Antwort. Sie wusste es selbst nicht. Noch einmal rieb sich Gina konzentriert die Augen und hob dann das Fernglas. Da war es wieder – und sie erkannte jetzt einen sich schnell nähernden Wolkenrochen. Er hatte sich von der Gruppe getrennt. War er ihnen bis hierher gefolgt? Oder hatte er den Anschluss verloren und sich verirrt?
Geradlinig, geradezu zielstrebig, hielt er auf den Ankerstein zu. Er hatte sich nicht verirrt. Und um Lea oder sie ging es ihm ganz offenkundig auch nicht! Der Rochen stieß geradewegs auf den kleinen Planeten vor und verschwand unter der Wölbung der Horizontlinie dieser winzigen Welt. Gina sprang vorwärts, war nach wenigen Sprüngen über die gekrümmte Horizontlinie hinaus und sah jetzt erstaunt, wie sich das Tier, den Kopf voran, wie ein Pfeil in die Oberfläche des kleinen Planeten bohrte. Es zappelte und wand sich und schlug mit dem Schwanz wie mit einer Geißel um sich, bis es den Widerstand der felsigen Oberfläche gebrochen hatte und im Inneren des Planeten verschwand. Sofort zerbröselte die braune Steinfläche an der Stelle des Eintritts und nur ein kleines kraterartiges Loch blieb zurück. Gina stand wie angewurzelt da und starrte mit offenem Mund auf das Loch. Das war doch etwas Neues und Überraschendes. Und noch Überraschender: Unter ihren Füßen ertönte jetzt der Gesang des Rochens aus dem Kern des kleinen Planeten! Ein fröhliches Lied voller Lebensfreude, ganz anders als das freudlose Brummen, das auf ihrer Insel erklungen war. Gina hörte noch einen Augenblicke lang (sie wusste, dass sie ihre Freundin nicht mehr all zu lange schmoren lassen durfte!) gebannt und verwundert zu, ehe sie Lea winkte, damit sie sich bereit machte, um sie wieder aufzunehmen.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 6. Die Buchrolle in der Höhle

Wolkeninsel

Am abendlichen Lagerfeuer musste Gina genauer von ihrem Abenteuer berichten und darüber, was sie herausgefunden hatte. An Holzstecken brieten die Forellen aus dem kleinen gestauten Teich, sie dufteten herrlich, und in den Kohlen garten die Feuerkartoffeln.
„Es war, wie wir vermutet haben. SIE haben mir drüben ein Traumportal geschickt. Aber abgeschnitten und vereinzelt, wie man dort nun einmal ist, habe ich es nicht erkannt. Und als ich mich selbst schließlich gefunden hatte, war es nicht da und die andere Gina hatte es auch nicht bei sich oder konnte mir sagen, wo es ist. Vermutlich steht es noch auf der anderen Seite auf der Fensterbank meines Zimmers.“
„Aber wenn es noch da ist“, sagte Lea, ein Mädchen, mit dem sich Gina vor vielen Jahren im Urlaub am Gardasee angefreundet, aber in der realen Welt danach nie mehr gesehen hatte, doch auf der Wolkeninsel hatte sie diese Freundin nie verloren, „dann heißt das doch, dass -“
„Dann heißt das, dass noch einer oder mehrere kommen müssen, richtig!“
„Aber zu welchem Zweck?“, fragte Olivia. „Keine Idee!“, beantwortete sie nach einem Augenblick selbst ihre Frage. Lea schüttelte den Kopf.
„Davon steht nichts in den Aufzeichnungen.“
„Richtig, es sei denn, die Aufzeichnungen sind falsch oder wir haben sie fehlerhaft gedeutet!“, warf Michael ein, während er seinen Fisch über den rot flackernden Flammen wendete. „Aber wir haben sie tausendmal gelesen. Und es ist unwahrscheinlich, dass es so ist.“
„Da ist nichts falsch zu deuten“, meinte Lea kurz angebunden. „Vielleicht sollen wir es gar nicht richtig wissen. Schließlich sollten wir auch fragen, wer die Aufzeichnungen dort hinterlegt hat und zu welchem Zweck. Womöglich sollen sie uns ja auch in die Irre führen!“
„Bis jetzt waren sie sehr hilfreich“, schritt Gina ein. „Ohne sie hätten wir nicht gewusst, wie ich mit dem violetten Strudel umgehen soll. Und wenn du meinst, SIE hätten sie geschickt, wieso hätten sie uns vor sich selbst warnen sollen und uns die Hinweise mit den Wolkenrochen geben sollen, dass wir vorab erkennen können, wann sie erscheinen! Das gäbe doch keinen Sinn!“
Lea nickte etwas widerwillig.
„Außerdem macht die Frage nach irgendwem, der sie hinterlegt haben könnte, auf der Insel keinen Sinn. Denn in einer Welt, die der des Traumes so ähnlich ist, hat alles ganz einfach im Kopf seine Ursache. Deshalb war die Felsenkammer mit der Buchrolle erschienen, ganz einfach, weil es so sein musste und wir die Informationen brauchten!“
„Ich hoffe, du hast Recht!“, meinte Lea.
„Sie hat Recht“, meldete sich Michael wieder zu Wort. „Und es ist doch sonnenklar, warum die Buchrolle jetzt nicht mehr weiterhilft! Die Aufzeichnungen reichen nicht über den Zeitpunkt hinaus, an dem SIE anfangen, die Portale zu verteilen! Danach gibt es keine Informationen mehr, außer der, dass das Ende kommt!“
„Sehr ernüchternd“, grunzte Lea. Immer sah sie alles schwarz, dachte Gina, aber das war nun einmal ihre Art; alle hatten sich inzwischen daran gewöhnt und wussten meist damit umzugehen.
„So werden wir sicher nicht erraten, was SIE im Schilde führen“, sagte Gina entschieden, „indem wir anfangen, uns über die Einzelheiten zu streiten. Aber es wird bald losgehen. Und wann es sein wird, das zumindest werden wir es immerhin ganz genau erkennen können. Es wird ganz sicher bald, sehr bald losgehen!“
Michael zog seinen Stecken vom Feuer weg, grub mit dem anderen Ende eine große Kartoffel aus der Glut frei und prüfte sie mit dem spitzen Ende des Spießes.
„Fertig“, sagte er.
Sie aßen jetzt schweigend von den Forellen aus dem Stauteich und Salat von Löwenzahn. Und die ganze Zeit über dachte Gina an die Rolle, die sie vor Wochen in einer der Höhlen unter der Insel entdeckt hatten. Sie lag in einer Kammer auf einem steinernen Sockel unter einem gut zwanzig Meter langen künstlichen Lichtschacht, der sie mit der Helligkeit der mittäglichen Sonne beschien. Durch diese Rolle hatte sie ihr anderes Ich in der Welt der Erwachsenen gefunden und mit sich nehmen können. Und sie sagte ihnen auch, woran sie IHRE Wiederkunft mit wenigstens einem Tag Vorlaufzeit erkennen könnten:

„Reite auf den ersten Sonnenstrahlen und schaue nach den Kolonien der Wolkenrochen, den Delfinen der Lüfte, findest du sie, besteht keine Gefahr. Denn wie die Tiere des Landes das Erdbeben oder den Vulkanausbruch vorab spüren und aufgeregt das Weite suchen, so schwinden die Rochen von ihren angestammten Plätzen, wenn SIE nahen.“

Jeden Morgen aufs Neue prüften sie seither die Kolonie dieser seltsamen Tiere, die sie gut tausend Seefahrermeilen westlich der Insel in den Luftmassen entdeckt hatten. Es war seitdem das erste Werk der Wächter an jedem neuen Tag.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 5. Die Wolkeninsel

Wolkeninsel

Gina stand auf einem Bett aus Wolken, weich, luftig und warm, von überirdischer Beschaffenheit, nichts Vergleichbares hatte sie je unter ihren nackten Füßen verspürt. Auf der Wolkenoberfläche trieb sie sacht dahin, auf einen länglichen Ausläufer der Wolkendecke hin, der wie eine Pfeilspitze in das stählerne Blau des Himmelsraums hinausragte. Wie sie langsam näher trieb, bildete sich am äußeren Rand der Wolkenspitze eine Luftverwirbelung, erst völlig durchsichtig und einige feine Dunstfäden spiralig mit sich reißend, dann aber fester und undurchdringlicher. Über der Spitze entstand ein tunnelförmiger Farbwirbel in dunkelblau und tiefem Violett, der sie aufnahm. Mit angstlosem Erstaunen trieb Gina in den Wirbel ein, tauchte, ohne ihr eigenes Zutun in die Bauchlage gleitend, hindurch, nicht etwa rasant wie in der Röhre einer Wasserrutsche, in der sie immer ein flaues Gefühl im Magen bekam, sondern sanft und langsam wie eine Feder. Nachdem sie durch den Wirbel hindurchgetreten war, schwamm sie, nun mit einem leichten Drall nach vorn nach unten sinkend, scheinbar wieder im Blau desselben Himmels. In der Sinkrichtung aber gewahrte sie jetzt eine kleine, grüne, bergige Insel, die in dem Himmel schwebte, über der Insel das stahlblaue Firmament, knapp unter ihr jedoch gähnte das unendliche, schwarze Nichts, still und unbewegt, doch irgendwie furchterregend anzusehen. Der Sinkflug verschnellerte sich, sodass die Oberfläche der Insel bald ihr gesamtes Blickfeld einnahm und das unheimliche Schwarz unter der Landmasse verschwand. Schließlich setzten ihre Fußsohlen weich auf einer grasbewachsenen Landzunge der sattgrünen, hügeligen Insel auf. Wie auf einer Hochebene im Gebirge stoben Windböen durch das Meer hohen Grases, das wie Wellen auf dem brausenden Ozean bewegt zu sein schien. Es war weder kalt noch warm, sondern einfach nur vollkommen angenehm. Und sie fror nicht, obwohl Gina erkannte, dass sie nur noch die braunen Leinenstreifen am Körper trug, mit denen ihr die andere Gina in der Küche entgegengetreten war. Wo sie stand, war das Gras weit weniger hoch und bildete einen Pfad, der sich in leichten Windungen ins Inselinnere hinzog. Überhaupt wusste Gina, obgleich sie selbst das erste Mal hier war, dass ein Netz dieser Trampelpfade über die gesamte Insel verlief. Der Hauptpfad, auf dem sie jetzt stand, lief mehr oder minder geradlinig hinauf zu der Kette von drei Bergen, die dunkelblau in westlicher Richtung thronten. Auf dem höchsten stand der Vogelbaum, in dessen Höhlen die Wellensittiche nisteten, die einst in einer Voliere im Schrebergarten ihres Vaters gelebt hatten, bis die letzten drei Tiere, bereits über zehn Jahre alt, verendet waren, noch ehe Gina neun Jahre alt geworden war. Danach wurden die Voliere und das Schutzhaus für den Winter abgebaut. Doch nach wie vor lebten die Tiere hier weiter, auf dieser Insel. Gedankenverloren folgte Gina dem Weg und sah an den Seiten im Gras die roten Gartenameisen und die Feuerwanzen wuseln, die sie als kleines Kind beobachtet und in Schraubdeckelgläsern gefangen hatte – es war wie ein Blick in eine längst vergangene Zeit, auf urälteste Erinnerungen, die grau und verwaschen sein müssten, jetzt aber ungetrübt und völlig real waren. Gina wurde klar, dass dies die Insel ihrer Kindheit war, von der sie wehmütig dachte, dass sie vorbei war, weil ihr eine Beschäftigung wie das Fangen von Ameisen in ausgedienten Marmeladengläsern heute eigentlich nur noch ein müdes Gähnen abnötigte und sie nichts dergleichen heute mehr tun würde, diese Zeiten waren vorbei. Doch hier waren sie noch da und völlig lebendig, sicher ein vergangener, aber dennoch wahrer und unmittelbarer Teil ihres Lebens, der damals Bedeutung für sie besaß und jetzt irgendwie noch immer. Sie wollte es nicht missen. Ohne sich nähere Rechenschaft darüber abzulegen, warum, schlug Gina einen von dem Hauptpfad nach rechts abweichenden Pfad ein, der eine Weile parallel zu der Hügelkette verlief. Nachdem sie vielleicht fünfzig Meter sacht bergauf gegangen war, stieg sie auf die grüne Böschung zu ihrer Rechten. Dank ihrer perfekten Orientierung auf dieser Insel wusste sie genau um den überwältigenden Anblick, der sich ihr hier bot. Gina stand über dem Rand einer breiten und flachen Schlucht, die sich nach Osten bis zum Rand der Wolkeninsel erstreckte, eine Art Grand Canyon in Miniaturausgabe. Nur war ihr Grund gleichfalls grasbedeckt wie alles auf der Insel. Auf der anderen Seite erstreckte sich eine ebene, dichtbewachsene Buschlandschaft in gedeckten Grüntönen bis an die Grenze von Ginas Blickfeld, dahinter tat sich ein leicht dunstiger Horizont auf. Nirgendswo waren menschliche Siedlungen oder Bauten zu sehen. Es war eine gewaltige, scheinbar unbehauste Einsamkeit (freilich wusste Gina auch das besser). An der gegenüberliegenden Steinwand der Schlucht erkannte sie eine von hier aus klein und dunkel erscheinende Öffnung im gelben Sandstein. Die Öffnung führte in ein Höhlensystem, das die andere Gina und ihre Freunde bereits ausgiebig erkunden hatten. Es durchzog die ganze Insel bis in ihre tiefsten Tiefen. Durchquerte man es bis zu seinem tiefsten Punkt, gelangte man in eine nach unten geöffnete birnenförmige Kaverne von vielleicht dreißig Metern Höhe und zehn Metern Breite (an der breitesten Stelle). Trat man an den Rand der Öffnung ganz unten hatte man einen beängstigend freien Blick unter die Insel und konnte in das ewige Nichts, die grenzenlose Leere schauen, ein falscher Tritt und es gab keine Rettung mehr!
Gina riss sich vom Anblick des Höhleneingangs am Fuß der Schlucht los. Es war an der Zeit weiterzugehen, zurückzukehren! Zielsicher ging sie den Pfad weiter, bis sie zu einer Wegkehre kam, die sie seitlich über eine schmale Serpentine in die Schlucht selbst hinabführte. Über den Wipfeln von Bäumen schritt sie den Weg ab, bis sie ins Grün des Blätterdachs eintauchte und unten auf einen freien Platz zwischen den Stämmen hinaustrat. Dort bildeten die Äste und die knorrigen Wurzeln natürlich gewachsene Behausungen an den kühlen Windungen eines Quellbachs, der wenige Meter links von mir aus der Felswand trat, jenseits des Wäldchens zu einem künstlichen kleinen See gestaut war, weiterrann bis zum Rand der Insel, wo er als fein sprühender Wasserfall ins Unendliche rieselte, um irgendwann als Dunst wieder aufzusteigen und sich an den Bergkuppen von Neuem abzuregnen.
„Ich bin zuhause angelangt!“, rief Gina in die Stille hinein. Und augenblicklich kam Leben auf den Platz. Von den Bäumen und aus den Astlöchern sprangen und schwangen sich drei Kinder hinab. Olivia war da und auch Michael. Sie hatten irgendwo ganz sicher ihre eigenen Welteninseln, aber ein Teil von ihnen war hier bei ihr, wie ein wichtiger Teil von ihr bei ihnen war, immer. Einer nach dem anderen legten ihr die anderen schweigend die Hand an oder auf die Schulter, genauso, wie es auch die andere Gina getan hatte, offenkundig war es hier die übliche Art der Begrüßung – ohne Lärm, ohne Unruhe.
„Du hast es wirklich gewagt, durch den violetten Strudel oben an der Landzunge zu gehen?“, fragte Olivia mit bewunderndem Blick.
„Ja“, antwortete Gina, „das habe ich.“
„Und – hast du sie gefunden? Wo hast du sie?“
„Ich habe sie bei mir“, antwortete Gina und deutete mit dem Zeigefinger auf ihr Herz.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 4. Die Doppelgängerin

Wolkeninsel

Am anderen Tag, dem Dritten bis zum Sonntag, dem 21. Juni, fühlte sich Gina schon wieder ganz wie die Alte. Sie ging mit Olivia skaten und wunderte sich nur nebenbei über die unsinnigen Gedanken, die ihr infolge ihres Traumes gekommen waren. Dabei waren Träume doch nichts als Schäume und was sollte denn an dem besagten Sonntag Besonderes geschehen? Es würde ein Sonntag wie jeder andere sein und alle Merkwürdigkeiten würden sich in Luft auflösen so schnell, wie der Schaum in der Badewanne vergeht. Ein vager Gedanke blieb zwar in ihrem Hinterkopf. Tatsache aber war, dass sie mit der Mahnung ihres Großvaters im Traum, bereit zu sein, ja ohnehin nichts anfangen konnte. Denn sie besaß schließlich keinen einzigen Hinweis, wofür sie sich bereit machen und wie sie sich für was auch immer wappnen sollte. Insofern war das alles, so schlussfolgerte sie mit glasklarer Logik, in der Tat völlig bedeutungslos. So kam es, dass sie Sonntagmorgen ohne jede besondere Erwartung in den Tag startete, und der Tag denn auch ohne jedes herausragende Ereignis verstrich.
Ohne einen weiteren Gedanken an olle Zuckerdosen oder Sommersonnwendtage zu verschwenden, ging sie gegen neun Uhr zu Bett, denn sie wollte für den Montag ausgeschlafen sein, da für Mathematik in der zweiten Stunde ein Test angekündigt war. Gina schlief ruhig und völlig traumlos, bis das Mondlicht die Zuckerdose auf dem Fensterbrett traf.
Sie wusste es freilich nicht, aber genau in dem Moment, als das geschah, fand sich Gina auf der Party zu ihrem zwölften Geburtstag wieder. Sie hatte das peinliche, zuckerhutförmige Papierhütchen auf, das Michael, neben Olivia einer ihrer engsten Freunde, ihr übergestülpt hatte. Und nun kam auch Olivia vorbei, drückte ihr ein langstieliges Glas mit Kindersekt in die Hand und sagte ihr, dass sie hinten an einem der mit weißem Papier gedeckten Partytische einen Toast für ihre Gäste ausbringen solle. Gina hasste derartige Auftritte wie die Pest. Angestrengt überlegte sie hin und her, was sie überhaupt sagen sollte. Doch ehe sie sich auch nur ein einziges Wort überlegt hatte, geschah etwas Merkwürdiges. Zwar hatte sie nichts mitbekommen oder gesehen, doch wusste sie urplötzlich instinktiv, dass sie von ihrer Aufgabe befreit war, denn irgendjemand – es musste eine Art Doppelgänger ihrer Selbst sein, so viel war ihr klar – hatte die Aufgabe soeben bereits zu allseitiger Zufriedenheit gemeistert und die Gäste klatschten Applaus. Gina ging einige Schritte durch die Menge, um die Doppelgängerin zu Gesicht zu bekommen, und bemerkte dabei, dass sie nunmehr sehr zielstrebig durch den Flur der elterlichen Wohnung Richtung Küche ging. Party und Gäste hatten sich schlagartig in Luft aufgelöst. Mit dem sicheren Wissen, die Person, die sie suchte, genau hinter der geöffneten Küchentür vorzufinden, betrat sie die Küche und zog die Tür von der Wand weg, an die sie angelehnt war. Ohne jede Überraschung oder Erschrecken sah sie dem blauäugigen Mädchen hinter der Tür ins Gesicht. Das glatte dunkelbraune Haar fiel ihr über die Schultern und einige Sommersprossen zogen sich über die Oberseite ihrer Nase. Gina kannte den skeptischen Blick dieses Mädchens aus dem Badezimmerspiegel. Es war ihr exaktes Ebenbild, eine Doppelgängerin, vollkommener und gleicher als jede eineiige Zwillingsschwester. Nur ihre Kleidung unterschied sich gewaltig. Während Gina T-Shirt und Jeans trug, hatte dieses Mädchen einen einfachen Lendenschurz aus ausgefranstem braunem Stoff angelegt; im Brustbereich ein gleichfarbiges, am Rücken gebundenes Stoffband. Diese Aufmachung verlieh ihrer Erscheinung etwas Wildes und Ungezwungenes, von der Freiheit und Ungebundenheit, wie sie nur ein wildes und freies, naturverbundenes Leben verhießen.
„Da bist du ja“, sagte das Mädchen, von der Begegnung genauso wenig überrascht oder erschreckt wie Gina selbst. „Ich habe schon auf dich gewartet!“
Damit trat sie aus dem Schatten der Küchentür und legte Gina vertraulich eine Hand auf die Schulter.
„Ich bin du, das weißt du“, meinte sie, „aber mehr vermutlich nicht, oder?“
Gina schüttelte den Kopf.
„Macht nichts“, sagte sie unbekümmert, „da wir ein und dieselbe sind, wirst du´s wohl schnell kapieren.“
„Komm, gehen wir doch ein Stück“, sagte ihr Gegenstück forsch. „Es bringt nichts, hier nur langweilig herumzustehen.“
Sie setzte sich in Bewegung und lief hinaus auf dem Flur. Gina folgte ihr, holte schnell auf, um an ihre Seite zu kommen.
„SIE haben ein Traumportal geschickt, stimmt´s? Sonst wärst du schließlich nicht hier?“
Gina fühlte sich begriffsstutzig.
„Ein Portal?“
„Na ja, irgendso ein Ding, das dich am Sonnwendtag hergezogen hat! Irgendetwas, das urplötzlich bei dir auftaucht und meistens keinen Sinn ergibt.“
Gina legte die Stirn in Falten.
„Die Zuckerdose mit den komischen Münzen?“, fragte sie leise.
„Ja, möglich, so was in der Art kann es sein“, sagte sie nur mäßig interessiert. „Es kann allmöglicher Krempel sein.“
„Auf den Münzen stand „Disziplin“, „Ordnung“, „Produktivität“ und so ein Zeug!“
„Das könnte IHNEN womöglich ähnlich sehen. Wahrscheinlich es also wirklich diese Dose“, meinte sie und klang dabei plötzlich nicht mehr ganz so fröhlich und unbeschwert. „Zeig her, wo hast du sie?“
Gina schaute an sich herunter und blickte irritiert im Raum umher. Sollte sie diese Dose etwa bei sich führen?
„Du hast sie nicht?“, fragte die andere Gina und legte einen verstehenden Blick auf. „Dann bist du nicht die Einzige, die hergeholt werden soll. Je nachdem, wie viele Personen kommen sollen, wird sie erst mit der Letzten auftauchen. Wir werden sehen, was das soll. Es könnte interessant werden …“
Gina überwand sich und sagte: „Ich verstehe noch immer gar nichts! Was soll das hier und was machen wir hier?“
„Ganz einfach, du und ich oder kurz: Wir sind hier, um unsere Aufgabe zu erfüllen! Und es wird bald Zeit, denn die Pflicht ruft und wir müssen bald wieder daran gehen!“
„Welche Aufgabe?“
„Wir sind Wächterinnen!“, antwortete sie mit größter Selbstverständlichkeit, „alles, was wir haben und sind, müssen wir vor IHNEN schützen – eine gewaltige Aufgabe, die nicht leicht ist und nicht leicht genommen werden kann.“
„Wer oder was sind SIE?“
„Frag mich nicht, wenn das einer wüsste, wäre es vielleicht einfacher. Oder womöglich sogar noch schwieriger? (Sie druckst herum, dachte Gina, und lässt alles nebulös erscheinen, wie jemand, der dir nur mit einer Gruselgeschichte Angst einjagen will!) Wir wissen es nicht, aber es heißt, sie hätten schon Milliarden Welten gleich der unseren vernichtet! Und nur ununterbrochene Achtung und Wachsamkeit kann uns davor bewahren, das gleiche Schicksal zu erleiden.“
Gina erinnerte sich an die Mahnung, die ihr der geträumte Großvater zu der Zuckerdose gegeben hatte: den nutzlosen Hinweis, aufzupassen, ohne überhaupt zu erwähnen, worauf.
„Und worauf müssen wir achten, auf was sollen wir denn eigentlich aufpassen?“, hakte Gina fordernd nach.
Die andere Gina schaute sie mit großen Augen an.
„Ich weiß die Antwort auch nicht. Wir sind einfach so wachsam, Tag für Tag, und hoffen, auf diese Weise alles richtig zu machen. Dich verrückt zu machen, nützt dir auch nichts! Wichtig ist jetzt nur, dass du da bist und dass wir zusammen schnellstens gehen müssen, um an den Ort unserer gemeinsamen Aufgabe zu gelangen!“
„Wir gehen doch schon zusammen“, meinte Gina. „Die ganze Zeit laufen wir jetzt schon zusammen, kommen aber nirgendwohin!“
Noch immer liefen sie im Flur der Wohnung von Ginas Eltern entlang; er schien sich, wie in zwei Spiegeln gespiegelt, ins Unendliche verlängert zu haben.
„Wir gehen nebeneinander, aber nicht zusammen“, korrigierte die andere Gina. „Wenn wir los wollen, müssen wir aber eins werden! Wir müssen uns zu der Einheit wiedervereinen, die wir gewesen sind, ehe wir begannen, auseinanderzudriften.“
„Wann sind wir ´auseinandergedriftet´?“
„Jeder Mensch driftet auseinander, treibt von sich selber weg, sobald er das Ende seiner Kindertage erreicht“, antwortete sie. „Aber jetzt haben wir die Chance, wieder zusammen zu kommen! Nicht, dass SIE uns diese Chance geben, weil sie so edelmütig sind, nein, ganz im Gegenteil – ich kann nur vermuten, dass SIE das alles, das Hinüberziehen in die Anderswelt mittels der Traumportale und so, inszenieren, damit SIE uns zusammen und damit restlos in ihre Gewalt bringen und für alle Zeiten endgültig zerreißen können! Ich glaube, das würde IHNEN sehr gefallen!“
Gina hatte noch immer nicht das Gefühl, viel begriffen zu haben.
„Wie auch immer“, meinte die andere ernst, „jetzt kommen wir jedenfalls wieder zusammen. Wenn wir großes Glück haben, für immer!“
Mit diesen Worten vollzog die andere Gina den Akt der Einswerdung. Sie wandte sich mit dem Blick zurück zur Küchentür um und schob sich selbst von links in Gina hinein. Gina wunderte sich, dass sie dabei eigentlich gar nichts Besonderes fühlte; der Vorgang fühlte sich ganz selbstverständlich und unspektakulär an, wie das tausendste Hineinschlüpfen in ein Paar warmer, altbekannter Hausschuhe. Die Küchentür und der ins Endlose gespiegelte Flur jedoch verflogen in diesem Augenblick wie von einem seichten Wind davongetragen. Und Gina stand unter einem endlos hohen und strahlend blauen Himmel, der in den Randbereichen in einen dünnen weißen Dunst überging.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 3. Traum und Wirklichkeit

Wolkeninsel

Gina hatte den Entschluss gefasst, als sie an diesem Morgen beim Frühstück gesessen und über den komischen Traum nachgedacht hatte. Sie hatte die Zuckerdose erneut obenauf in ihre Schultasche gestellt und den Vormittag über sorgsam darauf geachtet, dass keinem ihrer Mitschüler oder Lehrer auffiel, was sie da Seltsames in ihrer Tasche transportierte. Nach Schulschluss setzte sie sich ganz hinten im Pausenhof auf eine der verlassenen Tischtennisplatten und beobachtete für eine Weile den lärmenden Zug der Mitschüler, die durch das Gittertor aus dem Schulgelände strömten. Schließlich griff sie nach dem Smartphone, das ihre Eltern ihr vor zwei Monaten zu ihrem 12. Geburtstag geschenkt hatten.
„Zur Sicherheit“, hatten sie gesagt, „dass du jederzeit anrufen kannst, wenn du unterwegs bist.“
Gina schaltete das Gerät ein (es während der Schulzeit eingeschaltet zu haben, war offiziell verboten, obgleich sich viele Schüler und auch so mancher Lehrer nicht an diese Regelung hielten) und wählte aus der Liste die Nummer ihrer Mutter aus.
„Zur Sicherheit“, erinnerte sich Gina und hoffte, ihre Mutter nicht in Alarmstimmung zu versetzen, wenn sie jetzt diese Nummer antippte. Nach wenigen Sekunden hatte sie ihre Mutter auf der anderen Seite.
„Mama“, sagte Gina, „kannst du das Mittagessen warmstellen? Ich möchte heute Opa besuchen!“
Gina war sich bewusst, dass ihre Mutter dieses Vorhaben als eine ziemlich seltsame Anwandlung empfinden würde. Nicht dass Gina den alten Mann nicht gemocht hätte, dennoch zählten die gelegentlichen sonntäglichen Besuche bei ihm doch eher zum etwas lästigen Pflichtprogramm.
„Du willst heute deinen Opa besuchen?“, sagte sie und an ihrer Stimme erkannte sie genau diese bemessene Portion Verwunderung, die sie erwartet hatte. „Dir entgeht dann aber das selbstgemachte Ratatouille, nachdem du gestern mit der Gourmetsoße aus dem Glas auskommen musstest!“
„Das entgeht mir ja nicht“, wich Gina aus. „In einer oder zwei Stunden ist es schließlich immer noch da.“ Und sie hatte Glück. Ihre Mutter fragte Gina nicht weiter über die Beweggründe aus und unternahm auch keinen Versuch, ihr die Idee auszureden.
Gina nahm die Buslinie 3 und stieg zehn Minuten später am Bayernplatz aus, wo der Opa in einem der betongrauen Wohnblöcke in einem kleinen Appartement wohnte. Dorthin war er vor über zehn Jahren nach Omas Tod gezogen. Und er war noch rüstig genug, sich selbst zu versorgen.
Die Haustür stand offen und eine Mutter mit Kind machte sich im Eingangsbereich an einem Kinderwagen zu schaffen. So gelangte Gina, ohne zu klingeln in das Wohnhaus. Das tat sie erst im zweiten Stock an dem schwarzen Plastikknopf neben der weiß gestrichenen Tür der großväterlichen Wohnung. Der Geruch von Pellkartoffeln drang hervor, als der alte Mann mit dem dichten grauen Schnauzbart und der kartoffeldicken Nase die Tür öffnete. Ginas Mutter sagte immer, man sehe ihm nicht an, dass er beinahe neunzig war, doch Gina konnte das nicht recht beurteilen.
„Gina, Kleine! Das ist ja ein ganz unerwarteter Besuch!“, sagte er und seine großen blauen Augen betrachteten sie genauso eindringlich, wie sie es in Ginas Traum getan hatten. Gina beschloss, gleich zur Sache zu kommen und die Wahrheit zu sagen.
„Ich habe heute Nacht von dir geträumt, Opa“, sagte sie. „Ich möchte dich deshalb etwas fragen und dir etwas zeigen.“
„Träume sind Schäume!“, sagte der Großvater und Gina wunderte sich, hatte sie doch genau denselben Satz heute schon einmal gehört. „Aber nichtsdestotrotz, komm ruhig herein. Geh schon mal vor ins Wohnzimmer. Leider kann ich dir nichts zu essen anbieten“, fuhr er beiläufig fort. „Im Alter will und braucht man nicht so viel. Ich habe mir heute nur ein paar Pellkartoffeln mit etwas Kräuterquark gemacht und bin schon längst mit Essen fertig!“ Das mache nichts, antwortete Gina, denn ihre Mutter halte ihr heute was Gutes warm.
Wie es ihr gesagt worden war, ging sie hinüber in den Wohnraum. Aus der kleinen Küche klang es, als habe der Opa den Pellkartoffeltopf in die Spüle gestellt. Dann hörte sie ein Glas, das hart auf der Anrichte landete, und das Klappen der Kühlschranktür. Gina setzte sich auf das altertümliche Sofa (Opa hatte es ganz sicher noch aus dem Haus, in dem er mit seiner Frau viele Jahrzehnte gelebt hatte) gegenüber dem Tisch und dem Sessel ihres Opas und platzierte ihren Ranzen vor ihren Füßen. Als der Opa kam, stellte er ihr ein Glas Cola mit einem großen Eiswürfel darin auf den Tisch und setzte sich seinerseits ihr gegenüber in den schon etwas abgewetzten Sessel (wahrscheinlich mochten alte Leute keine neuen Sachen mehr um sich haben, weil sie sich dann vielleicht noch älter fühlten).
„Na dann schieß mal los“, ermunterte sie der alte Mann.
„Vielleicht“, meinte Gina und öffnete den Deckel des Ranzens zu ihren Füßen. „Vielleicht kannst du mir damit helfen. In meinem Traum konntest du mir etwas zu dieser Dose sagen.“
Sie holte die geheimnisvolle Zuckerdose hervor. Zwischen den Augen ihres Großvaters bildete sich eine kleine Falte, als er sie wortlos ansah. Er sah tatsächlich so aus, als erkenne er irgendetwas wieder oder als rege sich bei dem alten Mann irgendetwas Unbestimmtes ganz am Rande der Erinnerung. Gina folgte diesem Anstoß und reichte ihm die Dose. Er nahm sie mit beiden Händen in Empfang und setzte sie auf seinen Schoß. Mit zweifelnden Augen schaute er sie an.
„Wo hast du das her?“, fragte er und einige gespannte Sekunden vergingen, in denen Gina hoffte, er würde ihr verraten, dass er mehr über diesen Gegenstand und seine Bewandtnis wusste oder ahnte. Doch dann fügte er den etwas ernüchternden Nachsatz an: „Aus einem Mülleimer?“
„Nein“, sagte sie, „ich habe diese Dose gefunden. Oder eher umgekehrt, sie hat mich gefunden, denn sie war so hingestellt, dass ich im Grunde über sie stolpern musste!“
„Du hast sehr viel Fantasie!“, sagte der Opa und lächelte, als habe er soeben nichts als irgendeine haltlose Kinderei mitgehört. Durch die Art und Weise, in der er das sagte, fühlte sich Gina ein wenig in eine Verteidigungslage gedrängt.
„Opa, du hast die Dose eben angesehen, als hätte sie dich an irgendetwas erinnert, als würde sie dir etwas sagen!“
„Solche Dinge sind lange her“, sagte der Opa in einem seltsam wehmütigen, aber auch abwehrenden Ton. „Ich glaube, in der Küche meiner eigenen Großmutter gab es so eine Zuckerdose. Dunkel erinnere ich mich, dass ich als Kind hin und wieder Zuckerstücke daraus stibitzt habe, aber das ist so lange her, dass es schon gar nicht mehr wahr ist.“
Gina blickte ihn fragend an.
„Dass ich Kind war, ist schon so lange her“, fügte er zur Erklärung an. „Und weißt du, das ist zwar ein altes Ding, aber diese Dose kann es nicht gewesen sein, die vor über achtzig Jahren auf dem Kaffeetisch meiner Großmutter stand. Sie müsste ja heute über hundert Jahre alt sein. Und wie um alles in der Welt sollte sie nur auf diesem seltsamen Wege in deine Hände gekommen sein? Ohnehin sind solche Dosen Nippes, wie man so sagt, tausendfach kopiert. Sicherlich kann man auch heute noch genau so eine Dose in jedem Klimbimladen kaufen!“
Gina ahnte, dass sie so nicht mehr sehr viel weiterkommen würde.
„Es ist ja nicht nur die Dose, sondern auch, was drinnen ist! Münzen mit komischen Aufschriften!“
Der Opa hob den angeschlagenen Deckel ab und lugte ohne größeres Interesse hinein.
„Schmutz und einige alte Münzen“, sagte er, schüttelte den Inhalt einen Augenblick hin und her und hielt dabei die Dose so, dass das Tageslicht des Fensters besser ins Innere fallen konnte. „Vielleicht Spielgeld oder ausrangierte Auslandswährungen. In dem Erhaltungszustand wird wohl leider keine dieser Münzen irgendetwas wert sein.“
Er gab Gina die Dose zurück und plötzlich geschah etwas Unverhofftes. Die liebenswerten blauen Augen verhärteten sich, wurden für einen frostigen Moment starr.
„Die Zeiten für solche Kindereien enden irgendwann und der Ernst des Lebens beginnt“, sagte er mit gänzlich veränderter Stimme, die voller Ernst und ohne Nachsicht war. „Und du bist eigentlich alt genug, dass es auch bei dir bald der Fall sein müsste.“
Doch schon im nächsten Augenblick war der andere, fremde Opa wieder verschwunden, seine Augen lachte wieder, als habe er den Satz eben nie gesagt, habe ihn gar nicht so gemeint oder sogleich vergessen, ihn gesagt zu haben.
„Trinkt doch von der Cola! Sie wird ja noch warm!“
Irritiert nahm Gina das kalte Glas auf und nippte daran. Keinesfalls wollte sie den anderen, fremden Opa nochmals hervorlocken. Daher erwähnte sie mit keinem Wort, dass eine weitere Frage, die ihr auf der Seele lag, ebenfalls mit ihrem Traum und der Nippesdose zu tun hatte.
„Ich muss wissen, wann der Mittsommertag ist – für die Schule, fällt mir gerade ein.“
Daraufhin holte der Opa ein altes, in dunkelblaues Leinen gebundenes Lexikon aus einem der Schränke und blätterte in den vergilbten Seiten.
Schließlich las er vor:
„Der Mittsommertag oder Sommersonnwende (21. Juni) ist der Tag mit dem höchsten Stand der Sonne über dem Horizont und bezeichnet somit den längsten Tag des Jahres; Zeit der Hochfeste der keltischen und germanischen Völker, da die Nähe der diesseitigen Welt und der „Anderswelt“ zu dieser Zeit im Jahr als besonders groß erachtet wurde.“
Nachdem Gina ihre Cola ausgetrunken und ihre Fragen, soweit es eben möglich war, geklärt hatte, wusste sie nicht mehr recht, was sie mit dem alten Mann noch bereden sollte. Und so verabschiedete sie sich schließlich mit der Begründung, jetzt doch langsam Hunger zu bekommen. Nachdenklich fuhr sie mit der entgegengesetzten Linie zurück zur Bushaltestelle vor der Schule und nutzte dann ihren üblichen Schleichweg. Ihre Mutter sagte ihr, dass Olivia angerufen habe, weil sie Inliner fahren wolle. Doch Gina hatte heute wenig Lust dazu. Sie würde sie anrufen und sich mit vielen Hausaufgaben herausreden. Sie war ein wenig in Gedanken und brauchte ihre Ruhe; das selbstgemachte Ratatouille schmeckte ihr sehr gut, doch trotz ihres Hungers (sie war tatsächlich sehr hungrig) war sie selbst beim Essen nicht ganz bei der Sache. Es war der 17. Juni. Noch vier Tage bis zur Sommersonnwende – wenn dieses Datum überhaupt irgendetwas bedeutete.

Fortsetzung folgt am Montag, 29.06.15!

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 2. Ginas Großvater

Wolkeninsel

Gegen Morgen wurde Gina durch eine laute Stimme in ihrem Schlaf gestört. Die Nachbarin im ersten Stock telefonierte furchtbar laut bei offenem Fenster. Gina spähte auf ihren Wecker. Es war 3:70 Uhr.
Wie seltsam, dachte sie, doch ihr Gehirn war augenblicklich noch zu schlaftrunken, um klar zu erfassen, was daran so merkwürdig war.
Drei Uhr siebzig.
Trotz ihrer geistigen Erschöpfung kam sie mit schlafwandlerischer Sicherheit auf die Beine; sie vermochte sich nicht einmal zu erinnern, wie sie überhaupt aufgestanden war. Jedenfalls stand sie plötzlich bei ihrem Fenster und schaute hinaus. Es war ebenfalls offen und die erste Morgenröte zog sich über den Horizont. Morgendlicher Nebel waberte über ihre Fensterbank in das Innere ihres Zimmers und kroch über den Teppich und unter dem Bett entlang.
„Drei Uhr siebzig“, dachte Gina und schüttelte energisch ihren Kopf, um ihre Gedanken zu klären, „so was kann es nicht geben! Ganz sicher träume ich nur, dass ich aufgewacht bin!“
Langsam schaute sie sich in dem Zimmer um und erwartete halb, dass es sich auflösen würde, dass sie in eine traumlose Dunkelheit eintauchen und auf deren anderer Seite erwacht in ihrem realen Zimmer auftauchen würde. Doch es geschah nicht. Das Zimmer, der kriechende Nebel, der gerötete Himmel in ihrem Rücken blieben völlig unverändert. Irgendeiner Eingebung folgend verließ sie ihr Zimmer, ging den Flur entlang und an der geschlossenen Badezimmertür vorbei ins Wohnzimmer. Die Anrichte mit dem Fernseher darauf, das Sofa, der Tisch mit einer leeren Bierflasche und dem Rest einer Chipstüte, der TV-Sessel; alles in diesem Traumwohnzimmer sah haargenau so aus, wie sie es auch in der Realität hätte aussehen können. Nur die Zuckerdose, so aufdringlich mitten auf der Fensterbank des großen Panoramafensters drapiert, dass man sie unmöglich übersehen konnte, war fremd und neu in diesem Raum. Und Gina erinnerte sich überdeutlich, sie selbst nicht hier, sondern eben auf der Fensterbank ihres eigenen Zimmers abgestellt zu haben!
„Diesmal schicken SIE“ – das Wort war scharf wie in tatsächlichen Großbuchstaben betont – „also eine Zuckerdose!“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Gina wirbelte herum. Und obwohl sie sich absolut sicher war, dass es vor Sekundenbruchteilen noch nicht der Fall war, saß da ihr Großvater Alfred in dem bequemen TV-Sessel, der nun dem Fernseher abgewandt und der Fensterseite und Gina zugewandt war. Die Finger seiner Hände ineinander geschränkt saß er da; an den Füßen dieselben ausgetretenen Pantoffeln, die er bei sich zuhause immer trug; dieselben grauen Stoffhosen und ein weißes Unterhemd.
Vor Erstaunen wusste Gina nichts außer ein knappes „Opa?!“ hervorzubringen, während sie ihr Großvater ohne jede Verwunderung mit seinen eindringlichen blauen Augen aus dem grauen, neunundachtzigjährigen Gesicht ansah.
„Ja“, sagte er betrübt, „Gina, nun bist du wohl dran; die Zeit der Kindheit geht auch bei dir vorbei!“
„Was meinst du damit?“, fragte Gina verwirrt.
„Ich kann mich nicht erinnern, was ich damit meine“, antwortete er. „Bei mir waren SIE sehr gründlich mit ihrem Werk, sodass mir nicht viel geblieben ist.“
Mit einem Anflug von Schmerz blickte er auf die Zuckerdose und Gina konnte nicht anders, als seinem Blick zu folgen und die schäbige Porzellandose zu fixieren.
„Wie auch immer! Eines weiß ich noch mit Sicherheit: Am Abend des Mittsommertages musst du bereit sein!“, hörte sie die Stimme ihres Opas, die voll trauriger, fast gänzlich verblasster Erinnerungen war.
Wie gebannt betrachtete Gina die rätselhafte Dose. Mit einem gehörigen Kraftaufwand riss sie sich von deren Anblick los und wollte ihren Opa fragen, was das alles bedeuten solle.
„Was …“, sagte sie noch, doch der Großvater war verschwunden.
„Opa?“, rief sie, erst leise, dann laut, und wandte sich im Raum hin und her. Aber der Großvater blieb verschwunden.
Stattdessen hörte sie ein Geräusch aus der Küche. War er dort? Sie stürmte hinüber. Ihr Vater war an der kleinen Küchenzeile zugange und bereitete sich ungewöhnlich früh für die Frühschicht vor. Er war schon angezogen mit seiner grauen Handwerkerkluft und trug den Bauhelm auf den Kopf. Mit starren Augen schaute er Gina an; sein Gesicht war seltsam weiß und ohne jede Regung. Die entsetzlichen Augen durchbohrten sie kalt. Doch schien er dreimal hinschauen zu müssen, um Gina überhaupt zu erkennen.
„Gina“, sagte er leise und gedehnt und seine Stimme klang, als dränge sie aus einem Grab.
„Warum bist du noch nicht für die Schule fertig?“, fragte er vernehmlicher und ohne jede Freundlichkeit. „Was lungerst du nutzlos herum?“
Die Stimme und der Anblick waren so erschreckend, dass Gina dankbar war, als die schwarzen, leidenschaftslos starrenden Augen in noch tiefere Schwärze fielen, und sie durch eine brummende und vibrierende Dunkelheit glitt und in ihrem Bett erwachte. Für einen Moment blieb sie regungslos liegen und hörte die Geräusche aus der Küche, wo tatsächlich ihr Vater an der Spüle rumorte und dabei irgendeine Melodie im Radio nachsummte. Der Wecker zeigte 6 Uhr früh, eine realistische und normale Zeit für ihren Vater. Dennoch musste sich Gina überwinden, aufzustehen und hinüber in die Küche zu gehen. Ein wenig fürchtete sich vor einem Vater mit weißem Gesicht und leeren Augen. Dass dem nicht so sein würde, war ihr eigentlich schon klar, ehe sie den Raum betrat.
„Gina, Schatz, heute schon so früh wach?“, fragte ihr Vater.
„Ja“, antwortete sie, „hab´ schlecht geträumt!“
„Träume sind Schäume!“, sagte ihr Vater und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

"Gina" – ein Fortsetzungsroman: 1. Der Schatzfund

Wolkeninsel

Gina war auf dem Heimweg von der Schule, als sie den Schatz entdeckte. Eigentlich war es nur eine gewöhnliche Zuckerdose aus Porzellan mit verblasstem blauem Blumenzierrat, wie man sie im Haushalt von Großmüttern findet. Sie war alt und angeschlagen. Am Deckel fehlte eine Ecke und der Griff zum Abheben war abgebrochen. Die Dose stand mitten auf dem asphaltierten Weg, so aufdringlich platziert, dass sie unmöglich zu übersehen war. Kurz schaute Gina sich um und vergewisserte sich, allein zu sein. Der Weg durch das Industriegebiet in der Rosslaufstraße war ihr Schleichweg nach Hause und wurde von anderen selten genutzt. Und in der Tat: Niemand war zu sehen. Sie ging in die Hocke und fummelte vorsichtig den grifflosen Deckel ab. Am Grund der Dose glitzerten die winzigen Kristalle feinen Sandes, Vogelsand nicht unähnlich. Dazwischen lagen alte abgegriffene Münzen, zumindest sahen die metallischen Scheibchen wie Geldstücke aus. Die abgewetzten Stücke waren an den Rändern eingekerbt und stellenweise waren ganze Stücke herausgesägt. Eine nach der anderen nahm Gina sie heraus und legte sie in einer Reihe auf dem Boden neben der Zuckerdose ab. Einige bestanden aus angelaufenem Silber; andere aus geschwärzter Bronze. Symbole und Schriftzeichen waren darauf zu erkennen, von denen Gina meinte, sie in einem Münzkabinett auf mittelalterlichen Münzen gesehen zu haben. Einzelne Schlagwörter der Inschriften konnte sie entziffern: „Ernsthaftigkeit“, „Produktivität“, „Ordnung“ las sie da und wunderte sich. Nichts dergleichen erwartete sie auf jahrhundertealten Geldstücken. Gina wusste genug über Archäologie, um zu wissen, dass der „Fundzusammenhang“ wichtig war; sie legte die Münzen behutsam zurück in die Dose und prägte sich das Umfeld und den Standort genau ein. Rechts die grasbewachsene Böschung, dahinter die schmuddelige Ziegelwand des Gasflaschenhandels; linkerhand an einer Wand mit abblätternder Farbe das Metallschild mit dem Hinweis auf die Schlosserei zwanzig Meter weiter. Auf die Bestandsaufnahme konzentriert nahm sie ihre Büchertasche ab und stellte die Dose auf ihre Bücher und Hefte, schloss den Ranzen und schultere ihn. Dabei überkam sie das Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben.
„Schätze muss man melden“, dachte sie, „und darf sie nicht einfach an sich nehmen.“
Mit schlechtem Gewissen schlich sie sich nach Hause. Daheim erwartete sie ihr Vater mit Spaghetti und einer Bolognesesoße aus dem Glas. Sein Schutzhelm lag auf dem Tisch, als sie aßen. Zum Glück stellte er ihr keine Fragen, denn er erkannte an ihrem Gesicht, wenn er nur einsilbige Antworten erwarten durfte. Nach dem Essen verschwand er auf die Baustelle gerade einmal zwei Häuserblocks weiter, die er in diesen Wochen als Bauleiter betreute. Gina stellte die Zuckerdose in ihrem Zimmer auf die Fensterbank. Dann erledigte sie ihre Hausaufgaben. Später rief eine Freundin an, um sich mit ihr zum Inlinerfahren zu verabreden. Das vertrieb die Dose vorerst aus ihrem Sinn. Und als sie sich an jenem Abend schlafen legte, beachtete Gina sie gar nicht. Nachts begann die Dose zu glühen, eine seltsame Spiegelung des Mondlichts, das durch das Fenster fiel, auf dem matten Porzellan – so schien es. Aber Gina schlief bereits tief und fest und bemerkte es nicht.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

„Gina“, ein literarisches Traumexperiment

Wolkeninsel

Der Roman „Gina“ ist mein erster gelungener Versuch, das bewusste Träumen zur Schaffung einer kompletten Romanhandlung zu nutzen! Der Schaffensprozess erfolgte seit dem 7.6.15 in beinahe allnächtlichen „Sitzungen“. Heraus kam eben „Gina“!
Und da hier noch niemand einen vollständig im Traumzustand entwickelten Roman veröffentlicht hat, erfolgt das jetzt exklusiv auf diesem Blog!

Kurz zum Inhalt:
Als die zwölfjährige Gina mitten auf der Straße eine alte, kaputte Zuckerdose findet, weiß sie zunächst selbst nicht, warum sie das Ding überhaupt mit nach Hause nimmt. Sie kann ja nicht ahnen, dass es sich dabei um ein magisches „Traumportal“ in eine Parallelwelt handelt. Dort, auf der Wolkeninsel, findet sie alles wieder, was ihr in ihrer Kindheit wichtig gewesen ist, und muss sich als Wächterin und Beschützerin dieser Innenwelt beweisen. Denn aus einer rätselhaften Buchrolle wissen Gina und ihre Freunde: Wenn SIE kommen, steht das Ende bevor …

Kapitelübersicht:
1. Der Schatzfund
2. Ginas Großvater
3. Traum und Wirklichkeit
4. Die Doppelgängerin
5. Die Wolkeninsel
6. Die Buchrolle in der Höhle
7. Der Ritt auf dem ersten Sonnenstrahl
8. Zeit des Übergangs
9. SIE
10. Noch eine böse Überraschung
11. Kampf
12. Wer die Mittagssonne berührt
13. Schluss

Morgen folgt das erste Kapitel „Der Schatzfund“!

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

Multidimensionalität

Astral

Heute Morgen liege ich in einem so seltsamen Traum, das ich darüber prä-luzid werde. Zunächst scheint es so, als sähe ich mir, auf dem Fernsehsessel im Wohnzimmer meiner Eltern ausgestreckt, einen Film an, werde aber sofort und ohne merklichen Übergang in dessen Handlung hineinversetzt. Es geht um eine junge Frau, die eine sportliche Karriere gemacht und bei der Bundesmarine gedient hat, nun aber unversehens gestorben ist. Dieser Tod hat auf mysteriöse Weise mit einem jungen Mann zu tun, dem sie zuvor begegnet. Dieser verfügt über die rätselhafte Gabe der „Multidimensionalität“; er kann sich nach Belieben in die Realität ein- und ausblenden. Bei ihrer ersten Begegnung wechselt er über eine Straße zu ihr herüber, indem er, ohne auch nur einen Schritt zu tun, sich einfach mehrfach flackernd in die Szenerie ein- und ausblendet, bis er direkt vor ihr steht. Die junge Frau wiederum verfügt über die Gabe, Menschen durch Berührung zu sich selbst führen zu können, bemerkt aber, als sie diese Fähigkeit an ihrem neuen Freund demonstrieren will, dass es ihr in seinem Fall nicht gelingen will. Welche Umstände schließlich für sie tödlich sind, kann auch aus der beobachteten Traumhandlung nicht erschließen.
Nachdem ich diese Geschichte bis hierher verfolgt habe, wechsle ich jedenfalls in mein altes Schlafzimmer über und unternehme dort, halbbewusst, einen OBE-Versuch. Dieser bringt mich in einen Traum, der im Parkhaus eines Flughafenhotels führt. Schließlich rase ich mit einem kleinen Auto durch die Gänge des Hotels und werde im Foyer angelangt vollkommen luzid; das Miniauto verschwinden und ich schwinge mich durch eine völlig in weißem Marmor gehaltene Hotelhalle, die sich links von mir auftut.
Der Portier tritt an mich heran. Offenbar missbilligt er irgendetwas an meinen Flugabsichten in dieser Halle.
Ich erkläre ihm, dass ich luzid träume und hier alles tun kann, was mir angenehm ist. So fliege ich durch die Halle, die darüber den Charakter eines geräumigen Einkaufszentrums annimmt.
Alles, der Boden, die Wände, ist hier mit poliertem rotem Granit ausgekleidet; modebwusste junge Frauen eilen mit ihrer Shopping-Beute vorüber; Kinder tollen herum, über mir passieren Leute eine mit einem glasverkleideten Geländer bewehrte Passage, die einen Stock über mir die Halle darunter überspannt. Hinter eine gläsernen Abtrennung aus Glas treffe ich auf spielende Kinder und Jugendliche, der Raum ist dort groß genug, dass man Basketball spielen kann. Die Leute genau beobachtend streife ich bis zum Erwachen durch diese Szenerie.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de

Wüstenfahrt

Astral

In einem Wüstengebiet fahre ich rasant mit einem Fahrrad eine Wüstenstraße entlang. Über mir der stahlblaue Himmel. Dabei werde ich luzid. Der ockerfarbene Wüstensand hat eine merkwürdige Beschaffenheit. Er ist anhaftend und grobkörnig wie feuchtes Meersalz. Er klebt überall an den Reifen und dem Rahmen des Rades, hindert aber nicht die ungemein schnelle Fahrt. Ich genieße sie und es geht mir allein darum, diese Traumwelt zu erkunden. Nachdem die Szenerie einige Zeit stabil blieb, erlebe ich schließlich eine Verdunklung der Umgebung. Ich strecke mich und fliege über den Radlenker hinaus aufwärts und habe oben das Gefühl, durch eine Wasseroberfläche in ein anderes Traumumfeld hindurchzutauchen. Ich kann die Wasserlinie wahrnehmen, spüre aber keine Kälte oder Nässe am Körper. Ich öffne kurz die Augen und erkenne erwartungsgemäß, dass ich mich in einem falschen Wachliegen wiederfinde. Ich schließe die Augen zur Stabilisierung wieder und kämpfe gegen die jetzt spürbar werdende Traumlähmung an. Mit einiger Mühe kampfe ich mich über die Wasserlinie, die wie eine dicke weiße Linie mein Gesichtsfeld teilt, hinaus und komme in der Welt darüber frei. Es ist mein Schlafzimmer, allerdings völlig anders möbliert. Antike Möbel aus poliertem, dunkelbraunem Holz und Samtbezügen stehen in dem Raum vor meinem Bett; mein Bett indes ist nicht auffindbar. Nur ein rotes Samtkissen lehnt an der Wand. Normalerweise müsste da ein Bett sein, denke ich, wende mich für einen Augenblick der antiken Sitzgruppe zu, drehe dann in der Luft und blicke in Richtung Bett hinab. Und tatsächlich hat es jetzt hier wieder mein Doppelbett (allerdings ebenfalls in einer Antikausführung in dunklem Holz) mit zerwühlten Decken obenauf. Es gelingt mir allerdings nicht, das wieder aufgetauchte Bett völlig scharf zu sehen. Ich bekomme den Blick einfach nicht klar und erwache schließlich. Es ist 5:13 Uhr.

– – –
Erforsche selbst die Astralwelt mit „Astralwanderungen und luzide Träume. Das Handbuch für Traumreisende“! Zu beziehen bei:
amazon.de
omega-verlag.de